20. Mai. 2019
Unser Schiff Joides Resolution kämpft sich durch 10 Meter Seegang.

Unser Schiff Joides Resolution kämpft sich durch 10 Meter Seegang.

Atemberaubend - so lässt sich die Ausfahrt 382 in einem Wort zusammenfassen. Die Mitreisenden haben viel erlebt und gesehen, was ihnen noch lange in Erinnerung bleiben wird. Zum Ende der Expedition durchleben sie noch einen Krimi, bestehend aus einer haarscharfen letzten Bohrung und einem bedrohlichen Sturm.

Während ich unseren letzten Beitrag verfasse, hat uns die Zivilisation schon fast wieder. Nachdem wir monatelang "allein" auf See waren, ziehen hier am Eingang zur Magellanstraße im Minutentakt chilenische und argentinische Ölbohrplatformen an uns vorbei.

Vergangenen Dienstag haben wir das wissenschaftliche Bohrprogramm beendet. Das Schiff hat nach Norden in Richtung Punta Arenas gedreht, wo in wenigen Stunden - nach 2 Monaten auf See - die Expedition 382 zu Ende gehen wird. Das Technik-Team ist damit beschäftigt, alle Laborgeräte zu warten und zu pflegen, die Labore für die nächste Expedition (383 DYNAPACC) vorzubereiten und wissenschaftliche Proben auf die Reise in Richtung der Institute und IODP-Kernlager in College Station, Texas und Bremen vorzubereiten. Wir Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler schreiben Berichte über die letzte Bohrlokation und entwickeln erste Entwürfe für zukünftige Artikel und Projekte. Denn auch wenn die Expedition nun vorbei ist, die Arbeit geht jetzt erst los.

Über die nächsten Jahre werden wir die gesammelten Proben in unseren Laboren in Indien, Brasilien, China, den USA, Deutschland, Spanien, der Schweiz, Südkorea, Japan, Australien, den Niederlanden und Großbritannien untersuchen, um so gemeinsam einen Teil der antarktischen Klimageschichte zu entschlüsseln. Wir haben durchgehende Sedimentarchive (mehrere Kilometer!), mit denen wir das Klima der letzten vier bis fünf Millionen Jahre kontinuierlich rekonstruieren können. Wir können Zeiten untersuchen, in denen das Klima ähnlich (aber nicht identisch) war zu dem, was uns nun durch den menschgemachten Klimawandel direkt bevorsteht. So können wir unter anderem untersuchen, welche antarktischen Gletscher besonders stabil oder instabil gewesen sind, um letztendlich unsere Vorhersagen für den Anstieg des globalen Meeresspiegels zu verbessern.

Springender Buckelwal, weniger als 50 Meter von der JR entfernt.

Springender Buckelwal, weniger als 50 Meter von der JR entfernt.

Bild: Thomas Ronge
Geburtstagsgeschenk: Eines von Marlos phantastischen Wasserfarbenbildern.

Geburtstagsgeschenk: Eines von Marlos phantastischen Wasserfarbenbildern.

Bild: Thomas Ronge
Geburtstagsfeier mit der Nachtschicht und Karottenkuchen mit Schokoglasur.

Geburtstagsfeier mit der Nachtschicht und Karottenkuchen mit Schokoglasur.

Bild: Luan Heywood/IODP
Besatzung, Stewards und Stewardessen, Technik- sowie Forschungsteam von Expedition 382.

Besatzung, Stewards und Stewardessen, Technik- sowie Forschungsteam von Expedition 382.

Bild: Etienne Claasen/IODP
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Springender Buckelwal, weniger als 50 Meter von der JR entfernt.

Bild: Thomas Ronge

Geburtstagsgeschenk: Eines von Marlos phantastischen Wasserfarbenbildern.

Bild: Thomas Ronge

Geburtstagsfeier mit der Nachtschicht und Karottenkuchen mit Schokoglasur.

Bild: Luan Heywood/IODP

Besatzung, Stewards und Stewardessen, Technik- sowie Forschungsteam von Expedition 382.

Bild: Etienne Claasen/IODP

Bevor es aber so weit ist...

ZEHN METER SEEGANG!

Gegen Ende der letzten Bohrung wurde es noch einmal richtig spannend. Wir wussten, dass sich ein gigantisches Sturmsystem nähert (das wir lieber nicht persönlich kennen lernen wollten), aber auch, dass es nur noch wenige Meter bis MIS 11 (siehe Artikel 2) waren. Weniger als drei Stunden bis zum von Kapitän Terry gesetzten Ende aller Bohraktivitäten. 97 Meter unter dem Meeresboden, noch drei Kerne, die Wellen nehmen zu.

1h 30 min, „Core on Deck“, 107 Meter Tiefe.

Noch 15 Minuten, Kern Nr. 13, 111 Meter Tiefe. Die Sedimente werden heller, MIS11 kommt in greifbare Nähe. Wir bräuchten nur noch einen Kern und leider auch eine Stunde mehr Zeit als genehmigt...

15 Uhr (UTC) das gesetzte Ende ist erreicht, aber es fehlen uns immer noch knapp zehn Meter.

Vierzig Minuten später, die Deadline ist längst verstrichen: „Core on Deck“. Kern Nr. 14! MIS11!
Kapitän Terry und die Bohrmannschaft der JR haben es letztendlich doch noch möglich gemacht, dass wir den letzten so wichtigen Kern noch erbohren konnten.

Weitere zehn Stunden später ist das Bohrgestänge an Bord, die Positionspropeller sind eingezogen und wir machen uns mit drei Knoten (ca. 5,5 Stundenkilometer) auf den Weg Richtung Chile. Die normale Reisegeschwindigkeit sind 10,5 Knoten, was wegen des Sturmes mit bis zu 10 Meter hohen Wellen aber zeitweise nicht möglich war.

Am Ende haben wir es doch nach Punta Arenas geschafft. Wir erbohrten fünf Lokationen mit insgesamt 18 Bohrlöchern. Wir haben 3,2 Kilometer Sedimente erbohrt und insgesamt 2,8 Kilometer Sedimente gewonnen und in unseren Lagerräumen verstaut. Wir haben Berichte geschrieben, Projekte entwickelt und Entdeckungen gemacht, die dazu beitragen werden das Klima besser zu verstehen.

Der andere Teil der Geschichte

Aber über die Wissenschaft allein zu sprechen wäre nur ein Teil der Geschichte. Ich habe Albatrosse gesehen, die so nahe kamen, dass ich sie beinahe berühren konnte. Ich habe Buckelwale erlebt, die ihre 18 Tonnen spielerisch aus dem Wasser hoben. Ich habe das mulmige Gefühl gespürt, wenn sich Eisberge bei Nacht einem Schiff ohne Eisklasse nähern.

Jede Nacht um fünf Uhr trank ich brasilianischen Mate-Tee mit Gerson, ich habe von Marlo gelernt, wie man mit Salz spektakuläre Wasserfarbenbilder gestaltet, hatte das erste Mal Geburtstag auf See, habe von Alyssa ein paar Wörter spanisch gelernt, mit Maggie vom Segelfliegen geschwärmt, Alberts spektakuläre Lava-Cakes gekostet, gelernt wie ich einen Frühstücksburrito zubereite, hatte die Ehre Wally Broecker auf seiner letzten Reise zu begleiten, war bei Kapitän Terrys finaler Expedition an Bord und habe nicht nur Projekte sondern echte neue Freundschaften geknüpft.

Ein letztes Mal: Grüße von Bord

Thomas Ronge (Alfred-Wegener-Institut)