01. Mär. 2018

Passage durch die Straße von Bonifacio. Das La Maddalena Archipel (Italien) liegt links, L’île Ratino (Frankreich) ist rechts zu erkennen.

In unseren letzten Blogeinträgen wollen wir noch einmal unsere Reise durch das Mittelmeer Revue passieren lassen, denn es ist schon etwas Besonderes, dieses Meer vom einen bis fast zum anderen Ende durchqueren zu dürfen. Dabei sind es auch die vielen engen Seewege und Wasserstraßen, die das Mittelmeer so einzigartig machen.

Diese Engpässe waren charakteristisch für unsere Reise und daher wollen wir Sie einladen, uns noch einmal auf unserer Tour durch’s Mare Nostrum zu begleiten und dabei das reiche kulturelle und geologische Erbe dieser Region aufzusaugen, während wir uns auf unserem letzten Transit in Richtung des Hafens von Heraklion befinden.

Dabei genießen wir jeden Blick auf das Wasser, den wir erhaschen können, während wir die Labore räumen, unsere Geräte verpacken und von unseren neuen Daten schwärmen, die wir in den letzten Wochen aufgezeichnet haben – wie typische Wissenschaftler das eben so machen! Bis in einigen Tagen zu Hause!

Heidrun Kopp
Fahrtleitung MSM71, auf See

P.S. Die engen Meeresstraßen waren übrigens die einzigen Engpässe auf MSM71, daher hier nochmals unser expliziter Dank an die Kombüse, wo uns Sebastian M. und Mario B. zusammen mit Iris S. drei Wochen lang verwöhnt haben sowie an Benjamin R. und seinen Trupp aus der Maschine, die alles am Laufen hielten.

 

Auf den Spuren alter Handelsrouten

Von Anouk Beniest, UPMC, übersetzt von Leonie Papanagnou

Das Forschungsschiff Maria S. Merian ist unterwegs nach Heraklion auf der Insel Kreta und wird für diese Reise drei Wochen benötigen, während der wir ungefähr 50 Ozeanboden-
Seismometer (OBS) und Ozeanboden-Hydrophone (OBH) aussetzen und bergen werden. So, wie viele Wege nach Rom führen, gibt es viele verschiedene Routen über das Meer, die Einen von Gran Canaria nach Kreta bringen. Wir werden von den weiten Wassern des Atlantik an die schmalen Wasserstraßen des Mittelmeers kommen, von denen die meisten bereits von vergangenen Zivilisationen erkundet und befahren worden sind. Aber wie benutzten diese Kulturen die Wasserstraßen und wofür? Wer waren diese Völker, die in grauer Vorzeit diese Erkundungsarbeit leisteten, sodass wir heutzutage die Meerengen vom westlichen bis zum östlichen Mittelmeer sicher passieren können?

Die Straße von Gibraltar vom Peildeck der Maria S. Merian gesehen, kurz bevor wir ins Mittelmeer einfahren. Links ist die spanische Küstenlinie zu sehen, rechts die marokkanische.

Die Straße von Gibraltar vom Peildeck der Maria S. Merian gesehen, kurz bevor wir ins Mittelmeer einfahren. Links ist die spanische Küstenlinie zu sehen, rechts die marokkanische.

Bild: A. Beniest/IPGP
Enge Durchfahrt in der Straße von Messina.

Enge Durchfahrt in der Straße von Messina.

Bild: A. Beniest/IPGP
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Die Straße von Gibraltar vom Peildeck der Maria S. Merian gesehen, kurz bevor wir ins Mittelmeer einfahren. Links ist die spanische Küstenlinie zu sehen, rechts die marokkanische.

Bild: A. Beniest/IPGP

Enge Durchfahrt in der Straße von Messina.

Bild: A. Beniest/IPGP

Die Straße von Gibraltar

Die Inselgruppe der Kanaren liegt im Atlantischen Ozean vor der Marokkanischen Küste. Bevor die Maria S. Merian die westliche Eingangspassage zum Mittelmeer, die Straße von
Gibraltar, erreicht, müssen wir entlang der nordwestafrikanischen Küste den Atlantik durchfahren. Die Straße von Gibraltar ist an ihrer schmalsten Stelle lediglich 14,3 Kilometer breit
und stellt den einzigen westlichen Zugang zum Mittelmeer über den Seeweg dar. Durch ihre einzigartige Lage wurde die Straße von Gibraltar von verschiedensten Kulturen zu einem
wichtigen Knotenpunkt in Bezug auf Handel, Seefahrt und Verteidigung. Laut Wikipedia benutzten Karthager, Römer, Mauren und Berber die Meerenge als Handelsweg und zur
Durchreise. Allerdings fungierte sie nicht immer als Verbindung zwischen dem Atlantik und dem Mittelmeer. Ende des 15. Jahrhunderts stellte die Straße von Gibraltar hauptsächlich
eine kulturelle Barriere zwischen Europa und Afrika dar, nachdem die maurische Besatzungsmacht nach jahrelangem Kampf von den Spaniern nach Afrika zurückgeschlagen wurde. Seitdem entwickelten sich auf beiden Seiten der Straße von Gibraltar und trotz der geringen Entfernung die Kulturen, Sprachen und Religionen unabhängig voneinander.

Straße von Bonifacio

Nach der Bergung der OBS-Stationen, die acht Monate zuvor zur Langzeitmessung im Ligurischen Meer (einem Meeresgebiet im nordwestlichen Mittelmeer vor der französischen
Südostküste, nordwestlich von Korsika) ausgesetzt worden waren, wird die Maria S. Merian auf dem Weg ins Tyrrhenische Meer (ein Meeresgebiet westlich von Italien und östlich von Korsika und Sardinien) durch die Straße von Bonifacio fahren, die sich zwischen Korsika und Sardinien befindet. Die Straße von Bonifacio wurde schon von den Römern genutzt, um
Güter aus Westeuropa, z.B. Spanischen Wein und Olivenöl, nach Italien zu verschiffen. Es ist die zweite Wasserstraße, die wir seit Beginn unserer Forschungsfahrt passieren. Die
Durchfahrt ist so gefährlich, dass wir sie nicht ohne einen mit den örtlichen Gewässern vertrauten Piloten bestreiten dürfen, der für die Dauer der Passage von einem Schnellboot
aus zu uns an Bord kommt und uns sicher hindurch führt. Nicht ohne Grund ist die Straße von Bonifacio gefürchtet, denn dort gibt es starke Strömungen, tückische Winde und raue
Felsküsten an beiden Ufern. Eins der bekanntesten Schiffswracks der Gegend, das den widrigen Bedingungen dort zum Opfer gefallen ist, ist das der Sélimante, einem französischen Schiff, das die Hafenstadt Toulon mit über 650 Menschen und einer Ladung Schießpulver an Bord verließ, um Verstärkung für den Krimkrieg bereitzustellen. Im Februar 1855 wurde die Besatzung der Sélimante von einem heftigen Sturm überrascht, infolgedessen das Schiff auf den vorgelagerten Felsinseln vor der Südküste Korsikas auf Grund lief und explodierte – niemand an Bord überlebte. Aber auch in modernen Zeiten sind Havarien zu verzeichnen: In den 1990er Jahren ereignete sich ein Tankerunglück in der Straße von Bonifacio, sodass seitdem Schiffe, die gefährliche Güter geladen haben, dazu angehalten werden, die Wasserstraße mit Rücksicht auf die Umwelt zu meiden.

Straße von Messina

Wir haben sie Straße von Bonifacio wohlbehalten passiert und fahren nun nach Süden hin entlang der italienischen Westküste durch das tyrrhenische Meer, das im Süden mit dem offenen Mittelmeer und im Südosten durch die Straße von Messina, die Sizilien vom italienischen Festland trennt, mit dem Ionischen Meer (ein Meeresgebiet südlich von Italien) verbunden ist. Die Straße von Messina ist an ihrer schmalsten Stelle nur 3,1 Kilometer breit. Die reißenden Strömungen alternieren durch Gezeiteneinwirkung alle 6 bis 8 Stunden in ihrer
Flussrichtung, wechselnd von Nord-Süd nach Süd-Nord, sodass gleichzeitig der Wasserstand zwischen dem nördlichen und dem südlichen Ende der Straße um 15 bis 20 Zentimeter schwankt. Die felsige Küste, die enge Passage und die starken Strömungen bewirkten, dass diese Wasserstraße bei Seefahrern in alter Zeit gefürchtet war. Die zwei antiken Siedlungen Melae und Messene im Norden bzw. Osten Siziliens wurden bereits um 750 v. Chr. gegründet, um die Wasserstraße von unwillkommenen Besuchern freizuhalten. Die Ortschaften wurden auch von seefahrenden Händlern als Warenumschlagplätze oder als sicherer Hafen bei stürmischem Wetter genutzt, wenn die Straße von Messina nicht gefahrlos passierbar war.

Straße von Kythira – Antikythira

Um den Zielhafen dieser wissenschaftlichen Expedition zu erreichen, wird die Maria S. Merian durch die Meerenge zwischen Kythira und Antikythira fahren, die die Ägäis (ein
inselreiches Meeresgebiet zwischen Ostgriechenland und der westlichen Türkei) im Südwesten mit dem offenen Mittelmeer verbindet. Im Vergleich zu den anderen Meerengen, die wir bereits näher beschrieben haben, ist die Meerenge Kythira – Antikythira recht breit mit etwa 100 Kilometern an ihrer engsten Stelle. Dennoch ist diese Wasserstraße tückisch: Viele Schiffe sanken bereits zwischen Kythira und Antikythira durch die starken Winde, die in dieser Region vorherrschen. Auch liefen viele Schiffe an der Südküste des Peloponnes, die noch von den Strömungen entlang der Meerenge beeinflusst ist, auf Grund. Die Griechen selbst, obwohl seit alter Zeit erprobt in der Seefahrt und berühmt für ihre Seemannskunst, erachteten die Meerenge als gefährlich. Trotzdem bot sich die Wasserstraße Kythira – Antikythira für Händler aus Nordgriechenland, Istanbul und den Häfen des Schwarzen Meeres an, um Waren aller Art möglichst schnell zu den Zivilisationen des Abendlandes zu verschiffen.