08. Nov. 2019
Die FS Meteor beim Auslaufen in Recife.

Die FS Meteor beim Auslaufen in Recife.

#3: Die verrückte Katzenlady – Ein Beitrag von Marie Hundsdörfer

Ich sitze in einem Liegestuhl auf dem Peildeck und beobachte die untergehende Sonne. Ich sehe die rosa und orangefarbenen Wolken, die rote Sonne, die sich ständig bewegenden Wellen und spüre den abflauenden Wind, die Ruhe des Sonnenuntergangs. Was für ein wunderbarer Abschluss des Tages. Ich vergesse völlig, wie lang dieser Tag war. War er überhaupt so lang? Mal überlegen.....

 1:15 Uhr morgens klingelt das Telefon. Ich schrecke auf. Das ist für mich. Ich falle aus meinem Bett, der oberen Koje. In der Dunkelheit versuche ich das Telefon zu erreichen.

 Ich: "Ja?"

 Labor: "Uns wurde gesagt, wir sollen dich anrufen, wenn das nächste Kalibrierungsprofil ansteht".

 Ich: "Ja, ich komme".    

 Ich lege den Hörer auf. Zumindest versuche ich es. Ich benötige vier Versuche, bis ich den Hörer richtig eingehängt habe. Inzwischen habe ich meine Mitbewohnerin endgültig geweckt, ich höre, wie sie sich in der unteren Koje rührt. Oupsie, sorry.

Marie Hundsdörfer und Julia Galetti.

Bild: Martin Visbeck

Die Microcats.

Bild: Marie Hundsdörfer
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Marie Hundsdörfer und Julia Galetti.

Bild: Martin Visbeck

Die Microcats.

Bild: Marie Hundsdörfer

 Im Labor starte ich nacheinander mehrere sogenannte Microcats („Mikrokatzen“) für das Kalibrierungsprofil. Dafür muss ich sie jeweils mit Kabeln an den Computer anschließen. Anschließend beginnt das typische Geplauder mit den Microcats:

 Ich: "Hey, Microcat, wach auf. Wie geht's? Wie ist dein Name?"

 Microcat: "Aufwachen... verbinden... Oh hallo, wie geht's? Mein Name ist #06".

 Ich: "Ok #06, bitte stell deine Einstellungen auf Probennummer 0 und dein Probenintervall auf 10 Sekunden ein."

 Microcat: "Ok, das tue ich".

 Ich: "Jetzt fang an zu messen und sag mir noch einmal deine Einstellungen".

 So geht es immer weiter, sechs Microcats in Folge. Im Verlauf der Expedition werden es mehr als 25 sein, mit denen ich mich so unterhalte. Ich fühle mich ein wenig müde nach dem erwarteten und doch unerwarteten Weckruf. Aus erhofften sechs Stunden Schlaf wurden knapp vier. Mein Fehler, aber abends um 19:00 Uhr ins Bett zu gehen, fühlte sich irgendwie falsch an.

 Ich bin also allein in diesem Labor und kommuniziere mit Microcats. Was aber ist das genau? Microcats sind kleine Geräte, die Temperatur, Salzgehalt und manchmal auch die Tiefe im Wasser messen. Wir setzen diese Instrumente an ozeanographischen Verankerungen ein, wo sie 1,2 oder auch 3 Jahre im Wasser verbringen und einmal pro Stunde Daten erheben. Bevor und nachdem wir sie im Meer aussetzen, müssen wir sie jedoch kalibrieren. Dies geschieht, indem wir sie auf einen Kranzwasserschöpfe mit CTD-Sensor (CTD-Rosette) montieren. Während die CTD-Rosette in die Tiefe gelassen und danach wieder an Bord geholt wird, stoppen wir die Winde 5-6 mal für mehrere Minuten.

 Aber wer hat diesen Geräten eigentlich den Namen Microcat, Cat, also Katze, gegeben? Ich fühle mich fast schon wie eine verrückte Katzenlady mit mehr als 25 Katzen um mich herum, die alle umsorgt werden wollen. Und alle sind ziemlich dickköpfig.  Gleich zu Beginn der Expedition haben wir viele Microcats aus dem Ozean geborgen und wieder ausgesetzt. So haben wir Tag und Nacht gewartet, bis eine von ihnen ihre Daten übertragen hatte und sie dann in ein Regal verstaut, damit wir die nächste an den Computer anschließen konnten. Das war eine sehr zeitaufwendige Aufgabe. Geht es den Microcats gut? Die erste Amtshandlung am Morgen war es, die Microcats zu überprüfen. Die letzte am Abend war es, ein anderes Microcat an den Computer anzuschließen. Das Runterladen der Daten dauert manchmal 15 Stunden. Meine Betreuerin und ich wechseln uns mit den Schlafzeiten ab und kommunizieren viel mit Notizen. An jedem Microcat kleben Notizen, genauso wie  an den Computern, auf den Schreibtischen und geben Auskunft über ihren Status, ihr Wohlbefinden.

 Ich überprüfe alle Arbeitsschritte mehrmals, spreche mit mir selbst und hake die Checkliste in meinem Kopf sowie auf dem Papier ab. Die Aufgabe ist eigentlich ziemlich einfach, aber mit Schlafmangel und da ich mich noch im Lernprozess befinde, kann man leicht Fehler machen. Ich will aber keine Fehler nur aus Müdigkeit und Unachtsamkeit begehen. Ich gähne laut. Kaffee wäre jetzt toll und ein paar Reste vom Abendessen gestern Abend oder ein Brötchen.

 Ich montiere die Microcats an der CTD-Rosette und starte das Kalibrierungsprofil zusammen mit der CTD-Wache. Ich habe meine Geräte sogar doppelt mit einer weiteren Leine an der Rosette gesichert, nur um sicherzustellen, dass die Microcats sicher sind. Nachdem die CTD-Rosette ins Wasser gelassen wurde, geht es nur noch darum, den Bildschirm der CTD-Kontrolleinheit zu beobachten und zu hoffen, dass nichts piept oder versehentlich auf den Meeresboden trifft. Die Stunden vergehen, 4200m hinunter und wieder hinauf mit sechs Stopps à 6 Minuten dazwischen dauern mehr als 3 Stunden.  

 Viele Stunden, nachdem ich aufgestanden bin, trinke ich meinen ersten Kaffee und schlendere über das Deck. Die CTD-Rosette ist noch im Wasser. Ich beobachte einen wunderschönen Sonnenaufgang über dem Meer. Zuerst ist es ein kleines orangefarbenes Band am Horizont, dann wird es heller und breitet sich über den ganzen Himmel aus. Schließlich geht die Sonne auf, hell und warm. Augenblicklich steigt meine Stimmung.

 Die CTD-Rosette kommt wieder an Deck und ich fange an, die Microcats zu demontieren, sie zu reinigen, ihre Daten herunterzuladen und alles mit Notizen, in Listen und Tabellen zu dokumentieren.

 Um 7:15 Uhr, was sich für mich schon wie Mittagszeit anfühlt, gehe ich endlich frühstücken. Ich sehe noch mehr Leute und nicht nur die kleine Gruppe der Nachtschicht.

 Nach dem Frühstück legen wir eine weitere Verankerung aus. Wieder beginnen wir mit dem Microcat-Geplauder, um 5 Microcats für ihren 1,5-jährigen Aufenthalt tief im Meer zu starten. Ich war ein bisschen nervös,  als wir die ersten ein paar Tage zuvor ausgesetzt haben. Haben wir alles richtig gemacht? Werden sie kontinuierlich messen und uns wertvolle Daten liefern? Wenn wir Fehler gemacht haben, werden wir es erst Jahre später wissen. Wir verabschiedeten uns von einigen der Microcats, um die wir uns in den letzten Tagen so intensiv gekümmert haben...

 Den Rest des Tages verbringen wir mit der Bergung und dem Auslegen von Verankerungen. Die körperliche Arbeit macht Spaß, Bolzen und Ketten zusammenschrauben, Auftriebskörper verbinden, Kabel abspulen. Bis jetzt fühle ich mich großartig und überhaupt nicht müde. Das Mittagessen folgt und fühlt sich wie 6 Uhr abends an, aber es ist erst 11:30 Uhr. Ich gehe für 3 Stunden ins Bett und wache für eine weitere Bergung einer Verankerung auf. Mehr Microcats kommen herein, um die man sich kümmern muss: reinigen, kennzeichnen, mit ihnen sprechen und ihre Daten herunterladen. Neulich habe ich sogar geträumt, dass ich eins habe über Bord gehen lassen. Manchmal fühle ich mich wirklich schon wie eine verrückte Katzenlady. Aber nein, ich fühle mich natürlich nicht so sehr mit ihnen verbunden, als wären es echte Katzen.

 Ich sitze in einem Strandkorb auf dem Peildeck und beobachte den Sonnenuntergang. Ich sehe die rosa und orangefarbenen Wolken, die rote Sonne, die sich ständig bewegenden Wellen und spüre den abflauenden Wind, die Ruhe eines Sonnenuntergangs. Was für ein wunderbarer Abschluss des Tages.


Die Blogeinträge der FS METEOR gibt es ebenfalls unter: https://www.oceanblogs.org/m159/