26. Mai. 2017

Kiefer von Graecopithecus, gefunden 1944 in Athen.

Ein schlecht erhaltener Unterkiefer und ein einzelner Backenzahn vom Balkan haben einen voraussichtlich jahrelangen Streit um die frühesten Vorfahren des Menschen ausgelöst. In "PLoS One" haben Wissenschaftler der Universitäten Tübingen und Toronto sowie vom Naturkundemuseum in Sofia den bislang als primitive Affenart eingestuften Graecopithecus zum bislang ältesten bekannten Vorfahren des Menschen befördert.

Der Kritiksturm kam offenbar nicht wirklich überraschend. "Ich erwarte Widerspruch", hatte Madelaine Böhme, Paläontologin an der Universität Tübingen, am Montag auf der Pressekonferenz gesagt, auf der sie dem Menschen einen neuen, den bislang ältesten unmittelbaren Vorfahren verschafft hatte. Die Professorin am Senckenberg-Zentrum für Humanevolution und Paläoumwelt hatte mit ihren Kollegen aus Toronto und Sofia zwei schon ältere Funde der Art Graecopithecus genauestens gescannt, die – und darin bestand die Sensation – vom Balkan stammen.

Die Reaktion der Fachkollegen auf die Veröffentlichung in "PLoS One" ließ nicht lange auf sich warten und war wie erwartet weitgehend negativ. "Die Hypothese geht weit über das hinaus, was die vorliegenden Indizien stützen", sagte etwa Rick Potts, Chef des Human Origins Program am Smithsonian Institute in Washington der "Washington Post". Wesentlich drastischer wird Tim White, streitbarer Frühmenschen-Forscher aus Berkeley, gegenüber dem "New Scientist": David Begun, einer der Co-Autoren, versuche nur "sein müdes Argument mit einem altbekannten Schrottfossil zu stützen, das neu gescannt worden sei".

Der Stammbaum unserer Art ist ein Thema, das wie kaum ein anderes hitzigste Kontroversen provoziert. Sein Stellenwert für unser Selbstverständnis steht in keinem Verhältnis zum Umfang der fossilen Überlieferung, denn diese ist gerade im Stammbereich, der rund mehr als zehn Millionen Jahre zurückreicht, sehr lückenhaft. Jedes noch so kleine Fossil, ob frisch gefunden, oder wie im Fall von Graecopithecus mit modernsten Methoden neu untersucht, hat das Potential die Entstehungsgeschichte des Menschen umzuschreiben.

2012 in Bulgarien gefundener Zahn, der der rätselhaften Gattung Graecopithecus zugeorndet wird.
Bild: Uni Tübingen/Wolfgang Gerber

So verficht David Begun seit etlichen Jahren die nach Tim Whites Einschätzung "müde" Ansicht, dass die frühe Entwicklung zum Menschen hin zu einem großen Teil in Europa stattgefunden habe, das damals ein wahres Paradies für Primaten war. "Vor rund 14 Millionen Jahren begann das Klima in Europa kühler und trockener zu werden, was bei den hiesigen Primaten evolutionäre Innovationen hervorrief", erklärt Begun in einer Pressemitteilung der Universität Toronto. Da sich das Klima aber weiter verschlechterte, verschwanden die europäischen Affenarten. Das begann vor rund 10 Millionen Jahren im nördlicheren Teil des Kontinents. "Andere Arten konnten aber nach Süden ausweichen und wanderten schließlich in Afrika ein", erklärt Begun weiter. Geboren war die Into-Africa-Theorie, die das vorherrschende Bild in sein Gegenteil verkehrt.

2012 in Bulgarien gefundener Zahn, der der rätselhaften Gattung Graecopithecus zugeordnet wird. (Bild: Universität Tübingen/Wolfgang Gerber)Ein 2012 in Bulgarien gefundener Backenzahn und ein Unterkiefer, der 1944 bei Ausschachtungsarbeiten für einen Bunker in Athen geborgen wurde, sind die Kronzeugen für die Umsortierung von Graecopithecus aus einer Gruppe ausgestorbener europäisch-afrikanischer Affen in die menschenähnliche Gruppe. Zusammen mit Madelaine Böhme, ihrem Mitarbeiter Jochen Fuß und Nikolai Spassov vom Bulgarischen Museum für Naturkunde in Sofia stellt David Begun in PLoS One Mikroscans der Zähne vor, die die neue Würde von Graecopithecus, bislang ältester bekannter Vorfahr des Menschen zu sein, rechtfertigen sollen. Die Wurzeln der Backenzähne sind verschmolzen, "in einer Art", so Spassov gegenüber dem "New Scientist", "wie das bislang nur bei Menschen und ihren unmittelbaren Vorfahren bekannt ist". Außerdem deutet der Kiefer aus Athen darauf hin, dass Graecopithecus ziemlich kleine Eckzähne hatte, auch das eine Eigenart der Gruppe der sogenannten Homininen, zu denen nur der Mensch und seine unmittelbaren Vorfahren gehört.

Es ist vor allem diese schmale Fossilienbasis, die die Kollegen gegen die These von Böhme, Begun und ihren Mitarbeitern ins Feld führen. Graecopithecus ist von allen Primatenarten im Umfeld des Menschen eine der am schlechtesten dokumentierten. "Ich würde daher nicht unbedingt meine gesamte Reputation an die Zahnbefunde hängen", meint Bernard Wood von der George-Washington-Universität in der US-Hauptstadt. Sein Fakultäts-Kollege Sergio Almécija warnt gegenüber dem "New Scientist" vor zu weit reichenden Schlussfolgerungen, schließlich könnten verschiedene Entwicklungszweige gleiche Merkmale auch unabhängig voneinander entwickeln.

"Bei einem vergleichbaren Fund in Afrika gäbe es weitaus weniger Skepsis", wehrt sich Begun im "New Scientist" gegen die Kritik. Tatsächlich werden Gattungen wie Sahelanthropus oder Ardipithecus aufgrund weniger Indizien in die Gruppe der Menschenähnlichen eingereiht, obwohl genau das in der Fachwelt höchst umstritten ist. John Hawks, Experte für den frühen Menschenstammbaum an der Universität von Wisconsin, nimmt daher den Streit um die Graecopithecus-Zähne zum Anlass, einen kritischen Blick auf den Rest der frühen Menschenverwandtschaft zu werfen. "Wir sollten uns die ganzen frühen Homininen, die nur wenige Merkmale mit uns teilen, noch einmal genau ansehen und erwägen, dass sie doch eher zur vielfältigen Gruppe der Affen gehören, die Europa und Afrika über lange Zeiträume besiedelten", fordert er gegenüber dem "New Scientist". Die Forscher um David Begun sind derweil auf der Suche nach weiteren Funden, die ihre Einschätzung von Graecopithecus erhärten. "Es gibt die Chance mehr Fossilien zu finden", so Nikolai Spassov, "wir arbeiten bereits daran."