12. Nov. 2019
Basalt mit Aufwuchs eines Schwammes, der seinerseits von Seesternen umschlungen wird.

Basalt mit Aufwuchs eines Schwammes, der seinerseits von Seesternen umschlungen wird.

Die Tiefsee – unendliche Weiten. Wir stoßen in eine Welt vor, die noch nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Gefühlt stehen wir damit auf einer Stufe mit Astronaut Neil Armstrong. Wir spazieren zwar nicht als erster Mensch auf dem Mond, dafür aber auf einem völlig unbekannten Abschnitt des Meeresbodens und benötigen weder Sauerstoffflasche noch Schutzanzug. 

Möglich macht dies ein ferngesteuertes Unterwasserfahrzeug, das kanadische ROPOS (Remote Operated Platform for Ocean Sciences). Dieses Wunderwerk der Technik kann vom Schiff aus gezielt an Punkte am Meeresboden gelenkt werden und zum Beispiel Proben bis zu dem Gewicht eines Kleinwagens (1,8 Tonnen) bergen. Es kann aber auch äußerst fragile Schwämme am Meeresboden einsammeln und heil an Bord bringen. Dass das Ganze nicht banal ist, zeigt sich schon dadurch, dass für einen Tauchgang sechs kanadische Piloten an Bord der SONNE hochkonzentriert im Einsatz sind.

In der Nacht zuvor vermaß das tiefgeschleppte Echolot-Gerät "Homeside" (siehe Blog 8 von INDEX2017) eine Struktur am Meeresboden, die zirka 25 Meter hoch und 20 Meter breit sein soll. Da es sich dabei um eines der von uns gesuchten Massivsulfiderz-Vorkommen handeln könnte, setzt der Fahrtleiter ROPOS ein. Kurz vor der Tauchfahrt werden noch Wetten abgeschlossen, welches Objekt uns wohl erwartet. Die abgegebenen Vorschläge reichen über ein Metallerz-Vorkommen, einem Vulkan, bis hin zu Atlantis, dem ausgestorbenen Riesenhai Megalodon (im jüngsten Kino-Film "The Meg" genannt) und letztlich zum Ananashaus von Spongebob (!). Forschende haben wohl von Haus aus eine lebhaftere Phantasie.

Blick von vorn auf das ferngesteuerte Unterwasserfahrzeug ROPOS.

Bild: BGR

ROPOS wird zu Wasser gelassen.

Bild: BGR

Im lockeren Sediment wachsender Schwamm auf filigranem Stiel mit Schattenwurf rechts und links.

Bild: BGR
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Blick von vorn auf das ferngesteuerte Unterwasserfahrzeug ROPOS.

Bild: BGR

ROPOS wird zu Wasser gelassen.

Bild: BGR

Im lockeren Sediment wachsender Schwamm auf filigranem Stiel mit Schattenwurf rechts und links.

Bild: BGR

Das knallgelbe und schwarz beschriftete ROPOS hat in etwa die Größe eines Kleinwagens. Als ich ehrfurchtsvoll davor stehe, habe ich automatisch das Lied "In the Eye of the Tiger" (aus dem Film "Rocky III") im Ohr. Denn diesen Augen (zwei Video-HD-Kameras, sechs weitere Kameras, eine 12 Megapixel Digitalkamera und über 3700 Watt Beleuchtung) entgeht nichts. Sofort nach dem Eintauchen nimmt es Fahrt Richtung Zielpunkt auf. Mit immerhin 0,8 Metern pro Sekunde erreicht es nach knapp einer Stunde den Meeresboden in 2600 Metern Tiefe.

Dort taucht als erstes hell erleuchtet gelblich grauer Schlamm auf, der voller Lebensspuren ist. Zum Beispiel keilförmige Ruhemulden von Fischen und schlangenartige Fraßspuren von Seegurken. Es dauert auch nicht lange bis sich einige der bizarren Verursacher vorstellen: Eine rote Garnele mit sehr langen durchsichtigen dünnen Beinen stolziert vorbei, eine dicke, kräftig blaulila gefärbte Seegurke liegt gemächlich am Boden, weiße und schwarze Fische flüchten vor den Scheinwerfern zurück in die ewige Nacht. Plötzlich ragen kleine Felsen aus Basalt in typischer Kissenform vor uns auf. Als Hartgründe im weichen Sediment wachsen sesshafte Tiere bevorzugt auf ihnen. Etwa eine nach oben offene glasnetzartige Röhre, die ein Schwamm bildet. Ein kugeliger glasiger Schwamm siedelt dagegen im weichen Sediment, sitzt dafür aber auf einem langen, filigranen, durchgebogenen Stiel.

Voller Spannung verfolgt das Forschungsteam an Bord die phantastische zweistündige Fahrt live im Besprechungsraum über verschiedene Monitore mit. Von hier aus werden auch Instruktionen per Funk an die Piloten im Container an Deck gegeben. Am Ende besteht kein Zweifel mehr: Das Ziel entpuppt sich als eine nur zirka 15 Meter hohe normale Basaltkuppe. "Unsere Arbeit gleicht eben oft Schüssen im Dunklen", räumt Fahrtleiter Dr. Ulrich Schwarz-Schampera am Abend etwas enttäuscht ein. Gut, dass noch viele weitere Tauchgänge mit ROPOS geplant sind – inklusive der Bergung eines "schwarzen Rauchers". Doch davon später mehr.

Viele Grüße von der SONNE

Bettina Landsmann