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Zeugen einer grünen Vergangenheit

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 22.12.2010 09:44

Birken und Fichten - diese typischen Vertreter nördlicher Wälder trifft man überall in den kaltgemäßigten Breiten Europas, Amerikas und Asiens an. In der Regel dringen sie heutzutage nicht über den Polarkreis hinaus, nördlich davon ist es zu kalt. Dass das nicht immer so war, berichteten Forscher des Byrd-Polarforschungsinstitut an der staatlichen Universität von Ohio auf der Herbsttagung der Amerikanischen Geophysikalischen Union in San Francisco.

Ellesmere IslandDie Forscher um Joel Barker fanden auf der kanadischen Insel Ellesmere Island zahlreiche Überreste von Bäumen. Stämme, Äste und sogar Blätter hatten dort Jahrmillionen nahezu unversehrt überdauert, sie waren nur mumifiziert worden. Ein zurückweichender Gletscher hatte die Baummumien erst jüngst wieder freigegeben. Ellesmere Island ist die nördlichste Landmasse im arktischen Ozean, ihre Nordspitze ist nur noch knapp 800 Kilometer vom Nordpol entfernt. "Es ist eine polare Wüste, wo nur sehr wenig Niederschlag fällt", erklärt Joel Barker. Die Temperaturen im Winter können bis zu minus 50 Grad kalt werden und über Monate im Eiskeller bleiben, "deshalb", so Barker, "ist das wirklich nicht die Umwelt, in der Wälder wachsen".

Millionen Jahre altes BlattDoch im Quittirnipaaq-Nationalpark, keine 100 Kilometer landeinwärts, war das offenbar einmal der Fall. Ranger fanden dort Totholz in großen Mengen, obwohl noch nie jemand dort Bäume gesehen hatte. Bei einer ersten Expedition sammelten Barker und seine Kollegen Proben einfach vom Erdboden, um sie im Labor zu bestimmen. Bei einer weiteren, ausgedehnteren Expedition fanden sie eine weitere Fundstelle, in der es sogar Blätter gab. Dort erklärte sich auch, warum die Bäume sich überhaupt erhalten hatten: Ein Erdrutsch hatte den Wald verschüttet und so vor Wetter und Eis geschützt.

Die Laboruntersuchungen waren schwierig, weil die Bäume viel zu alt für die übliche Datierungsmethode mithilfe des radioaktiven Kohlenstoffisotops C-14 waren. Selbst bei rund 60.000 Jahre alten Fundstücken ist kaum noch radioaktiver Kohlenstoff vorhanden, den man für Datierungen nutzen könnte. "Wir mussten uns auf indirekte Hinweise verlassen, um den Zeitraum einzugrenzen", erklärt Barker. Weil sie nur Fichten und Birken entdeckten, nicht aber wärmeliebende Pflanzen wie den Urweltmammutbaum, gehen die Forscher davon aus, dass der Wald jünger als zehn Millionen Jahre ist. Damals begann die Kälteperiode, in der sich die Erde noch heute befindet. "Und weil es seit zwei Millionen Jahren in der Arktis keine Bäume mehr gibt", so Barker, "bedeutet das die Untergrenze: Danach wuchs dieser Wald zwischen zwei und zehn Millionen Jahren vor heute."

Holz in der EiswüsteDas Leben auf Ellesmere Island muss für die Bäume ziemlich mühselig gewesen sein, immer am Rand des Existenzminimums. Die Forscher fanden nur ziemlich schmächtige Stämmchen, die allerdings bis zu 75 Jahresringe aufwiesen. Diese prekäre Situation macht den Wald zu etwas Besonderem, denn mumifizierte Pflanzen hat das zurückweichende Eis des Polarkreises schon mehrfach freigegeben. "Wir hoffen, durch die Analyse der Baumringe und der chemischen Zusammensetzung des Holzes den Klimawandel damals analysieren zu können, wie schnell es abkühlte und wie rasch die Ökosysteme darauf reagierten", so Barker. Bei ihren nächsten Besuchen auf Ellesmere Island wollen sich die Forscher zudem das damalige Ökosystem genauer anschauen. Pollenkörner und Insektenreste könnten verraten, was sonst noch in dem schütteren Birken und Fichtenwald lebte.

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