10. Okt. 2017

Matrosen lösen sperrige Basaltbrocken mit einer Brechstange aus der Kettensackdredge.

"Mahi, Mahi!" Es ist zwei Uhr morgens und wir sind auf Station. Neugierig blicke ich über die Reling in den scheinwerferüberfluteten Indischen Ozean und traue meinen Augen kaum: Kurz unter der Wasseroberfläche ziehen bonbonfarbig schillernde Wesen - wie von einem anderen Stern - in Dreierformation blitzschnell ihre Bahnen.

Unter uns im Wasser sind gerade Goldmakrelen auf der Jagd nach Fliegenden Fischen. Von oben betrachtet wirkt ihr leuchtend blaugrüner Körper seitlich zusammengedrückt und dadurch wie ein Pfeil. Die kleinen sichelförmigen Brustflossen lumineszieren in hellem Türkis, die Rückenflosse in Purpurblau. Die Schwanzflosse glänzt goldgelb. Zwei der 1,5 Meter langen Fische schwimmen nebeneinander, ein Dritter mittig hinterher, alle im gleichen Abstand zueinander. Nie zuvor habe ich Fische so koordiniert und turboartig Beschleunigung aufnehmen sehen. Sie können Geschwindigkeiten von bis zu 60 Kilometern pro Stunde erreichen und gehören damit zu den schnellsten Fischen überhaupt. Dabei verfolgen sie die Fliegenden Fische auch bis zu sechs Meter weit über dem Wasser. Die Goldmakrele ist ein ausgezeichneter Speisefisch. Wird er gefangen, gehen seine irisierenden bunten Farben jedoch sofort verloren.

An Bord der Sonne sind die Forscher auf Fischfang der besonderen Art. Gerade wird die sogenannte "Dredge" wieder an Bord gehievt. Dieser Klassiker unter den marinen Probenahme-Geräten, mit seinem großen schweren Kettensack aus Stahl, mutet an wie ein Relikt aus dem Mittelalter. Die Dredge wird an einem Seil zunächst zum Meeresboden hinabgelassen. Dann fährt das Schiff mehrere hundert Meter, wobei weitere Seillängen gegeben werden. Anschließend wird die Dredge mit der Seilwinde eingezogen und schließlich wieder gehievt. Auf seinem Weg am Meeresboden entlang sammeln die kräftigen Stahlzähne im Wesentlichen lockere Gesteinsbruchstücke vom Untergrund auf, die im Kettensack aufgefangen werden. Besonders effizient ist die Ausbeute, wenn sie von unten nach oben einen Hang hinaufgezogen wird. Das klingt zwar brachial, aber die Dredge wird nur dort eingesetzt, wo der vulkanitische Meeresboden relativ jung ist und noch nicht von Sediment bedeckt ist. Eine Aufwirbelung ist daher ausgeschlossen.

Verfangen sich sehr viele und große Basaltstücke im Kettensack, wie bei dieser Station, ist das Leeren ein wahrer Kraftakt. Die Matrosen Dennis Vogel und Ingo Fricke wissen genau, wie sie die Brechstangen ansetzen müssen, damit das Gerät seine wertvolle Fracht auf das Deck entlässt. Dann fassen alle mit an. Die Brocken werden in das Bio-Labor getragen und dort gleich über Sieben mit Salzwasser gewaschen, was eine sehr nasse Angelegenheit ist. Die Biologen analysieren anschließend jede einzelne Siebfraktion und gewinnen so einen Eindruck von der Tierwelt im Beprobungsgebiet und ihrer Diversität.

Vollmond über dem Indischen Ozean.
Bild: BGR
Beobachter der Internationalen Meeresbehörde: Thomas Whiddon, Alyaa A. M. Zidan und Sumran Praphat (v. l .n .r.) waschen Basaltproben. Die Siebrückstände geben Aufschluss über die auf ihnen lebenden Tiere.
Bild: BGR
BGR-Mineralogin Antje Wittenberg (v. r. n. l.) und die Geowissenschaftler Patrick Hoyer und Sara Vulpius von der Universität Erlangen nehmen jede Basaltproben im Hangar unter die Lupe.
Bild: BGR
BGR-Mitarbeiter Andreas Heiner zerkleinert die Basaltproben mit einer Gesteinssäge direkt an Bord.
Bild: BGR

Im Hangar breiten BGR-Mineralogin Dr. Antje Wittenberg und die Geowissenschaftler Sara Vulpius und Patrick Hoyer von der Universität Erlangen die frisch gereinigte Ausbeute auf einem langen Tisch aus. Für einen Laien sehen die massigen Basaltbrocken alle gleich braunschwarz aus. Da die Basaltlava am kalten Meeresboden sofort erstarrt, bilden sich oft nur sehr wenige, mit dem Auge erkennbare, Kristalle aus. Mit Geologen-Lupe und Hammer bewaffnet nehmen sie eine erste Ansprache vor. "Die grünen Olivinkristalle in diesem Basalt zeigen an, dass das Material direkt aus dem oberen Erdmantel stammt", erklärt sie mir den Fund. "Die Basalte sind die Ausgangsgesteine für die Metalle in den Erzvorkommen. Je mehr wir über ihre Herkunft und Entstehung wissen, umso besser können wir das Gesamtsystem verstehen und wie sich Metallsulfid-Erze unter heißen Quellen im Meeresboden bilden. Und dieses Wissen erleichtert uns wiederum das Auffinden dieser Erzvorkommen."

Spezielle Handstücke übergibt sie an BGR-Mitarbeiter Andreas Heiner. Seine Aufgabe ist es, die Stücke zu sägen. Auf der geschnittenen Fläche lässt sich das Gesteinsgefüge noch besser beschreiben. Danach werden die gesägten Proben fotografiert, verpackt und ordentlich beschriftet. Ihre weitere Untersuchung erfolgt in der BGR in Hannover und an der Uni Erlangen mit Hilfe von Gesteinsdünnschliffen. Auch die chemische Zusammensetzung wird dort bestimmt. Damit liegt ein weiteres Puzzlestück an Wissen für das Auffinden von Erzvorkommen vor.

Viele Grüße von der Sonne,

Bettina Landsmann, BGR-Geologin