16. Apr. 2019
Anna bestimmt die Farbe eines sog. Dropstones der von Eisbergen ins Scotiameer transportiert wurde. ©Marlo Garnswothy

Anna bestimmt die Farbe eines sogenannten Dropstones, der von Eisbergen ins Scotiameer transportiert wurde.

Hellgrünliches Grau, dunkelgrünliches Grau oder sehr dunkelgrünliches Grau? Wer wie die Sedimentologin Anna Glüder versucht, Veränderungen der Klimageschichte in Sedimentkernen abzulesen, muss ein gutes Auge und viel Geduld mitbringen.

Ich bin keine Künstlerin. Und auch keine Raumdekorateurin. Und trotzdem beschäftigt mich seit drei Wochen alle 45 Minuten (die Taktung, in der neue Bohrkerne im Sedimentlabor ankommen) dieselbe Frage: Dunkelgrünliches Grau oder sehr dunkel gräuliches Grün?

Als Sedimentologin und Paleozeanografin beschäftige ich mich in meiner Forschung mit dem zeitlichen Ablauf der letzten Deglaziation und der Frage, wie sich das System "Eisschild" und das System "Meer" gegenseitig beeinflussen. Diese Frage ist besonders wichtig in Gegenden, in denen die Eisschilde und Gletscher im direkten Kontakt mit der Meeresoberfläche sind, wie es vor allem in der Westantarktis der Fall ist.

Führen große Mengen von Eisschmelzwasser dazu, dass sich auf der Meeresoberfläche eine Süßwasserschicht bildet, die das schwimmende Eisschild vor dem immer wärmer werdenden Meerwasser schützt? Oder führt der damit einhergehende Anstieg des Meeresspiegels dazu, dass immer mehr Eis schmilzt? Um präzise Vorhersagen über die Zukunft unserer Eisschilde machen zu können, müssen wir erst die Regeln dieser Systeme verstehen.

Munsell Farbskala und grünlich graue Sedimente.

Munsell Farbskala und grünlich graue Sedimente.

Bild: Marlo Garnswothy
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Munsell Farbskala und grünlich graue Sedimente.

Bild: Marlo Garnswothy

Obwohl es an Land sehr einfach ist, den Einfluss von Gletschern und dem Meer in Gebirgen und an Stränden zu erkennen, benötigt es ein Auge für's Detail, um deren Handschrift in den Sedimentkernen zu entziffern. Der erste Teil des Arbeitsablaufs an Bord der JR ist daher die Beschreibung der offenen Bohrkerne, um Farbübergänge, dünne Laminierungen und Sandschichten festzuhalten, bevor sich die Sedimente durch den Sauerstoff in der Luft zu verändern beginnen.

Dabei ist Schlammfarbe nicht Schlammfarbe. Um die Beschreibung international konsistent zu halten, benutzen wir das Munsell Farbsystem, das seit 1930 Geowissenschaftlern dabei hilft, Erdfarben zu bestimmen. Das System ordnet Farben nach Farbton, Sättigung und Helligkeit und codiert somit 450 unterschiedliche Erdfarbtöne in Farbzeichen zwischen 5R 8/2 (helles Pink) und 10B2.5/1 (bläuliches Schwarz).

Trotz dieser theoretischen Farbvielfalt bewegen sich die Bohrkerne unserer Expedition bisher stur auf Farbtafel "Gley1" - den Gräulichen Grüntönen: Die Diatomenschlämme – silt-und tonhaltige Schichten mit einem großen Anteil an Kieselalgen – ergeben den Farbton 5GY 3/1 (sehr dunkelgrünliches Grau), Schichten ohne Mikrofossilien sind meistens erkennbar am Farbton 10GY 4/1 (dunkelgrünliches Grau). Selbst um die fast weißliche kalziumkarbonathaltige Schicht zu beschreiben, für die sich Thomas im letzten Blogpost als MIS-11 (Super-Interglazial vor 400.000 Jahren) begeistert, muss man nicht umblättern – in der Kernbeschreibung steht: 10Y 7/1 (hellgrünliches Grau).

Um große Veränderungen in der Klimageschichte des Südozeanes zu erkennen, muss man sich manchmal eben die Details ansehen.

Es grüßt von Bord

Anna Glüder (momentan Doktorandin an der Oregon State University, Corvallis, USA)