30. Nov. 2017

Rekonstruktion des Gletschermanns durch Kennis.

Gut 26 Jahre ist es her, dass sich ein vermeintlich verunglückter Bergsteiger in den Ötztaler Alpen als mumifizierter Kupferzeitmann entpuppte, der 5300 Jahre lang im Gletschereis des Tisenjochs konserviert worden war. Seither hat "Ötzi", wie er bald hieß, Fachwelt wie Publikum gleichermaßen fasziniert. Heute kommt der Spielfilm "Der Mann aus dem Eis" in die Kinos, eine bildgewaltige, aber oft brutale Spekulation über die Hintergründe des Todes von „Ötzi“. Hilfestellung bei diesem Anliegen konnte die Wissenschaft zwar kaum geben, dafür haben 25 Jahre intensivste Auseinandersetzung mit der Gletschermumie ein überraschend facettenreiches Bild des Kupferzeitmannes geliefert.

Ein sehniger Rücken und ein nahezu kahler Schädel waren von dem Toten zu sehen, den die beiden Bergwanderer Erika und Helmut Simon aus Nürnberg am 19. September 1991 oberhalb der Similaunhütte in den Ötztaler Alpen entdeckten. Eilig alarmierten sie den Hüttenwirt und die Bergwacht, die mit ziemlich schwerem Gerät daranging, das mutmaßliche Schlechtwetteropfer in 3200 Meter Höhe zu bergen. Der Presslufthammer zerschmetterte die Hüfte des Toten, ein Arm wurde gebrochen, damit er in den vorgesehenen Behälter passte. Auch bei der Bergung seiner Ausrüstung ging man nicht zimperlich vor.

Erst dem Innsbrucker Prähistoriker Konrad Spindler soll es gedämmert haben, dass der Tote vom Tisenjoch kein unglücklicher Zeitgenosse war, der völlig unangemessen ausgerüstet in den Hochalpen herumstiefelte und dort einem plötzlichen Wetterumschwung zum Opfer fiel. Tatsächlich hatte die Leiche 5300 Jahre vom Eis eingeschlossen und konserviert auf dem Tisenjoch gelegen. Als die Simons den Körper entdeckten, war das Eis erst kurze Zeit weggeschmolzen. Seither ist die Mumie aus der Kupferzeit einer der bekanntesten Tiroler, wird in der Regel "Ötzi" genannt und ist das Prunkstück des Südtiroler Archäologiemuseums in Bozen, das nach kurzem, aber heftigen Schlagabtausch zwischen Italien und Österreich zur Dauerbleibe wurde.

Kaum Informationen über den Hintergrund

Mehr als 200.000 Menschen pro Jahr besuchen Ötzi in seiner Hightech-Klimakammer und sehen durch dickes Schutzglas einem gefriergetrockneten, knapp 1,50 Meter großen Mann ins ausgetrocknete Auge. "Er ist für uns im Grunde ein recht schwieriges Thema", sagt Museums-Direktorin Angelika Fleckinger, "weil wir da auf der einen Seite diesen umfangreichen Fund haben, diesen ungemein gut erhaltenen Körper, organisches Material, seine Bekleidung und Ausrüstung. Und auf der anderen Seite haben wir für die Zeit, in der der Mann aus dem Eis gelebt hat, unglaublich wenige archäologische Befunde aus diesem Raum." 25 Jahre intensiver Forschung haben trotzdem aus Ötzi den wohl bekanntesten Vertreter der Kupferzeit gemacht und eine der greifbarsten Persönlichkeiten der menschlichen Prähistorie. Doch wie er lebte, was er trieb, ja sogar die tieferen Gründe hinter seinem Tod in der eisigen Höhe des Tisenjochs sind weiterhin unbekannt. "Wir können nur ganz schwer Antwort darauf geben, wie das Leben damals wirklich ausgesehen hat", sagt die Archäologin Angelika Fleckinger.

Unumstritten ist der Mann vom Tisenjoch einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen. Ein Pfeil durchbohrte von hinten sein linkes Schulterblatt und traf eine Arterie, sodass er ziemlich schnell verblutete. Im Todeskampf stürzte er vermutlich einen steinigen Hang hinab und schlug mit dem Kopf auf einen Felsen. Doch warum es zu dem Gewaltverbrechen auf der einsamen Passhöhe kam, ist vollkommen unklar. "Spekulation" nennt der Münchener Kriminalkommissar Alexander Horn alle Theorien, die sich mit den Hintergründen des "Mordfalls Ötzi" befassen. Horn ist Chef der Operativen Fallanalyse Bayern, ein "Profiler", der sich eigentlich mit viel jüngeren Mordfällen im gesamten Freistaat und manchmal auch jenseits seiner Grenzen befasst. Ötzi ist sein "kältester Cold Case", denn auf Bitten des Südtiroler Archäologiemuseums haben Horn und sein Team den Fall mit kriminalistischem Methoden untersucht.

Blick auf das Tisenjoch zwischen Schnalstal und Ötztal.
Bild: Südtiroler Archäologiemuseum
Eduard Egarter-Vigl (l.), bis 2016 Konservator von Ötzi, und Albert Zink, Institut für Mumien, arbeiten mit der Gletscherleiche.
Bild: Südtiroler Archäologiemuseum/Frank Maixner
Nahaufnahme der Kupferklinge, mit der Ötzis Beil ausgestattet war.
Bild: Südtiroler Archäologiemuseum/wisthaler.com
Rekonstruktion des Gletschermanns durch Kennis.
Bild: Südtiroler Archäologiemuseum/Augustin Ochsenreither
Ötzi in seiner Hightech-Kühlzelle.
Bild: Südtiroler Archäologiemuseum
Almwirtschaft auf der Täschalpe im Wallis.
Bild: Michael Schmid/CC BY-SA 3.0
Schafabtrieb im September 2010 an der Schutzhütte Schöne Aussicht im Schnalstal, Südtirol.
Bild: whgler/CC BY-SA 3.0

Mordmotiv war persönlich

Resultat ist eine relativ zuverlässige Chronologie von Ötzis Tod. So traf der Pfeilschuss in eisiger Höhe offenbar einen völlig arglosen Mann. "Er rastete dort oben", erklärt der Fallanalytiker, "wir wissen aufgrund des Mageninhalts, dass er ein sehr umfangreiches Mahl zu sich nahm." Außerdem war sein Bogen noch nicht einsatzfähig, im Köcher steckten nur zwei gebrauchsfertige Pfeile. "Wenn ich mich akut bedroht fühle, dann wäre doch das erste, dass ich meine Waffen herrichte", wundert sich Alexander Horn. Ganz unschuldig ist der Gletschermann dennoch nicht gewesen, denn an seiner rechten Hand hat er zwischen Daumen und Zeigefinger eine tiefe, Schnittwunde, die er nur wenige Tage vor seinem Tod erlitten hatte. Ötzi wurde demnach ein bis zwei Tage zuvor mit einem Messer oder ähnlichem attackiert, konnte den Angriff jedoch abwehren.

"Interessanterweise gibt es keine weiteren Verletzungen", sagt der Ermittler, der genau das nicht erwarten würde. "Nach einer Abwehr wird weiter zugestochen", resümiert Horn seine Erfahrungen aus 20 Jahren im Polizeidienst. Ötzi muss sich also mit solcher Macht gewehrt haben, dass der oder die Angreifer die Attacke sofort aufgaben. Der Gletschermann scheint geglaubt zu haben, dass die Gefahr damit vorüber war, doch der Angriff auf dem Tisenjoch zeigt, dass das eine Fehlkalkulation war. Aus der sicheren Entfernung von etwa 30 Meter wurde er attackiert, diesmal mit einem Pfeil und erfolgreich. Habgier als Motiv scheidet offenkundig aus, denn Ötzis durchaus wertvolle Habe – eine Pelzmütze aus Bärenfell zum Beispiel, oder ein Beil mit Kupferklinge – blieb unangetastet. "Die haben ihn nicht ausgeraubt, die haben ihn nicht weiter geschändet", betont Angelika Fleckinger, "die haben einfach nur zugeschaut, wie er innerhalb von wenigen Minuten verblutete, und dann war es gut." Polizeiermittler Alexander Horn vermutet daher ein persönliches Motiv wie Kränkung oder Rache, endgültig klären lässt sich das nach 5300 Jahren nicht mehr.

Nachkomme der neolithischen Revolution

Wer aber waren die Menschen, mit denen Ötzi vor 5300 Jahren zusammenlebte? Nahezu einzige Informationsquelle ist da der Gletschermann selbst, aber diese Quelle sprudelt auch noch nach 25 Jahren. Am Institut für Mumien der Europäischen Akademie in Bozen hat man seinen genetischen Stammbaum erstellt. Danach gehört Ötzi der ersten Welle der Ackerbauern an, die Ackerbau und Viehzucht aus dem Nahen Osten nach Europa trugen und dort die sogenannte neolithische Revolution auslösten. Die mütterliche Linie gehört zu einer ausschließlich in den italienischen Alpen vorkommenden Gruppe, die kurz nach Ötzi ausstarb. Die väterliche Linie läßt sich in Spuren noch in den heutigen Europäern nachweisen, am stärksten ist sie unter den Bewohnern Korsikas und Sardiniens. Auf den Inseln wirkten sich die späteren Einwanderungen, die sich in Europa in unbekannter Zahl ereigneten, weniger stark aus als auf dem Festland. Dort wurde das Erbgut Mal um Mal verändert, die Spur der Einwanderer aus der Jungsteinzeit verlor sich immer mehr.

Sicher ist, dass Ötzi im oberen Eisacktal in der Nähe des heutigen Brixen seine Jugend verlebte und vor seinem Tod im Vinschgau, dem oberen Etschtal, lebte. Das hat die Analyse des Zahnschmelzes und der Haare ergeben. Sicher ist auch, dass er 40 bis 50 Jahre alt war, also wohl zu den ältesten seiner Sippe gezählt haben dürfte, und dass sein Skelett erstaunlicherweise vor allem Zeichen ausgedehnter Wanderungen besitzt und weniger solche von Handarbeit wie Ackerbau, Schmieden oder Bergbau. Allerdings könnte das auch die Arbeitsteilung in der Gesellschaft der Ackerbauern und Viehzüchter in der Jungsteinzeit widerspiegeln. Eine aktuelle Studie in "Science Advances" zeigt, dass bei ihnen offenbar vor allem die Frauen die Arbeiten leisteten, die wie Töpfern, Getreide, Häute oder Wolle verarbeiten den Oberkörper, die Arme und Hände belasten. Die Forscher um Alison Macintosh von der Universität Cambridge haben die Belastung der Schienbeine und Oberarmknochen von Männern und Frauen von der Jungsteinzeit bis zur Moderne verglichen. Danach weisen die Knochen der Frauen Belastungen wie heutige Ruderer auf, die der Männer solche von Läufern. Die untersuchten Knochen aus der Jungsteinzeit gehören zur linearbandkeramischen Kultur aus dem nordalpinen Raum. Ötzis Sippe dürfte nicht zu dieser Kultur gehört haben, war unter Umständen aber ähnlich aufgebaut.

Unsicher bleibt daher, was Ötzi getrieben hat. "Irgendetwas mit Handel", vermutet etwa der Paläogenetiker Albert Zink, Chef des Instituts für Mumien. Handel hat es eindeutig zu Ötzis Zeiten schon gegeben, auch solchen, den man getrost mit Fernhandel bezeichnen kann. Denn das Beil, das man bei der Gletscherleiche fand, besitzt eine Kupferklinge aus südtoskanischem Metall. Erst im vergangenen Juli wiesen italienische Forscher nach, dass die Isotopenverhältnisse in seinem Kupfer und die vorhandenen Spurenelemente mit den Erzvorkommen der 450 Kilometer entfernten Colline metallifere in der Höhe von Elba übereinstimmt. Ob Ötzi das Roherz eintauschte und es selbst einschmolz und zu einer Klinge schmiedete, oder ob er gleich die fertige Klinge erwarb, können die Archäologen allerdings nicht sagen.

Fernhandel in der Kupferzeit

"Auch wie der Handelskontakt genau funktionierte, können wir nicht mit Sicherheit sagen", sagt Angelika Fleckinger. Wie groß die Zahl der Mittelsmänner zum Beispiel war, bleibt völlig offen, ebenso wie die Frage, was die Bewohner des Vinschgaus und seiner Seitentälern denn als Tauschgut anzubieten hatten. In Frage kämen Lebensmittel wie Honig, eventuell auch Feuerstein, den man im Gardaseeraum finden konnte, vielleicht sogar Arbeitskraft. Sicher ist nach Fleckingers Ansicht nur eins: "Es hat irgendetwas gegeben, wogegen man diese Axt hat eintauschen können."

Und so bleibt die Frage weiter offen, was den kupferzeitlichen Ötzi auf das Tisenjoch getrieben hat, wo er schließlich umkam. Gelebt haben die Ackerbauern der Kupferzeit einen Zwei-Tages-Marsch entfernt, die nächsten Fundstätten sind auf Schloß Juval am Taleingang und in Latsch zu finden. "Das Schnalstal selbst, das zum Tisenjoch führt, war in der Kupferzeit noch nicht besiedelt", erzählt der Südtiroler Archäologe Andreas Putzer, der dort gerade ein groß angelegtes Grabungsprojekt abgeschlossen hat. Zusammen mit Botanikern der Universität Innsbruck wollte Putzer nicht nur die Besiedlung des Tals klären, sondern auch, ob die Kupferzeitmenschen schon die Almwirtschaft und die damit verbundenen Viehtriebe kannten. Diese sogenannte Transhumanz ist in der Gegend urkundlich seit dem 14. Jahrhundert bezeugt und reichte geographisch bis ins Hintere Ötztal auf der anderen Seite des Tisenjoch.

Almwirtschaft kann ausgeschlossen werden

Ötzi als Mitglied einer weit wandernden Sippe von Viehhirten hätte zumindest eine plausible Erklärung für den Fundplatz der Leiche geliefert. Die Ergebnisse der Grabungen im Schnalstal sprechen allerdings gegen diese Theorie. "Wir finden erst ab der Bronzezeit Strukturen vor, die eine Art Beweidung anzeigen", berichtet Klaus Oeggl, Botanikprofessor an der Universität Innsbruck und Projektpartner von Andreas Putzer. Während der Südtiroler Archäologe eine gründliche Bestandsaufnahme der Fundstätten im Schnalstal und seinen Seitentälern durchführte, analysierte der Botaniker aus Innsbruck die Pollen, die man in entsprechend alten Schichten von moorigen Senken und verlandeten Seen fand. Bestimmte Arten im Pollenspektrum, so der Ansatz, zeigen die Veränderung der hochalpinen Landschaft durch den Menschen und sein Vieh. Ziegen, Schafe und Kühe fressen nämlich alles klein und begünstigen dadurch schnellwachsende Arten, vor allem aber düngen sie den kargen Boden mit ihrem Dung und Urin.

Solche "Weidezeiger" hatte man schon in den 90er-Jahren untersucht und daraufhin die Almwirtschafts-Theorie entwickelt. Doch in der Zwischenzeit waren Zweifel aufgekommen, ob die damals gewählten Pflanzen – zum Beispiel Brennnessel oder Spitzwegerich – wirklich so genau den menschlichen Einfluss widerspiegeln. Die erneute Prüfung mit anderen, wesentlich selteneren Pflanzen wie dem Kleinen Augentrost und bestimmten Enzianarten, warf denn auch die Theorie über den Haufen. Parallel fanden die Archäologen auch nur Siedlungsspuren aus der Bronzezeit, also rund 2000 Jahre nach Ötzis Tod. "Beide wissenschaftlichen Methoden kamen also zum selben Ergebnis", so Andreas Putzer, "der Einfluss des Menschen zu Ötzis Zeit ist im Schnalstal gering bis gar nicht festzustellen."