07. Nov. 2019
Einige Fahrtteilnehmer beobachten das Auslaufen des Schiffes vom Peildeck.

Einige Fahrtteilnehmer beobachten das Auslaufen des Schiffes vom Peildeck.

Stürmische Begegnung

Die Begrüßung war heftiger als erwartet und voller Streicheleinheiten. Permanent schlugen die vom Sturm aufgepeitschten Wellen mit voller Wucht und spritzender Gischt gegen den schwarzen Bug des Forschungsschiffes, während es einsam in den Weiten des indischen Ozeans in Richtung Explorationsgebiet taumelte. An Bord herrschte Stille.

Dabei begann es ganz friedlich. Am 1. November waren wir startklar: Die Mannschaft hat ihre Posten an Bord eingenommen, das Wissenschaftsteam ihre Kajüten bezogen und ihre Labors eingerichtet. Der Weg vom Hangar nach Achtern (das ist hinten) ist ein einziges Labyrinth aus technischen Geräten, Containern und Kisten. Ungewohntes Gezwitscher exotischer Vögel begleitet die letzten Vorbereitungen der Crew vor dem Auslaufen im unaufgeregten Hafen von Port Louis. Der Lotse betritt das Schiff. Den idealen Rundblick beim Ablegen bietet das Peildeck. Viele treffen sich dort, um dieses Ereignis zu teilen. Wehmut schwingt mit. Fetzen von Szenen des Abschieds in der Heimat vermischen sich mit der Lust auf neue Erlebnisse, auf einen Ausnahmezustand vom Alltag.

Das Forschungsschiff SONNE bricht am 1. November 2019 in Port Louis, Mauritius, zur BGR-Explorationsfahrt INDEX2019 auf.

Bild: BGR

Blick aus einem der Bullaugen meiner Kajüte auf Deck 2.

Bild: BGR
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Das Forschungsschiff SONNE bricht am 1. November 2019 in Port Louis, Mauritius, zur BGR-Explorationsfahrt INDEX2019 auf.

Bild: BGR

Blick aus einem der Bullaugen meiner Kajüte auf Deck 2.

Bild: BGR

Ich fühle wie eine Akteurin in einem Abenteuerfilm. Er hat Anklänge an "Indiana Jones", "Fluch der Karibik" und insbesondere "Raumschiff Enterprise" (zu letzterem siehe Blog 6 von 2017). Und was gehört zu jedem Blockbuster dazu? Die Helden kämpfen in mindestens einer Szene gegen die Unbilden des Wetters. Ob in der Luft, auf See oder im All. Tatsächlich lautete die häufigste Frage nach meiner Rückkehr von der INDEX-Expedition im Jahr 2017 "Warst Du seekrank?". Aus diesem Grund möchte ich schon mal vorab und voll frischer Eindrücke über diesen Zustand berichten. Die Seekrankheit ist in den ersten Tagen an Bord Hauptgesprächsthema der Forschenden. Selbst erfahrene Seemänner und -frauen kann es nach mehreren Monaten Aufenthalt an Land in den ersten Tagen auf hoher See erwischen. Das Leid fällt bei jedem sehr unterschiedlich aus. Hier nun, wirklich nur aufgrund der großen Nachfrage, mein Leid: Nach einer ersten ruhigen Nacht auf See wurde es zunehmend stürmischer. Proportional zum Anstieg der Wellenhöhe wanderte auch mein Magen in Richtung Speiseröhre (nur gefühlt natürlich). Unangenehm war der Moment, als ich dachte, jetzt sitzt er am Gaumenzäpfchen. Was tun? Es gibt zahllose Tipps, die an Bord kursieren. Hier nur eine kleine Auswahl: Gut essen (was im späten Krankheitsstadium selbstredend wirkungslos ist), Tee anstelle von Kaffee trinken, Medikamente mit Nebenwirkungen einnehmen oder ins Bett legen und die Augen schließen. Letzteres klang am verlockendsten. Ich legte mich zwei Stunden aufs Ohr. Alles war gut.

Kaum erwacht, katapultiert sich mein Magen wieder zum Zäpfchen hoch. Die Tabletten müssen ran! Bevor es zu spät ist und nur noch ein echtes Zäpfchen helfen kann. Die Tablette ist eingeworfen. Jetzt heißt es durchhalten. Ich mache es mir wieder in meiner Koje bequem. Ganz langsam macht sich Wärme im Magen breit. Endlich. Sie wirkt. Dieses Wundermittel legt aber nicht nur den rebellierenden Magen lahm, sondern auch den Rest von mir. Adieu, lieber Tag! Ich liege stundenlang wie gefesselt in meiner schaukelnden Koje. Dafür ist die Seekrankheit fort. Nach dem Koma-Schlaf geht es langsam wieder bergauf mit mir und der Magen bleibt mehr oder weniger dort, wo er hingehört.

Bitte fragt mich nach meiner Rückkehr nicht mehr, ob ich seekrank war. Fragt mich lieber nach unseren Abenteuern. Die folgen in meinen nächsten Blogs.

Viele Grüße von der SONNE

Bettina Landsmann