23. Apr. 2019
Eisberge wie dieser aus der Iceberg Alley stellen Leitung und Team der Expedition vor Herausforderungen.

Eisberge wie dieser aus der Iceberg Alley stellen Leitung und Team der Expedition vor Herausforderungen.

Was macht eigentlich ein Expeditionsleiter den ganzen Tag? Das fragte sich der Bonner Geowissenschaftler Michael Weber bisher immer, wenn er an Ausfahrten teilnahm. Diesmal sollte alles anders kommen, wie er von Bord der Joides berichtet.

Im Jahr 2015 nahm ich bereits einmal an einer Expedition des International Ocean Discovery Program (IODP) teil. Damals ging es in den Golf von Bengalen und ich arbeitete im Bereich Sedimentphysik. In der Praxis hieß das, den ganzen Tagen Bohrkerne zu wuchten und sie von einem Messinstrument zum nächsten weiterzureichen. Die Leitenden der Expedition erschienen sporadisch und ich fragte mich immer, woher sie eigentlich immer genau wussten, wann sie für den nächsten Kern am sog. Catwalk erscheinen müssen? Und was machten die eigentlich den ganzen Tag so?

Nun, vier Jahre später, weiß ich es. Als Expeditionsleiter sitze ich im „Co-Chief“-Büro und sehe die Kamera, die das Arbeitsdeck zeigt. Ich kann also genau erkennen, wann neue Bohrkerne aus der Tiefsee nach oben kommen. Und genau wie meine Vorgänger bin natürlich auch ich neugierig, was das für Material ist und welche faszinierende Geschichte es bereithalten mag. Also gehe auch ich sporadisch zum Catwalk und sehe die verwunderten Blicke meiner Kolleginnen und Kollegen.

Der Weg zur Expeditionsleitung war lang und anstrengend. Aber nun, nach sechs Jahren Anträge schreiben, Forschende auswählen und Operationspläne schmieden ist es endlich so weit: die IODP-Expedition 382 hat begonnen. Der Name ist Programm: Iceberg Alley, zu Deutsch „Eisberg-Gasse“. Wir wollen die Hinterlassenschaften von Eisbergen im Sediment studieren. Das lässt Rückschlüsse auf das künftige Abschmelzverhalten der antarktischen Gletscher und somit über den damit verbundenen globalen Meeresspiegelanstieg zu. Das Interesse in der Wissenschaftsgemeinde und in der Öffentlichkeit ist entsprechend groß. Ich bin daher nervös und konzentriert zu Beginn der Reise. Alles hängt von guter Planung und Ausführung sowie einem Quäntchen Glück und gutem Bauchgefühl ab.

Wie alle an Bord, so arbeite auch ich offiziell zwölf Stunden am Tag. Meine Schicht ist von Mittag bis Mitternacht. In der Praxis sind es allerdings vor allem die Morgenstunden vor der Schicht, die stressig sind, denn nur dann kann ich mit den Leuten der Nachtschicht reden. Reden und zuhören ist überhaupt das Wichtigste, genauso wie den Überblick über alle Arbeitsstationen zu gewinnen, den reibungslosen Ablauf zu organisieren und alle zu informieren und bei guter Laune zu halten.

Normalerweise kommen etwa alle eineinhalb Stunden knapp zehn Meter Bohrkern aus der Tiefe an Bord. Die Bearbeitung der jeweils 1,5 Meter langen Kernstücke fängt mit der Sedimentphysik an. Diese Gruppe misst physikalische Eigenschaften an verschiedenen Stationen. Dann werden die Kerne geöffnet und vom Sedimentologie-Team beschrieben. Danach führen die Kolleginnen und Kollegen aus der Paläomagnetik und der Paläontologie eine Altersbestimmung durch. Schließlich untersuchen das Geochemie-Team noch die Sedimentzusammensetzung. Alle Arbeiten müssen wie ein Räderwerk ineinandergreifen und ich bin ständig auf der Suche nach dem Flaschenhals, der vermieden werden soll.

Mike Weber mit Anna Glüder im Core Lab.

Mike Weber mit Anna Glüder im Core Lab.

Bild: Marlo Garnsworthy
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Mike Weber mit Anna Glüder im Core Lab.

Bild: Marlo Garnsworthy

Es gibt viele Unwägbarkeiten bei der Durchführung dieser speziellen Expedition, was schon bei der Planung viele Notfallpläne erforderte. Wir befinden uns östlich der Drake-Passage, einer der wildesten Gegenden unseres Planeten. Der Wind ist quasi ständig unser Feind. Er weht an guten Tagen mit 40, an schlechten mit 90 Kilometern pro Stunde. Dazu gesellen sich Wellenberge mit drei bis zehn Metern Höhe, die uns schon einmal zu einer Pause gezwungen haben, da die Wellenkompensation des Bohrturms überschritten wurde. Am Wochenende soll es erneut schlechtes Wetter geben. Das bereitet mir Sorgen.

Schlimmer sind nur noch die Eisberge, die heute erneut einen roten Alarm ausgelöst und somit den Bohrbetrieb zum dritten Mal lahmgelegt haben. Meine Nervosität steigt entsprechend und ich stehe im ständigen Austausch mit dem Kapitän, der Eisbeobachtung und den Bohrleuten, um unsere Operationen bestmöglich anzupassen. Wir sind bereits in Verzug mit unserem Plan und jede weitere Verzögerung wird schmerzliche Einschnitte gegen Ende der Expedition zur Folge haben.

Heute hatte ich dann die erste, harte Entscheidung zu treffen. Die Fortschritte beim Bohren hier im sog. Dovebecken waren schlecht, aber da war die eine Schicht 360 Meter unterhalb des Meeresbodens, die wir unbedingt erreichen wollten. Im ersten Anlauf schafften wir 354 Meter, dann kam uns ein Eisberg dazwischen. Im zweiten Anlauf fast das gleiche Bild: bei 342 Metern machte uns ein Eisberg erneut einen Strich durch die Rechnung. Weitere drei verlorene Tage. Also entschied ich schweren Herzens, das Vorhaben aufzugeben.

Das löste zunächst einmal Frust im Team und auch bei mir aus. Als wir aber die ersten Ergebnisse gemeinsam diskutierten, wandelte sich die Stimmung schnell in Euphorie. Unsere Daten zeigen, dass wir mit den obersten 350 Metern ein einmaliges und vollständiges Klimaarchiv der letzten vier Millionen Jahre vorliegen haben. Noch nie wurde eine derart vollständige Bohrung so nahe an der Antarktis gewonnen. Nun könnten selbst unsere kühnsten Träume übertroffen werden. Langsam macht sich das Bewusstsein breit, dass wir hier Wissenschaftsgeschichte schreiben könnten. Ein tolles Gefühl.

Es beginnt ein neuer Tag. Frustration und Euphorie waren gestern, nun liegt ein weiteres Ziel vor uns. Wir wechseln zu richtig schwerem Gerät und versuchen an einer benachbarten Stelle einen Kilometer tief in den Meeresgrund zu bohren. Hier besteht das wissenschaftliche Ziel darin, den Ursprung des Scotiameeres zu erforschen. Auf diese Weise versuchen wir zu verstehen, wann sich Südamerika und Antarktika getrennt haben und damit den Weg freimachten für einen kalten Zirkumpolarstrom, der die Antarktis thermisch isolierte und zum Aufbau des mächtigen Eispanzers vor Jahrmillionen beitrug. Ich stürze mich also erneut in das Risikomanagement, um zwischen Wetter, Wind, Wellen und Eisbergen den richtigen Kurs zu finden.

Mein Bruder sagte einmal, dass ein Tag mit mehr guten als schlechten Entscheidungen ein guter Tag ist. Die meisten Tage bisher waren gute Tage. Ich lasse eine Liste aufhängen, auf der die Forschenden das Alter des sog. Basements schätzen können. Das sorgt für rege Diskussionen und hebt die Moral.

Ich bin mal gespannt, wie in vier Wochen nach Ende der Expedition meine ganz persönliche Bilanz zur Iceberg Alley Expedition ausfallen wird.

Beste Grüße

Michael Weber (Universität Bonn)