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Zeuge aus der Kupferzeit

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 20.09.2011 10:57

Die Faszination der Gletschermumie Ötzi vom Tisenjoch ist auch nach 20 Jahren ungebrochen. Fast drei Millionen Besucher hat der Mann aus der Kupferzeit inzwischen in seinem auf konstant -6,5 Grad gehaltenen Gemach empfangen, allerdings durch dicke Wände und Glasscheiben von der Schar der Schaulustigen getrennt. 15 Kilo schwer und 5300 Jahre alt ist der Körper, der in einer hochmodernen Klimakammer im Südtiroler Archäologiemuseum in Botzen aufbewahrt, aber auch ausgestellt wird. Am 19. September 1991 hatten zwei Bergwanderer aus Nürnberg den Körper entdeckt.

Ötzi auf dem OP-TischDie wissenschaftliche Aufarbeitung dauert an. Standen erst medizinische, archäologische und anthropologische Aspekte im Vordergrund, kommen jetzt molekularbiologischen Methoden zum Zuge. Jüngstes Projekt ist die Entschlüsselung seines Erbguts. Die hat Albert Zink, Direktor des eigens in Bozen eingerichteten Instituts für Mumien und den Eismann, zusammen mit Carsten Pusch, Assistenzprofessor am Institut für Molekulargenetik der Universität Tübingen durchgeführt. "Wir konnten über 95 Prozent seiner Kern-DNA sequenzieren", erklärt Carsten Pusch. Über die Ergebnisse wollen beide Forscher außer der Augenfarbe Braun noch nichts konkretes verraten. Der Rest bleibt einem Mumienkongress vorbehalten, der im Oktober am Bozener Institut stattfindet. Dort sollen Überraschungen in puncto Abstammung und Erbkrankheiten bekannt gegeben werden.

 

TisenjochDabei hat die Isotopenanalyse seiner Zähne und von Glimmerspuren, die man im Darm der Mumie gefunden hatte, seine Heimat ziemlich genau identifiziert. Zähne sind so etwas wie Archive der individuellen Lebensgeschichte, und diese Archive zeigten, dass Ötzi in seiner Jugend Wasser aus Südtiroler Quellen getrunken haben muss. Wasser ist die Haupt-Sauerstoffquelle für Biominerale wie Knochen und Zähne, und das in Südtirol unterscheidet sich im Gehalt des schweren Sauerstoffisotops O-18 von dem, was nördlich der alpinen Wasserscheide zu Tal fließt. Die Strontium- und Bleiisotope engten den Lebensbereich des Gletschermannes weiter ein, auf das mittlere Eisack- und das untere Pustertal. "Später hat der Mann dann im Vinschgau gelebt", erklärt Albert Zink. Glimmerspuren im Darm der Mumie konnten die Forscher sogar auf ein kleines Gebiet um Meran herum festlegen. Wie die Untersuchung der Argon-Isotope in den Glimmern ergab, hat Ötzi dort die letzte Phase seines Lebens verbracht, bevor er das Schnalstal hinaufstieg und am Tisenjoch starb. 

 

ÖtziZu diesem Zeitpunkt wog der Kupferzeit-Mann rund 50 Kilo, war 1,60 Meter groß und höchstens 46 Jahre alt. Heute ginge er damit als schmächtiges Leichtgewicht im besten Alter durch, damals war er ein schon angegrauter Mann mit beginnender Arthrose und schadhaften Zähnen. Sein Haar, das er offenbar offen trug, war braun und gewellt. Bei genauerer Inspektion der lederhart gewordenen Haut fanden die Kuratoren eine große Anzahl von Tätowierungen, in der Regel Kreuze und Linien, die mit Ruß eingefärbt waren. Forscher um die emeritierte Histologie-Professorin Maria Anna Pabst von der Universität Graz, haben sie sich 2009 näher angesehen. Sie gehen eher davon aus, dass die Tattoos aus medizinischen und nicht aus dekorativen Gründen vorgenommen wurden.

 

Ötzi in der KühlkammerÖtzis Tod hat wohl am meisten Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Es war ein gewaltsamer Tod, soviel steht fest, und der Bozener Pathologe Eduard Egarter-Vigl hat inzwischen den Hergang ziemlich genau rekonstruiert. Egarter-Vigl ist der offizielle  Kurator der Gletschermumie, so etwas wie Ötzis Leibarzt, und hatte schon früh eine Pfeilspitze aus der Schulter der Mumie entfernt. Der Pfeil hatte eine Arterie verletzt, so dass der Wanderer auf dem Tisenjoch vor 5300 Jahren schlicht verblutete. Offenbar traf der Schuss den Gletschermann auch unvorbereitet, denn Zeichen von Gegenwehr oder Vorkehrungen gegen einen Angriff fehlen auf dem Tisenjoch.

 

Dennoch war Ötzis Gegner offenbar nahe, als der Gletschermann starb. Ein Schlag auf die Stirn ließ den bereits durch Blutverlust geschwächten Mann auf den felsigen Boden fallen, wo er sich auch noch ein Schädel-Hirn-Trauma zuzog. Nach dem Tod drehte der Unbekannte den Leichnam überdies noch vor der Leichenstarre auf den Rücken und zogen seinen rechten Arm in die charakteristische Position, offenbar ein Versuch, den Pfeil aus der Schulter zu ziehen. Es gelang nur halb, denn die steinerne Spitze blieb im Körper.

 

TisenjochÖtzi hatte kurz zuvor gegessen. Genetische Untersuchungen ergaben, dass es außer Körnern und Gemüse auch Steinbock gegeben hatte. "Der Mageninhalt war sehr fettreich", sagt Albert Zink, "aber ob das Fett von Steinbockspeck stammt oder von anderen Zutaten, wissen wir noch nicht." Das soll durch eine künftige Analyse der rund 250 Gramm Trockenmasse geschehen, die von Ötzis letzter Mahlzeit nach 5300 Jahren Gefriertrocknung übrigblieb. 

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