26. Jul. 2018
Erfolg! Aufgerichteter CUBE nach 24-stündiger Korallen-Inkubation.

Erfolg! Aufgerichteter CUBE nach 24-stündiger Korallen-Inkubation.

Alea iacta est! Die Würfel - genauer gesagt die CUBEs - sind gefallen! Mit diesen würfelförmigen Kammern misst das Team der Poseidon-Ausfahrt die Atmung von Stücken der Kaltwasserkorallengemeinschaften in der Tiefsee. Nach allen Rückschlägen, neuen Versuchen, vielen Diskussionen und durchwachten Nächten sind die Würfel nun gefallen: Das Team wagt einen letzten Versuch zurück am Sula-Riff. Aber was konnte in den vorherigen Versuchen denn alles schief gehen? Lasst euch gesagt sein: so einiges...

Um einen CUBE in die Tiefsee zu verfrachten, wird er an Haken am Rahmen der CTD-Sonde befestigt, und zusammen mit diesem zum Meeresboden heruntergelassen (siehe Abbildung unten). Wenn der CUBE eine Tiefe von 10 Metern über Grund erreicht, stoppen wir und betätigen den akustischen Auslöser: Dieses auch liebevoll "Schreihals" genannte Gerät wird neben das Schiff gehängt, von wo es in die Tiefe ruft, und so die Haken, mit denen die CUBEs befestigt sind, zum Öffnen bewegt. Die CUBEs sind nun frei, und segeln die letzten 10 Meter bis zum Meeresboden im freien Fall.

Aber immer wenn man Ausrüstung in die Tiefsee "wirft", geschieht es: So massiv sie an Deck noch ausgesehen hat, so klein wirkt die Ausrüstung nun angesichts der unendlichen Weite des Meeres. Und wenn man Pech hat und beispielsweise die Navigation fehl schlägt durch zu schlechte Signale, wird man Stunden um Stunden im Forschungstauchboot JAGO damit verbringen, den Meeresgrund nach seiner teuren Ausrüstung abzusuchen. Ein Tauchgang mit JAGO gehört ohne Frage zu den spektakulärsten Erfahrungen meines Lebens. Aber ich muss sagen, nach vielen Stunden der Suche auf flachem Meeresboden fern des Riffs, der irgendwie überall gleich aussieht, werde ich in angesichts der Dunkelheit und der Weite des Meeres müde und frustriert und fange an zu frieren.

Nichtsdestotrotz haben wir unsere CUBEs letzten Endes dann doch immer wiedergefunden und der Frust und die Kälte sind schnell vergessen. Dann werden die CUBEs zunächst begutachtet, im besten Winkel zur Strömung ausgerichtet und zusammengestellt, falls sie zu weit auseinander gelandet sind. Danach beginnt der für mich schönste Teil des JAGO-Tauchgangs: Wir begeben uns zum Rand des Kaltwasserkorallenriffs und beginnen die Suche nach einem passenden Korallenfragment für unser in-situ CUBE-Experiment. Um das Riff herum finden wir Fragmente aus Korallen und der damit verbundenen Riffgemeinschaft, die natürlicherweise vom Hauptriff abgebrochen sind. Diese kleinen Riffblöcke wecken unser Interesse: Die Korallen mit ihren ausgestreckten Tentakeln scheinen sehr aktiv auf Nahrungsfang und somit bester Gesundheit zu sein, obwohl sie vom Hauptriff abgebrochen sind. Außerdem bestehen die Blöcke nicht nur aus lebenden Korallen, sondern auch aus jenem abgestorbenen Teil des Korallenriffs, in dem die vielfältige Riffgemeinschaft zuhause ist. Wir können diese Blöcke relativ leicht einsammeln, ohne etwas vom Riff abzubrechen – perfekt! Also zurück damit zu unseren wartenden CUBEs.

Ausbringung des CUBE mittels CTD-Sonde.

Ausbringung eines CUBE mittels CTD-Sonde.

Bild: Sandra Maier
Die Suche nach unseren CUBES.

Die Suche nach unseren CUBES.

Bild: JAGO-Team
Der umgefallene CUBE.

Der umgefallene CUBE.

Bild: JAGO-Team
An Bord: Ein Korallenfragment aus unserem CUBE-Experiment, später an Board, mit lebenden Korallen und der Riffgemeinschaft auf dem abgestorbenen Teil des Riffs (dunkles Korallenfragment).

Korallenfragment aus dem CUBE-Experiment mit lebenden Korallen und der Riffgemeinschaft auf dem abgestorbenen (dunklen) Teil des Riffs.

Bild: Sandra Maier
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Ausbringung eines CUBE mittels CTD-Sonde.

Bild: Sandra Maier

Die Suche nach unseren CUBES.

Bild: JAGO-Team

Der umgefallene CUBE.

Bild: JAGO-Team

Korallenfragment aus dem CUBE-Experiment mit lebenden Korallen und der Riffgemeinschaft auf dem abgestorbenen (dunklen) Teil des Riffs.

Bild: Sandra Maier

Nun beginnt die Herausforderung für den Tauchboot-Piloten Jürgen Schauer: Trotz der teils starken Strömung muss er das Korallenfragment mithilfe des JAGO-Arms gut vor einem CUBE positionieren. Dann benutzt Jürgen den JAGO-Arm, um den CUBE an dessen Griff aufzurichten und ihn über den Korallenblock zu stellen. Klingt ganz einfach, aber für mich, die jetzt nur zuschauen kann, sieht das ganz und gar nicht leicht aus. Ich bin sehr beeindruckt von der Feinmotorik, mit der Jürgen den Arm des JAGO-Tauchbootes bewegt. Schließlich steht der CUBE über dem Korallenblock, die Messung ist gestartet und wir können unser Experiment für die nächsten 24 Stunden in der Tiefsee zurücklassen.

24 Stunden später, zurück im Tauchboot, haben wir die CUBEs dieses Mal auf Anhieb gefunden. Aber: Uh nein, was ist das? Der eine CUBE mit dem Korallenfragment ist umgefallen, bevor das Experiment zu Ende war. Was ist passiert? Wilde Spekulationen beginnen zwischen Jürgen und mir im Tauchboot. Nachdem sie über das Hydrophon hörten, was passiert ist, rätseln auch diejenigen mit, die an Board der Poseidon auf uns warten. Zu starke Strömungen? Ein großer Fisch, der den CUBE umgeworfen hat? (Ich denke hier wenn überhaupt an einen Wal - wenn man bedenkt, wie schwer es schon mit JAGO ist, die CUBEs zu bewegen) Oder vielleicht einfach wir, die beim Verlassen der CUBEs einen Tag zuvor mit dem Tauchboot zu viel "Wind" gemacht haben? Wir werden es nie mit Sicherheit wissen. Was wir dagegen wissen: Es ist nicht einfach, dem Ozean seine Geheimnisse zu entlocken!

Erfreulicherweise kann ich euch am Ende doch noch von einem Erfolg berichten. In den letzten Tagen unserer Ausfahrt kehrten wir zum Sula-Riff zurück und wagten einen letzten Versuch. Wir konnten zwei CUBEs über Korallenblöcke platzieren und die 24-Stunden-Messung erfolgreich durchführen. Großartig, dass sich all die Mühen, Anstrengungen und schlaflosen Nächte letztendlich doch ausgezahlt haben.

Danke, dass ihr uns so weit mit unseren CUBEs gefolgt seid!
Wir können nun zufrieden mit wertvollen Daten und Erfahrungen von der Poseidon-Ausfahrt 525 nach Hause zurückkehren.

Auf Wiedersehen von meiner Seite und bis zum nächsten Würfelspiel!

Sandra Maier
Meeresbiologin am Niederländischen Institut für Meeresforschung (NIOZ)