31. Mai. 2016

Der Blick in die Weite vermittelt ein Gefühl von Zeitlosigkeit.

56°N, 52°W. Seit Tagen bewegt sich die Maria S. Merian in der Nähe dieser Koordinaten. Ob nun ein paar Seemeilen weiter südlich, nördlich, östlich oder westlich, an der Aussicht ändert sich nicht so viel. Der Ozean sieht trotzdem jeden Tag anders aus, berichtet die Ozeanographin Marilena Oltmanns.

Ich bin als Postdoc vom GEOMAR mit an Bord und besonders auf die Verankerungsdaten in der zentralen Labrador-See und Irminger-See gespannt. In diesen Regionen tauschen Ozean und Atmosphäre beständig Wärme aus, was Folgen für beide Seiten hat. Wenn zum Beispiel ein kalter Wintersturm dem Ozean Wärme entzieht, wird das Oberflächenwasser kälter und dichter und kann in die Tiefe sinken.

Umgekehrt wird die atmosphärische Zirkulation von der Oberflächentemperatur des Wassers beeinflusst, was zu komplexen Wechselwirkungen zwischen Ozean und Atmosphäre führen kann. In meiner Forschung untersuche ich hauptsächlich die oberste Wasserschicht, die als Brücke zwischen der Atmosphäre und der Tiefsee fungiert, und damit gleichzeitig eine Verbindung zwischen unserem Wetter und unserem Klima herstellt.

Marilena Oltmanns vom GEOMAR ist auf die Verankerungsdaten aus der Labrador- und Irmingersee gespannt.
Bild: Henrike Schmidt
Raum und Zeit verschwimmen, genauso wie die Tage und Nächte an Bord.
Bild: Henrike Schmidt
Ausblick auf Eisberge bei 56°N, 52°W.
Bild: Arne Bendinger

Mitten in der Labrador-See, irgendwo in der Nähe von 56°N, 52°W beobachte ich, wie sich die Wellen um das Schiff herum brechen. Es sieht aus, als würden sich Wasser und Luft vermischen und ich stelle mir vor, wie sie während eines heftigen Wintersturms die Kälte des eisigen Windes mit sich in die Tiefe tragen.

An dieser Stelle, genau unter mir, ist der Ozean fast vier Kilometer tief. Soweit unten wird das Wasser lange brauchen, um wieder an die Oberfläche zu kommen. Vielleicht Jahrhunderte. Vielleicht irgendwo in der Nähe der Antarktis. Raum und Zeit verschwimmen hier, genauso wie die Tage und Nächte an Bord. Die Tiefe und Weite des Ozeans um mich herum vermitteln mir ein Gefühl von Zeitlosigkeit, und mitten darin komme ich mir ziemlich klein vor.

Ihre Marilena Oltmanns, Wissenschaftscrew MSM54