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Zwerg auf den Schultern von Riesen

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 19.06.2009 10:15

Jahrelang schlummerte unerkannt ein Fossilienschatz aus dem Devon in den Beständen des Naturkundemuseums Mainz. Eine Bonner Paläontologin erkannte die Bedeutung der 400 Millionen Jahre alten Versteinerung. Das Tier mit dem beziehungsreichen Namen Schinderhannes bartelsi zeigt Merkmale der rund 100 Millionen Jahre älteren Anomalocarididen, die die kambrischen Meere beherrschten. In der aktuellen „Science“ wird der devonische Schinderhannes vorgestellt.

Schinderhannes bartelsi, FossilDie Bezeichnung deutet auf ein räuberisches Naturell hin. Schinderhannes bartelsi wurde mit dem Namen des berühmten Hunsrück-Räubers geschmückt, der zur Zeit der Französischen Revolution und der anschließenden Wirren die Moselregion unsicher machte. Doch die Größe des rund 400 Millionen Jahre alten Tieres aus dem Devon relativiert seine Gefährlichkeit drastisch. Mit knapp zehn Zentimetern sorgte der devonische Schinderhannes wohl nur unter Zwergen für Schrecken, unter winzigen Trilobiten oder anderem Kleingetier. Bei seinen Ahnen war das noch ganz anders gewesen. Die Anomalocarididen, an die Schinderhannes erinnert, waren so etwas wie der Weiße Hai der kambrischen Meere: Bis zu zwei Meter lange Riesen, die nach Art eines fliegenden Teppichs durch das Wasser schwebten, sich unbemerkt an ihre Beute anpirschten und die Unglücklichen mit einem blitzschnellen Griff ihrer stachelbewehrten Greifarme packten und fraßen.

Das Besondere am kleinen Schinderhannes ist sein Alter: Er ist mit 400 Millionen Jahren gut 100 Millionen Jahre jünger als die jüngsten Anomalocarididen - und sieht ihnen recht ähnlich. „Der Fund dokumentiert damit schmerzlich, wie lückenhaft der Fossilbericht teilweise ist“, erklärt Professor Jes Rust, Paläontologe an der Universität Bonn. Zum Vergleich: Eine entsprechende Lücke hätte ein Paläontologe der Zukunft, wenn er das Skelett eines Brontosaurus entdeckte und als nächstes Fossil die Reste einer heutigen Mondrakete.

Fast wäre Schinderhannes gar nicht entdeckt worden und die Anomalocarididen damit eine im Kambrium ausgestorbene Tiergruppe geblieben. Denn das Fossil war als „rätselhaft“ in den Beständen des Naturhistorischen Museums in Mainz abgelegt worden. Jes Rusts Doktorandin Gabriele Kühl analysierte Röntgenaufnahmen des Fossils und stellte ein Wachsmodell des Tieres her. „Es handelte sich ohne Zweifel um einen räuberischen, gut schwimmenden Gliederfüßer“, so Kühl. Ihr Glück war, dass der Experte für kambrische Fauna Professor Derek Briggs vom Peabody-Museum der US-Universität Yale gerade einen Forschungsaufenthalt in Bonn absolvierte. „Die Greifarme von Schinderhannes ähneln denjenigen der Anomalocarididen sehr stark“, so Briggs, „unseren Analysen zufolge liegt Schinderhannes zwischen den Anomalocarididen und dem Rest der Gliederfüßer.“

Schinderhannes bartelsi, RekonstruktionWie die Verwandtschaftsverhältnisse genau sind, bleibt bis auf weiteres allerdings unklar. Schinderhannes zeigt sowohl Merkmale der kambrischen als auch der späteren Gliederfüßer. Von den kambrischen Räubern etwa hat er die großen, vermutlich exzellent sehenden Augen, die Greifarme und den mit Platten umkränzten Mund. Der Hinterkörper dagegen erinnert stark an andere Gliederfüßer. Eine Besonderheit sind allerdings das Paar „Brustflossen“, mit dem sich der devonische Kleinräuber durch das Wasser bewegte - etwa so wie es Pinguine heutzutage machen. Wegen dieses Merkmal-Mixes ist es den Wissenschaftlern daher doch zu gewagt, eine direkte Linie von den Anomalocarididen über das devonische Tier zu den moderneren Gliederfüßern zu ziehen. „Es ist eine Art von Bindeglied zwischen den heutigen und den kambrischen Gliederfüßern“, erklärt der US-Paläontologe weiter, „Fossilien, die die 100-Millionen-Jahre-Lücke schließen könnten, gibt es allerdings nicht.“

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