10. Dez. 2019
Von diesem diffusen Fluidaustritt im neu entdeckten Erzvorkommen SURYA wurde mit einem ROPOS-Tauchgang auch ein Exemplar der neuerdings auf der Roten Liste bedrohter Arten aufgeführten Schuppenfuß-Schnecke (Chrysomallon squamiferum) an Bord der SONNE gebracht.

Von diesem diffusen Fluidaustritt im neu entdeckten Erzvorkommen SURYA wurde mit einem ROPOS-Tauchgang auch ein Exemplar der neuerdings auf der Roten Liste bedrohter Arten aufgeführten Schuppenfuß-Schnecke (Chrysomallon squamiferum) an Bord der SONNE gebracht.

Die Umgebung eines Erzschlotes in einem Hydrothermalfeld mutet mehr als lebensfeindlich an: In ewiger Dunkelheit schießen 300 Grad heiße, sehr saure Suspensionen voller giftiger Metallsulfide permanent aus den "schwarzen Rauchern". Und dennoch wimmelt es gerade hier nur so von Leben auf allerengstem Raum. Wer sich hier wohlfühlt, hat sich auf einzigartige Weise angepaßt. Werden diese kleinen Paradiesinseln in den Weiten der Tiefsee eines Tages durch Bergbau beeinträchtigt, drohen diese Spezialisten sehr schnell auszusterben, sollte es für sie keine Rückzugsgebiete geben.

Um dem zuvorzukommen, setzte die Weltnaturschutzorganisation (International Union for Conservation of Nature, IUCN) im Juli 2019 erstmals und vorschnell einen Bewohner der Tiefsee auf die Rote Liste der gefährdeten Arten. Es handelt sich dabei um die bis zu 4,5 Zentimeter große Schuppenfuß-Schnecke (Chrysomallon squamiferum). Sie wurde bisher nur im Indischen Ozean gefunden. Als einzige bisher bekannte Schneckenart trägt sie hunderte kleine Hautschuppen auf ihrem Fuß. Die harten Schuppen können weiß oder mit Eisensulfid (Pyrit) beschichtet sein. Dann sind sie schwarz und reagieren sogar leicht magnetisch. Auch in ihre Schale kann die kleine Tiefsee-Schnecke Eisensulfide einbauen. Damit ist sie das einzige bekannte Tier, das Eisensulfide in ihren Körper einlagert. Die Schuppen schützen sie womöglich vor Fressfeinden oder den ätzenden Hydrothermalfluiden. Oder sie enstehen als Abfallprodukt bei der Entgiftung des Körpers.

Bei der im SURYA-Erzvorkommen gefundenen Schuppenfuß-Schnecke (Chrysomallon squamiferum) handelt sich um eine helle Variante mit weißen Schuppen und brauner Schale. Sie hat keinen schwarzen Pyrit auf ihrem Fuß und in der Schale, weil die Fluide in diesem Hydrothermalfeld kein Eisensulfid enthalten.

Bild: BGR

Biologin Dr. Terue Kihara vom Integrated Environmental Solutions UG (INES) / Deutschen Zentrum für Marine Biodiversitätsforschung (DZMB) in Wilhelmshaven mit einer Schuppenfuß-Schnecke (Chrysomallon squamiferum) aus dem neu entdeckten SURYA-Hydrothermalfeld.

Bild: BGR
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Bei der im SURYA-Erzvorkommen gefundenen Schuppenfuß-Schnecke (Chrysomallon squamiferum) handelt sich um eine helle Variante mit weißen Schuppen und brauner Schale. Sie hat keinen schwarzen Pyrit auf ihrem Fuß und in der Schale, weil die Fluide in diesem Hydrothermalfeld kein Eisensulfid enthalten.

Bild: BGR

Biologin Dr. Terue Kihara vom Integrated Environmental Solutions UG (INES) / Deutschen Zentrum für Marine Biodiversitätsforschung (DZMB) in Wilhelmshaven mit einer Schuppenfuß-Schnecke (Chrysomallon squamiferum) aus dem neu entdeckten SURYA-Hydrothermalfeld.

Bild: BGR

Wie viele andere Bewohner der Hydrothermalfelder, lebt die Schuppenfuß-Schnecke in Symbiose mit Bakterien. Diese beziehen ihre Energie nicht aus Licht wie die Pflanzen, sondern aus der chemischen Reaktion mit dem im Meerwasser gelösten Sauerstoff und dem Schwefelwasserstoff aus den Metallsulfiden. Bei den Garnelen in den Hydrothermalfeldern beispielsweise leben die Bakterien in den Kiemenkammern. Die Garnelen sitzen deshalb sehr dicht an den Schloten der "schwarzen Raucher", damit der im Meerwasser enthaltene Schwefelwasserstoff direkt zu den Bakterien gespült wird.

Die Schuppenfuß-Schnecke sitzt ebenfalls extrem dicht an den Schloten, bewahrt die Bakterien aber wesentlich sicherer in einer vergrößerten Drüse ihrer Speiseröhre auf. Damit die Bakterien dennoch mit ausreichend Sauerstoff in einer Umgebung ohne Sauerstoff und/oder mit Schwefelwasserstoff versorgt werden, ist das Herz, verglichen mit anderen Schneckenarten an Hydrothermalquellen übergroß. Es nimmt 4 Prozent des Körpervolumens ein. Zum Vergleich: Das Herz eines Menschen nimmt 1,3 Prozent des Körpervolumens ein. Das Verdauungssystem ist einfach, ein Hirn oder Augen hat sie nicht. Auf den Punkt gebracht ist diese Schnecke nichts anderes als ein mit Bakterien gefüllter Sack. Das Tier macht es ihnen darin so angenehm wie möglich, damit sie die Schnecke ganz nebenbei noch mitversorgen.

Das allein war aber nicht der Grund, warum die Schuppenfuß-Schnecke überraschend auf die Rote Liste der gefährdeten Arten gesetzt wurde. Die Exploration des Indischen Ozeans auf Massivsulfiderze begann erst um die Jahrtausendwende. Die Schuppenfuß-Schnecke wurde erstmals im Jahr 2001 im Hydrothermalfeld KAIREI am zentralindischen Spreizungsrücken entdeckt. Das Feld liegt heute im deutschen Explorationsgebiet. Im Jahr 2011 wurde die gleiche Art im chinesischen Explorationsgebiet im Feld LONGQI entdeckt. Dieses liegt 2500 Kilometer entfernt vom KAIREI-Feld am südwestindischen Spreizungsgraben. Im Jahr 2012 wurden weitere Exemplare im Feld SOLITAIRE, 700 Kilometer nördlich von KAIREI entdeckt.

Für die Individuen dieser bis zum INDEX-Projekt einzigen drei Fundorte im Indischen Ozeans wurde der genetische Verwandschaftsgrad untersucht. Dabei zeigte sich, dass zwischen den Feldern KAIREI und SOLITAIRE ein genetischer Austausch stattfindet. Es mag erstaunen, aber für die Bewohner der Tiefsee ist die Neuansiedelung über weite Strecken normal. Die Garnele Rimicaris im Mittelatlantischen Rücken beispielsweise siedelt in bis zu 7000 Kilometer entfernte Hydrothermalfelder über. Wie sie das macht? Aus ihren Eiern schlüpfen Larven, die sich freischwimmend vom Plankton ernähren können, bis sie auf einen ansprechenden Platz am Meeresgrund treffen. Erst dann verwandeln sie sich für den Rest ihres Lebens in eine bodenbewohnende Garnele.

Es wird vermutet, das die Larve der Schuppenfuß-Schnecke auch mit der Strömung forttreibt, jedoch mit einem entscheidenden Unterschied. Bei ihr ernähren sich die Larven nach dem Schlüpfen von dem Eidotter. Das hat den Vorteil, dass sie bis zur Metamophose keine andere Nahrung aufnehmen müssen. Das bedeutet aber auch, dass der Dotter aufgebraucht sein kann, bevor sie auf neue Hydrothermalfelder treffen. Die Besiedelung weit entfernter Lebensräume ist dadurch eingeschränkt. Das Genmaterial der Schnecken von LONGQI zeigt praktisch keinen Austausch mit den Spezies der sehr weit entfernten Felder KAIREI oder SOLITAIRE an. Sollte das LONGQI-Feld dem Bergbau zum Opfer fallen, wäre die Population ausgelöscht und es gäbe keinen Nachschub von anderen Schloten mit gleichem genetischen Material. Ob entlang des südwestindischen Rückens von LONGQI bis zum KAIREI-Feld noch weitere Populationen der Schuppenfuß-Schnecken leben, ist aber noch völlig unbekannt, weil dieses Gebiet bis dato noch nicht erkundet wurde.

Deshalb war die Überraschung bei uns an Bord abermals groß: Auch in den ROPOS-Proben des neu entdeckten Erzvorkommen SURYA erkennt die Biologin Dr. Terue Kihara vom Integrated Environmental Solutions UG (INES) / Deutschen Zentrum für Marine Biodiversitätsforschung (DZMB) in Wilhelmshaven sofort ein Exemplar der Schuppenfuß-Schnecke. Erfreut zeigt sie uns das ein Zentimeter große Exemplar in ihrer Hand: „This is a scaly foot.“ Auch in vier anderen Hydrothermalfeldern im deutschen Lizengebiet hat sie bereits Exemplare der Schuppenfuß-Schnecke gefunden. Diese wird sie genauestens untersuchen und die Ergebnisse publizieren. Fakt ist jedenfalls, dass dieses Symboltier für eine vom Tiefseebergbau bedrohte Art nach neuestem Forschungsstand wohl doch nicht so selten ist, wie es zunächst den Anschein hatte: Wer suchet, der findet.