27. Feb. 2018

Ein Regenbogen auf dem weiten Atlantik, den wir sehen, nachdem wir Las Palmas de Gran Canaria verlassen haben.

In unseren letzten Blogeinträgen wollen wir noch einmal unsere Reise durch das Mittelmeer Revue passieren lassen, denn es ist schon etwas Besonderes, dieses Meer vom einen bis fast zum anderen Ende durchqueren zu dürfen. Dabei sind es auch die vielen engen Seewege und Wasserstraßen, die das Mittelmeer so einzigartig machen.

Diese Engpässe waren charakteristisch für unsere Reise und daher wollen wir Sie einladen, uns noch einmal auf unserer Tour durch’s Mare Nostrum zu begleiten und dabei das reiche kulturelle und geologische Erbe dieser Region aufzusaugen, während wir uns auf unserem letzten Transit in Richtung des Hafens von Heraklion befinden.

Dabei genießen wir jeden Blick auf das Wasser, den wir erhaschen können, während wir die Labore räumen, unsere Geräte verpacken und von unseren neuen Daten schwärmen, die wir in den letzten Wochen aufgezeichnet haben – wie typische Wissenschaftler das eben so machen! Bis in einigen Tagen zu Hause!

Heidrun Kopp
Fahrtleitung MSM71, auf See

P.S. Die engen Meeresstraßen waren übrigens die einzigen Engpässe auf MSM71, daher hier nochmals unser expliziter Dank an die Kombüse, wo uns Sebastian M. und Mario B. zusammen mit Iris S. drei Wochen lang verwöhnt haben sowie an Benjamin R. und seinen Trupp aus der Maschine, die alles am Laufen hielten.

 

Wasserstraßen und ihre Rolle in der geologischen Geschichte

Von Anouk Beniest, UPMC, übersetzt von Leonie Papanagnou

Die Maria S. Merian verlässt den Hafen von Las Palmas de Gran Canaria am 7. Februar 2018 um 16 Uhr. Wir fahren in Richtung Heraklion auf der Insel Kreta. Innerhalb von 22 Tagen auf
See müssen wir 29 Ozeanboden-Seismometer (OBS) bergen, die seit Beginn ihres Einsatzes vor einigen Monaten am Boden des Ligurischen Meeres auch kleinste Erdbeben registrieren.
Außerdem wollen wir unterwegs weitere 48 Ozeanboden-Seismometer und Ozeanboden-Hydrophone (OBH) entlang zweier Profile aussetzen, die nur kurzzeitig seismische Daten aufzeichnen. Dadurch wollen wir die Deformation der Alpen, die durch die Kollision der Europäischen und der Afrikanischen Lithosphärenplatte aufgeschoben werden, genauer
untersuchen. Wir müssen im Zuge unserer Expedition den Atlantik durchqueren und die Straße von Gibraltar passieren, um die Ligurische See zu erreichen. Nachdem wir dort alle Messgeräte wieder aufgesammelt haben, werden wir die Straße von Bonifacio zwischen Korsika und Sardinien passieren, um ins Tyrrhenische Meer zu gelangen, und schließlich auf dem Weg in das Ionische Meer die Straße von Messina zwischen Sizilien und dem italienischen Festland durchfahren. Und um letztendlich unseren Zielhafen Heraklion zu erreichen, müssen wir
unseren Weg durch die Wasserstraße zwischen Kythira und Antikythira nehmen. Aber woher kommen diese schmalen Seewege? Und welche Rolle haben sie in der jüngsten geologischen Geschichte gespielt?

Die topographische Karte der Gibraltar- Region zeigt die Kante des subduzierenden Tethys-Slabs als schwarz gestrichelte Linie. Rot gekennzeichnet ist die Region, die während der Messinischen Salinitätskrise als Barriere den Atlantik vom Mittelmeer trennte.

Die topographische Karte der Gibraltar-Region zeigt die Kante des subduzierenden Tethys-Slabs als schwarz gestrichelte Linie. Rot gekennzeichnet ist die Region, die während der Messinischen Salinitätskrise als Barriere den Atlantik vom Mittelmeer trennte.

Bild: A. Beniest/IPGP
Die topographische Karte zeigt die Inseln Korsika und Sardinien, die von der Straße von Bonifacio getrennt werden, sowie das Ligurische Meer westlich und das Tyrrhenische Meer östlich der beiden Inseln.

Die topographische Karte zeigt die Inseln Korsika und Sardinien, die von der Straße von Bonifacio getrennt werden, sowie das Ligurische Meer westlich und das Tyrrhenische Meer östlich der beiden Inseln.

Bild: A. Beniest/IPGP
Entlang der Straße von Messina, die Sizilien vom italienischen Festland trennt, verläuft eine aktive Transformstörung, die in rot gekennzeichnet ist. Die Bewegungsrichtung der abtauchenden Platte südwestlich von Kalabrien ist durch Pfeile angegeben. Die gestrichelte schwarze Linie markiert die Kante des Abtauchens.

Entlang der Straße von Messina, die Sizilien vom italienischen Festland trennt, verläuft eine aktive Transformstörung, die in rot gekennzeichnet ist. Die Bewegungsrichtung der abtauchenden Platte südwestlich von Kalabrien ist durch Pfeile angegeben. Die gestrichelte schwarze Linie markiert die Kante des Abtauchens.

Bild: A. Beniest/IPGP
Der Hellenische Bogen (schwarz gestrichelte Linie) grenzt die relativ flache Ägäis nach Süden hin vom restlichen, tiefer gelegeneren Mittelmeer ab. Die Straße Kythira – Antikythira ist rot gekennzeichnet.

Der Hellenische Bogen (schwarz gestrichelte Linie) grenzt die relativ flache Ägäis nach Süden hin vom restlichen, tiefer gelegeneren Mittelmeer ab. Die Straße Kythira – Antikythira ist rot gekennzeichnet.

Bild: A. Beniest/IPGP
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Die topographische Karte der Gibraltar-Region zeigt die Kante des subduzierenden Tethys-Slabs als schwarz gestrichelte Linie. Rot gekennzeichnet ist die Region, die während der Messinischen Salinitätskrise als Barriere den Atlantik vom Mittelmeer trennte.

Bild: A. Beniest/IPGP

Die topographische Karte zeigt die Inseln Korsika und Sardinien, die von der Straße von Bonifacio getrennt werden, sowie das Ligurische Meer westlich und das Tyrrhenische Meer östlich der beiden Inseln.

Bild: A. Beniest/IPGP

Entlang der Straße von Messina, die Sizilien vom italienischen Festland trennt, verläuft eine aktive Transformstörung, die in rot gekennzeichnet ist. Die Bewegungsrichtung der abtauchenden Platte südwestlich von Kalabrien ist durch Pfeile angegeben. Die gestrichelte schwarze Linie markiert die Kante des Abtauchens.

Bild: A. Beniest/IPGP

Der Hellenische Bogen (schwarz gestrichelte Linie) grenzt die relativ flache Ägäis nach Süden hin vom restlichen, tiefer gelegeneren Mittelmeer ab. Die Straße Kythira – Antikythira ist rot gekennzeichnet.

Bild: A. Beniest/IPGP

Die Straße von Gibraltar

Die Straße von Gibraltar trennt die Europäische und die Afrikanische Platte als eine 14,3 Kilometer breite Wasserstraße. Lange bevor Afrika und Europa so nahe beieinander lagen wie
heutzutage, erstreckte sich das Urmeer Tethys zwischen den beiden Kontinenten. Als die Subduktion der Tethys vor etwa 90 Millionen Jahren begann, entstand die Straße von Gibraltar als Resultat der nordwärts gerichteten Bewegung der Afrikanischen Platte. Die enge Wasserstraße spielte im Miozän eine bedeutende Rolle, indem sie vor etwa 5,9 Millionen Jahren durch die nordwärtige Bewegung der Afrikanischen Platte zusammengedrückt und versiegelt wurde. Dadurch konnte kein neues Meerwasser ins Mittelmeer fließen und dieses trocknete – mitbedingt durch die hohe Verdunstungsrate – vollständig aus, sodass mächtige Pakete aus Salz und anderen Verdunstungsgesteinen am Boden zurückblieben. Dieses Ereignis ist bekannt als die sogenannte Messinische Salinitätskrise. Nur etwa 600.000 Jahre danach, vor etwa 5,33 Millionen Jahren, brach das Wasser sich seinen Weg durch die Barriere bei Gibraltar und die sogenannte Post-Messinische Flut füllte das Becken. In den letzten 5 Millionen Jahren lagerten sich Sedimente über den Verdunstungsgesteinen ab und ließen das Mittelmeer in seiner heutigen Form entstehen.

Die Straße von Bonifacio

Die Landmassen der Inseln Korsika und Sardinien sind unterbrochen durch die Straße von Bonifacio, die an ihrer engsten Stelle etwa 11 Kilometer breit ist. Beide Inseln bestehen hauptsächlich aus Granit und Kalkstein und über einen Großteil ihrer geologischen Geschichte hinweg verhielten sie sich als ein gemeinsamer, zusammenhängender Block der Erdkruste. Sowohl im Westen als auch im Osten Korsikas bzw. Sardiniens streckt sich die Kruste ("Extension") und senkt sich infolge ihrer Ausdünnung ab, wodurch das Ligurische Meer westlich und das Tyrrhenische Meer östlich der Inseln entstand. Die Straße von Bonifacio zwischen Korsika und Sardinien ist mit nicht mehr als 100 Metern Tiefe eine eher seichte Passage mit zahlreichen Untiefen. In prähistorischer Zeit, als der mittlere Meeresspiegel noch wesentlich tiefer lag als heutzutage, stellte der Bereich der Wasserstraße ein Tal oder eine Schlucht dar, die das heutige Korsika und Sardinien als flache Landbrücke miteinander verband.

Die Straße von Messina

Die Straße von Messina ist nur 3,1 Kilometer breit und trennt das italienische Festland von der Insel Sizilien. Die Strömungen in der Straße von Messina sind stark, weshalb die Passage früher von Seeleuten gefürchtet war. Aber nicht nur die Strömungen machen die Region gefährlich, denn die Wasserstraße ist zudem eine der seismisch aktivsten Gebiete im gesamten Mittelmeerraum. Im Jahre 1908 erzeugte ein Erdbeben der Magnitude 7,1 eine 10 Meter hohe Tsunami-Welle und verursachte 60.000 Todesfälle. Verantwortlich dafür ist eine Transformstörung, auch Blattverschiebung genannt, die entlang der Straße von Messina von Nordosten in Richtung Südwesten verläuft und durch ruckartiges Freisetzen der
Bewegungsenergie der beiden involvierten Platten Erdbeben verursacht. Terrassenartige Strukturen marinen Ursprungs auf Sizilien weisen darauf hin, dass die Transformstörung die
letzten 2,5 Millionen Jahre über aktiv war. Einer der Gründe für die tektonische Aktivität der Region ist die sich zurückziehende, abtauchende kalte Erdplatte unter Kalabrien auf dem
italienischen Festland.

Straße von Kythira – Antikythira

Die Wasserstraße von Kythira – Antikythira ist mit einer Breite von circa 100 Kilometern die breiteste der Passagen, durch die wir im Laufe unserer Expedidion fahren werden. Ihren Namen hat die Wasserstraße von den Inseln Kythira und Antikythira, die im Nordwesten bzw. Südosten der Straße liegen. Die Ägäis wird durch den sogenannten "Hellenischen Bogen" ("Hellenic Arc"), nach Süden hin begrenzt. Südlich des Hellenischen Bogens ist das Mittelmeer über 4000 Meter tief. Der Hellenische Bogen selbst beinhaltet sowohl Inseln (wie z.B. Kreta und Rhodos) als auch topographisch höher gelegenen Meeresboden und verläuft von Südwest-Griechenland über Kreta bis zur westlichen Türkei. Über die letzten Millionen Jahre hinweg wurde der Hellenische Bogen kontinuierlich gestreckt, wodurch die Kruste an bestimmten Stellen ausdünnte, sich absenkte und überflutet wurde. Die Straße Kythira – Antikythira bildet einen solchen etwa 150 Meter tiefen und damit schiffbaren Durchbruch im Hellenischen Bogen.