29. Okt. 2018
Vom Arbeitsdeck aus wird das ROV ausgesetzt. Foto: MARUM - Zentrum für Marine Umweltwissenschaften, Universität Bremen, V. Diekamp

Vom Arbeitsdeck aus wird das ROV ausgesetzt.

Der Meeresboden am Gre­at Me­te­or Se­a­m­ount, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2018. Dies sind die Abenteuer des Tauch­ro­bo­ters MARUM-SQUID, der unterwegs ist, um Unbekanntes zu erforschen, fußballgroße Seeigel zu bergen und ganz nebenbei Krabben vor Haien zu retten.

Nur sanft wiegt das Schiff in der leich­ten Dü­nung. Die Son­ne gleißt über das Deck, wäh­rend das ROV-Team vol­ler Kon­zen­tra­ti­on sei­ner Ar­beit nach­geht. Heu­te ist Tag eins am Gre­at Me­te­or Se­a­m­ount – der ers­te Tauch­gang des Tauch­ro­bo­ters MARUM-SQUID in un­se­rem lang er­sehn­ten Ar­beits­ge­biet be­ginnt. End­lich sol­len die stei­len Hän­ge des un­ter­mee­ri­schen Ko­los­ses ihr Ge­heim­nis lüf­ten.

Das Ver­mes­sungs­team hat­te die gan­ze Nacht un­ter Hoch­druck ge­ar­bei­tet, um eine hoch­prä­zi­se Kar­te des nörd­lichs­ten Sporns zu er­stel­len – die Ziel­re­gi­on für heu­te. End­lich kön­nen die lei­ten­den Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­ler die ge­naue Rou­te fest­le­gen. Übe­r­all an Bord herrscht eine er­war­tungs­vol­le Stim­mung.

Das ROV – so die Kurz­form des re­mo­te­ly ope­ra­ted ve­hi­cle – wird zu Was­ser ge­las­sen. Am Grund an­ge­kom­men, fin­den die letz­ten Fein­ein­stel­lun­gen statt, be­vor die Er­kun­dungs­fahrt star­tet. Vor ei­ner Wand aus Bild­schir­men sit­zen die bei­den ROV-Pi­lo­ten und steu­ern den Tauch­ro­bo­ter. Di­rekt da­hin­ter im en­gen Raum sit­zen drei Wis­sen­schaft­ler und ver­fol­gen die Live­bil­der vom Mee­res­grund – im­mer auf der Aus­schau nach Tief­see­ko­ral­len und an­de­ren Un­ter­was­ser­le­be­we­sen.

Das ROV Team im Kontrollraum.

Das ROV Team im Kontrollraum.

Bild: MARUM/Uni Bremen/V. Diekamp
Der fußballgroße Seeigel.

Der fußballgroße Seeigel.

Bild: MARUM/Uni Bremen/V. Diekamp
Eine Trägerkrabbe der Gattung Paromola mit einer Oktokoralle auf dem Rücken.

Eine Trägerkrabbe der Gattung Paromola mit einer Oktokoralle auf dem Rücken.

Bild: MARUM/Uni Bremen
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Das ROV Team im Kontrollraum.

Bild: MARUM/Uni Bremen/V. Diekamp

Der fußballgroße Seeigel.

Bild: MARUM/Uni Bremen/V. Diekamp

Eine Trägerkrabbe der Gattung Paromola mit einer Oktokoralle auf dem Rücken.

Bild: MARUM/Uni Bremen

Wäh­rend­des­sen küm­mert sich an Deck das ein­ge­spiel­te Team um das Wei­te­re, da­mit rund um den Tauch­ro­bo­ter al­les läuft. Dazu ge­hört der Win­den­fah­rer, der auf­merk­sam das ki­lo­me­ter­lan­ge Ka­bel, wel­ches das ROV wie eine Na­bel­schnur mit dem Schiff ver­bin­det, stets im Blick hat und be­hut­sam fiert und hievt. Auch der Tech­ni­ker, der sich um die ge­naue Po­si­tio­nie­rung über USBL küm­mert und ein Mann, der für den rei­bungs­lo­sen Ab­lauf der Live­über­tra­gung des Vi­deo­ma­te­ri­als in den Kon­fe­renz­raum ver­ant­wort­lich ist, wer­den ge­braucht. Denn hier war­tet ge­spannt der Rest der Wis­sen­schaft und be­ob­ach­tet den un­be­kann­ten Mee­res­grund auf­merk­sam.

Ent­de­cken die Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­ler et­was Span­nen­des, wie bei­spiels­wei­se eine le­ben­de Ko­ral­le, so wird der Wunsch gleich an das ROV-Team wei­ter­ge­ge­ben. Punkt­ge­nau wird der Greif­arm ge­steu­ert und sorg­fäl­tig das fra­gi­le Ob­jekt der Be­gier­de ein­ge­sam­melt – Mil­li­me­ter­ar­beit! Zu­sam­men mit den an­de­ren Pro­ben wird es dann si­cher in ei­ner der mit­ge­führ­ten Kis­ten ver­staut. Manch­mal stel­len die Wis­sen­schaft­ler die ROV-Pi­lo­ten aber auch vor be­son­ders kniff­li­ge Auf­ga­ben – zum Bei­spiel, als ein See­igel so groß wie ein Fuß­ball und da­mit grö­ßer als die mit­ge­führ­ten Net­ze er­folg­reich ge­bor­gen wer­den konn­te.

Doch nicht nur Pro­ben von di­ver­sen Le­be­we­sen wer­den durch den Tauch­ro­bo­ter auf­ge­sam­melt, auch Was­ser­pro­ben so­wie kur­ze Se­di­ment­ker­ne kön­nen für spä­te­re geo­che­mi­sche Ana­ly­sen ge­nom­men und wie­der an Deck ge­bracht wer­den.

Dort wird be­reits wäh­rend des Tauch­gangs al­les de­tail­liert do­ku­men­tiert – nicht nur die ge­naue Lo­ka­ti­on und Was­ser­tie­fe, son­dern auch die Was­ser­ei­gen­schaf­ten wie Tem­pe­ra­tur und Salz­ge­halt. Alle Ent­de­ckun­gen wer­den mi­nu­ten­ge­nau in das Pro­to­koll auf­ge­nom­men, um so spä­ter ein­mal zu den ge­nau­en Vi­deo­mit­schnit­ten zu­rück­keh­ren zu kön­nen. So auch zu der Stel­le, an der wir eine Trä­ger­krab­be, die zu ih­rer Ver­tei­di­gung eine Ok­to­ko­ral­le auf dem Rü­cken bei sich trug, vor dem si­che­ren Hai­tod ret­ten konn­ten, in­dem wir durch un­se­re pure An­we­sen­heit den "Jä­ger ver­jag­ten".

Ist der Tauch­gang vor­bei und der Tief­see­ro­bo­ter wie­der fest ver­staut, herrscht kurz noch­mal re­ges Trei­ben um das ROV – die ge­bor­ge­nen Pro­ben wer­den ent­nom­men und in die ver­schie­de­nen La­bo­re an Bord ver­teilt. Erst dann kehrt wie­der Ruhe rund um das High­tech-Ge­fährt ein, denn ein wei­te­rer er­folg­rei­cher Tauch­gang liegt heu­te hin­ter uns.

Ja, wir füh­len uns dann manch­mal auch fast wie bei Raum­schiff En­t­er­pri­se – wir sto­ßen in Ga­la­xi­en vor, die noch nie ein Mensch zu­vor ge­se­hen hat.