12. Apr. 2018
Künstlerin Daria Nazarenko interviewt den Ozean.

Künstlerin Daria Nazarenko interviewt den Ozean.

Kunststudentin Daria Nazarenko nimmt als Gast an der Meteor-Expedition teil: Sie entwickelt einen besonderen Blick auf die Räume und Geräusche an Bord und kommt zu einer ganz eigenen Interpretation der Datenauswertungen. Von ihren Erfahrungen berichtet sie im aktuellen Logbuch.

Letztens benutzte ich das Bordtelefon und versuchte dem Festland klarzumachen, was hier auf der Meteor passiert. Vorher gehörte ich auch zu denen, die keine Vorstellung vom Leben auf Forschungsschiffen hatten, denn ich bin als Künstlerin an Bord gekommen. Ich studiere an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle und bekam nur durch Zufall Wind von deutschen Forschergruppen, die monatelang auf See ihren Beobachtungen nachgingen. Ich begann das Telefonat mit der Gebrauchsanweisung, wie Wellenrichtungen bestimmt werden, oder bei der Sichtweite, die manchmal wegen des Saharasandes in der Luft ganz neblig wird. Es gibt da draußen kein Grün, nur Abstufungen von Blautönen in unbestimmter Entfernung. Dazu kommt der Wind, er zerklüftet den Ozean in kleine wallende Berglandschaften. Irgendwann legte ich auf und war mir sicher nicht alles wiedergegeben zu haben.

Meine künstlerische Arbeit beschäftigt sich mit unserem Lebensraum und dessen Veränderung. Wie werden wir von unserer Umgebung geprägt? In meinem Projektantrag formulierte ich die Frage nach dem Kontrast zwischen dem extrem offenen Raum des Ozeans und dem äußerst begrenzten Raum des Forschungsschiffes. Ausgerüstet mit Mikrophonen und Kamera, mit Zeichensachen und Stativ, steige ich täglich in die Beobachtungen mit ein. Natürlich funktioniert eine künstlerische Forschung anders, als die wissenschaftliche. Dazu gibt es viele Ansätze der Beobachtung.

Vor Jahrtausenden dokumentierten Küstenstämme in Piktogrammen ihr Jagd- und Wanderverhalten in Booten. Später im 17. Jahrhundert in Holland entstanden Panoramagemälde, die den Handel und die Welterkundung dokumentierten. Die holländischen Maler kämpften mit dem Format, in das der maritime Raum gefasst werden musste. Noch heute widersetzt sich die See den terrestrischen Grenzen. Wir sind bereits seit über drei Wochen unterwegs. Ich schaue raus und kann die Größenverhältnisse von unserem Schiff nur mäßig fassen. Eigentlich ist es geräumig, perfekt angepasst an die Lebens- und Arbeitsstrukturen der Insassen. Einmal fahren wir mit dem Schlauchboot hinaus und sehen die Meteor von außen, sie scheint plötzlich zerbrechlich. Genauso ist es mit der Bestimmung von Entfernungen. Wenn ich vom obersten Deck in die Wellen schaue, weiß ich, es müssten an die 11 Kilometer Sichtweite sein. Dennoch kann ich die Fläche nicht in Abstände unterteilen. Es gibt keinerlei Referenzen, an die ich mich halten kann. So kann man meinen, dass es nicht einen Horizont, sondern unendlich viele davon geben muss. Am Land herrschen klare Bezüge zur Stadt und Gesellschaft, es ist den einstudierten Alltagsabläufen zu verschulden. An See muss die Zeit und das Beisammensein neu strukturiert werden. Die Arbeiten gehen 24 Stunden lang und stapeln sich in Schichten. Es ist eine allgegenwärtige Zeitlichkeit mit verlaufenen Übergängen. Man weiß: sonntags gibt’s Eis, freitags Fisch, die Zeit ist auf einen Monat begrenzt und hat ein Ende. Wir denken daran, wenn wir Sicht auf die kanarischen Inselgruppen erhalten – Festland.

Sobald ich über die wissenschaftlichen Datensammlungen schaue, mit welcher akribischen Liebe fürs Detail sie hochgehievt werden aus knapp 4500 Metern Tiefe, suche ich nach einer geeigneten Übersetzung dieser Vorgänge. Die Allgemeinforschung ist für mich gar nicht so weit weg von der Kunst. Beide haben ihren Eigenzweck, fassen komplexe Abläufe in überschaubare Strukturen, beide wollen den Erfahrungshorizont der Spezies Mensch ausweiten. Der Blick für Einzelheiten öffnet eine leise Vorstellung vom Nichtgesehenen.

Wie viele Details braucht man, um an ein Ganzes heranzukommen?

Fotocollage

Fotocollage "Doppellicht" von Bord der Meteor.

Bild: D. Nazarenko
Künstlerische Darstellung der Datenauswertungen von Seismik-Ausgaben.

Die Künstlerin skizzierte von Hand die Daten von seismischen Messungen.

Bild: D. Nazarenko
Fotografische Impression von Bord.

Fotografische Impression von Bord.

Bild: D. Nazarenko
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Fotocollage "Doppellicht" von Bord der Meteor.

Bild: D. Nazarenko

Die Künstlerin skizzierte von Hand die Daten von seismischen Messungen.

Bild: D. Nazarenko

Fotografische Impression von Bord.

Bild: D. Nazarenko

Ich wähle Soundaufnahmen von verschiedenen Räumen auf dem Schiff, die ich zu einem Soundscape zusammenfüge, einer Tonkarte sozusagen. Parallel zeichne ich die Datenauswertungen von Seismik-Ausgaben. Das sind grafische Darstellungen gesendeter Soundimpulse und deren Reflexion vom Ozeangrund. Auf diese Weise schauen Wissenschaftler in die Sedimentschichten am Ozeanboden hinein, bis zu 600 Meter in die Materie. Und dann interviewe ich den Ozean. Die Details der Aufnahmen sind entscheidend. Es braucht einige Baustellen, um an die Essenz ranzukommen.

Manchmal wünsche ich mir einen Abstand von den vielen Sammlungen – drei Schritte zurückgehen sind Maximum auf dem Schiff. Deshalb freue ich mich auf das Atelier in Halle. Nach der Reise werde ich alles Material sichten, werde ihm eine andere Reihenfolge zuordnen, weil die Erzählstränge sich mit der Rückkehr in den Landalltag verändern.

Für mich persönlich ist diese Fahrt eine wichtige Erfahrung und ich kann nicht anders, als mich bei allen Teilnehmenden für die Mitarbeit zu bedanken. Es ist manchmal gar nicht so einfach, die unterschiedlichen Denkstrukturen des Gegenübers anzunehmen. Umso froher bin ich, dass sowohl Seeleute als auch Forschende täglich meine Fragen über sich ergehen lassen und sogar ziemlich tiefgründige Antworten finden. Diese Zusammenarbeit schweißt zusammen und trägt beiderseits Früchte – also besten Dank!

Daria Nazarenko