03. Mai. 2019
Ein 60 bis 70 Meter langer Eisberg querab der JR.

Ein 60 bis 70 Meter langer Eisberg querab der JR.

CODE RED an Bord der Joides Resolution! Wer freiwillig in die "Allee der Eisberge" kommt, der sollte vorgewarnt sein, doch mit dieser Vielzahl und Größe hat das Team der Expedition 382 nicht gerechnet. Nun müssen sie hoffen, dass ihnen die eisigen Giganten gnädig sind, sonst kommt es doch noch zur befürchteten Nadelöhr-auf-der-Fifth-Avenue-Situation.

Vor einigen Nächten, gegen 2345h bei 59°26’S 41°3’W, stand auf unserer Laborübersichtstafel in großen, freundlichen Buchstaben: "Assuming CODE RED!". Na toll, die Schicht geht ja gut los...

Kurze Zeit später, versammelt sich die gesamte Nachtschicht auf dem FO’C’SLE-Deck (dem Vorschiffdeck) draußen an Backbord. Drei bis vier Meter Seegang, es schneit und der bissige Wind brennt in den Augen. Trotz allem will niemand von uns zurück nach drinnen. Jeder trotzt dem Wetter und blickt angespannt in Richtung Bug. Unsere Finger sind schon fast taub, als er langsam im diffusen Lichtkegel der Eissuchscheinwerfer Gestalt annimmt. Erst nur schemenhaft, dann immer deutlicher, größer, näher! Halb so groß wie unser Schiff, wenige hundert Meter abseits, der erste Eisberg dieser Expedition der uns zwingt, die Bohrung zu unterbrechen und auszuweichen. Für mich ist es das erste Mal in diesen Gewässern, dass ich mich nicht an Bord eines polartauglichen Eisbrechers befinde. Da hilft es auch nicht wirklich, dass die uns zugewandte Seite des Eisberges irritierenderweise wie ein überdimensionierter Dosenöffner geformt ist!

Kapitän Terry, Eisbeobachter Diego und die Wachgänger nehmen im Minutentakt manuelle und Radarpeilungen vor und berechnen so die Route jedes noch so kleinen Stückchens Eises, das sich uns nähert. Sobald feststeht, dass ein Berg vorbeitreibt und keine Gefahr mehr besteht, wird die Bohrung fortgesetzt.

Assuming CODE RED!

Assuming CODE RED!

Bild: Thomas Ronge/AWI
Eisbeobachter Diego peilt einen mittelgroßen Eisberg in unserer roten Zone an.

Eisbeobachter Diego peilt einen mittelgroßen Eisberg in unserer roten Zone an.

Bild: Thomas Ronge/AWI
Ein Matrose verschweißt die zwei Hälften des Freifalltrichters.

Ein Matrose verschweißt die zwei Hälften des Freifalltrichters.

Bild: Thomas Ronge
Der Freifalltrichter wird durch den Moonpool zum Bohrloch hinabgelassen.

Der Freifalltrichter wird durch den Moonpool zum Bohrloch hinabgelassen.

Bild: Thomas Ronge/AWI
Um den Freifalltrichter wieder zu finden, werden Kamera samt Sonar am Bohrgestänge in die Tiefsee hinabgelassen.

Um den Freifalltrichter wieder zu finden, werden Kamera samt Sonar am Bohrgestänge in die Tiefsee hinabgelassen.

Bild: Thomas Ronge/AWI
Eisbergsituation am 19.04.19 in unserem Nördlichen Arbeitsgebiet. SCO-11 und -17 sind geplante Bohrlokationen, die wir noch anlaufen wollen. Alle kleinen weißen Punkte sind ebenfalls (sehr) große Eisberge.

Eisbergsituation am 19.04.19 in unserem Nördlichen Arbeitsgebiet. SCO-11 und -17 sind geplante Bohrlokationen, die wir noch anlaufen wollen. Alle kleinen weißen Punkte sind ebenfalls (sehr) große Eisberge.

Bild: Sentinel-1 SAR imagery; polarview.aq/antarctic; Trevor Williams/IODP
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Assuming CODE RED!

Bild: Thomas Ronge/AWI

Eisbeobachter Diego peilt einen mittelgroßen Eisberg in unserer roten Zone an.

Bild: Thomas Ronge/AWI

Ein Matrose verschweißt die zwei Hälften des Freifalltrichters.

Bild: Thomas Ronge

Der Freifalltrichter wird durch den Moonpool zum Bohrloch hinabgelassen.

Bild: Thomas Ronge/AWI

Um den Freifalltrichter wieder zu finden, werden Kamera samt Sonar am Bohrgestänge in die Tiefsee hinabgelassen.

Bild: Thomas Ronge/AWI

Eisbergsituation am 19.04.19 in unserem Nördlichen Arbeitsgebiet. SCO-11 und -17 sind geplante Bohrlokationen, die wir noch anlaufen wollen. Alle kleinen weißen Punkte sind ebenfalls (sehr) große Eisberge.

Bild: Sentinel-1 SAR imagery; polarview.aq/antarctic; Trevor Williams/IODP

Um unser Schiff haben wir verschiedene Zonen eingerichtet – grün, gelb und rot. Bewegt sich ein Eisberg in unsere grüne Zone, alles im Blickfeld des Radars über 5 Seemeilen (sm) um die JR, wird seine Position alle 10 Minuten elektronisch und manuell erfasst. Bei Eisbergen in der gelben Zone, 3 bis 5 sm um uns herum werden die Bohrteams und Fahrtleiter alarmiert. Bewegen sie sich weiter in unsere rote Zone – 1 bis 3 sm um uns – wird die Bohrung unterbrochen und das Bohrgestänge auf 50 Meter unterhalb des Meeresbodens angehoben. Kommt der Eisberg näher als eine Seemeile wird das Bohrgestänge innerhalb weniger Minuten auf circa 30 Meter oberhalb des Meeresbodens angehoben, um gegebenenfalls auszuweichen. Neben der reinen Distanz der Eisberge spielt aber auch die sogenannte T-Zeit eine wichtige Rolle. Die T-Zeit ist die Zeit, die das Bohrteam maximal braucht, um das Gestänge aus dem Loch zu ziehen. Auf der Brücke wird die T-Zeit dann noch einmal verdoppelt. Droht ein Eisberg uns innerhalb der doppelten T-Zeit zu erreichen, wird die Bohrung unverzüglich abgebrochen, selbst wenn der Berg noch weit außerhalb der gelben oder roten Zonen ist.

Wie Co-Fahrtleiter Mike im letzten Beitrag beschrieben hat, erbohren wir momentan eines der vollständigsten Sedimentarchive nahe der Antarktis. Seit über einer Woche arbeiten wir rund um die Uhr, pausenlos an diesem einmaligen Archiv der antarktischen Klimageschichte. Sollte es jetzt zu einem CODE RED kommen und wir müssten abbrechen, wäre das mehr als ärgerlich. Während ich hier schreibe, ist das Bohrgestänge ~560 Meter unterhalb des Meeresbodens, es herrscht gelber Alarm oder WOI – Waiting On Ice. Die Bohrung wurde unterbrochen, das Bohrgestänge ist aber noch in der Tiefe. Sollte einer der drei sich nähernden Eisberge auf weniger als 1 sm herankommen oder die T-Zeit unterschreiten, müssen wir weg!

Diesmal aber haben wir vorgesorgt. Vor wenigen Tagen haben wir einen riesigen stählernen Freifalltrichter zum Bohrloch hinabgelassen. Sollten wir also das Bohrloch verlassen müssen, können wir später zurückkehren, den Trichter mit einem Kamera- und Sonarsystem orten und schließlich wieder in das Bohrloch eindringen. Klingt einfach, aber den Trichter bei Wind und Wetter von einem sich bewegendem Schiff aus 3,5 Kilometer Entfernung zu treffen, erfordert höchste Präzision.

Einer der Nautiker erklärte es mir so: "Stell dir vor, du stehst auf dem Empire State Building und versuchst an einem windigen Tag, einen Draht durch das Öhr einer Nadel unten auf der Fifth Avenue einzufädeln".

Während uns hier im Süden die Eisbergsituation kleinere Unannehmlichkeiten bereitet, sieht es an unseren nördlicheren Scotia Sea Sites ganz anders aus. Dort treiben mit den Überresten des Eisberges B09 wahre Giganten umher. Mehr als 35 Kilometer lang, 40 Meter über und 350 Meter unter Wasser könnten diese Eisberge Manhattan samt Skyline, Freiheitsstatue und Hot Dog-Ständen locker in den Schatten stellen. Zusätzlich haben die drei Kolosse auch noch eine wahre Armada kleinerer Eisberge im Schlepptau, die aber immer noch um ein Vielfaches größer sind als unsere JR.

Momentan sieht es so aus, als könnten wir bald weiterbohren. Ich fürchte trotzdem, dass ich nicht das letzte Mal am Morgen von einem "Assuming CODE RED!" begrüßt wurde.

Aber obwohl die Verzögerungen an den Nerven zerren, sind wir vorbereitet und wussten vorab, worauf wir uns einlassen. Auf der Suche nach den Spuren antarktischer Gletscher kamen wir schließlich freiwillig in die Allee der Eisberge.

Im Namen der ganzen Besatzung grüßt von Bord der JR

Thomas Ronge (Alfred-Wegener-Institut)