19. Sep. 2018

Die Hummel Rosetta sitzt am Bullauge und geniesst die Aussicht.

Inzwischen haben wir nicht nur einen tierischen Überraschungsgast an Bord, sondern auch richtig viel Eis um uns herum und kommen langsamer voran. Es sind zwar noch lose Schollen, aber auch die sind zeitweise so dicht, dass es ganz schön rumpelt, wenn die Tryoshnikov sie zur Seite schiebt oder bricht. Leider haben wir nach ein paar sonnigeren Tagen schon wieder Nebel.

Vor ungefähr zehn Tagen fanden wir eine Hummel. Sie lag auf dem untersten Deck am Heck des Schiffes. Ganz nass und bewegungslos. Es war kurz nach einem Sturm. Vermutlich war sie auf das Meer hinaus geweht worden und ist zufällig auf dem Schiff "gelandet". Glück gehabt. "Wir fanden sie", heißt eigentlich: Simon fand sie. Simon Hummel. Wie sollte es anders sein.

Simon Hummel betrachtete seine Namensvetterin genau und sah, dass sie sich ganz langsam bewegte. Er nahm sie mit auf seine Kammer und setzte sie auf den Schreibtisch. Er ließ sie für einige Stunden alleine, damit sie sich von dem Schreck erholen und trocknen konnte. Als Simon nach zwei Stunden wieder kam saß die Hummel immer noch auf dem Schreibtisch. Sie bewegte sich allerdings etwas mehr. Schließlich flog sie sogar etwas umher und sah sich offensichtlich die Kammer genauer an. Sie landete auf Simons Bett und machte scheinbar ein Nickerchen. Jedenfalls saß sie eine ganze Weile dort.

In der Zwischenzeit wurde ein Name für die Hummel ausgesucht. In Anlehnung an ein zentrales Instrument unserer Arbeit, der CTD-Rosette (siehe Log 3), wurde die Hummel Rosetta getauft. Um herauszufinden was für eine Hummel Rosetta ist, wurden Bücher gewälzt. Es gibt 20 verschiedene Hummelarten in der Arktis. Es ist schwer zu sagen, zu welcher Art Rosetta genau gehört. Aber wir vermuten, dass sie eine Königin ist. Sie ist nämlich recht groß.

Die Hummel Rosetta in ihrem Zelt mit Keksrümeln, Trockenfrüchten, Wasser und Honig.

Die Hummel Rosetta in ihrem Zelt mit Keksrümeln, Trockenfrüchten, Wasser und Honig.

Bild: Simon Hummel
Die Hummel Rosetta sitzt auf dem Honig. Im Hintergrund Krümel und Trockenfrüchte.

Die Hummel Rosetta sitzt auf dem Honig. Im Hintergrund Krümel und Trockenfrüchte.

Bild: Simon Hummel
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Die Hummel Rosetta in ihrem Zelt mit Keksrümeln, Trockenfrüchten, Wasser und Honig.

Bild: Simon Hummel

Die Hummel Rosetta sitzt auf dem Honig. Im Hintergrund Krümel und Trockenfrüchte.

Bild: Simon Hummel

Später am Tag baute Simon der Hummel auf seiner Fensterbank ein Zelt aus einem Stück Papier. In das Zelt stellte er einen Teller mit Kekskrümeln, Trockenfrüchten und einen Wasserflaschendeckel voll Wasser. Die Hummel rührte jedoch nichts an. Am nächsten Morgen bekam sie auch noch einen Klecks Honig, aber auch den Honig rührte sie nicht an. Am Nachmittag beschloss Simon etwas nachzuhelfen und setzte die Hummel direkt auf den Honig. Und siehe da, sie fing an den Honig durch ihren kleinen Rüssel einzusaugen. Sie war offensichtlich sehr hungrig, denn sie hörte erst nach 2 Stunden wieder auf.

Abends war sie dann viel lebendiger. Der Honig hatte ihr wohl gut getan. Rosetta flog ein bisschen durch die Gegend und erkundete alles genauer. Nach zwei Tagen kannte sie ihre Umgebung scheinbar genug, denn von nun an ging sie selbständig in ihr Zelt und verbrachte die meiste Zeit dort. Sie pendelt seit dem zwischen der Ecke der Fensterbank und ihrem Zelt hin und her. Gerne versteckt sie sich auch unter dem Teller oder unter einem kleinen Tuch.

Wir haben überlegt, ob sich Rosetta unter dem Tuch oder dem Teller vielleicht deshalb wohl fühlt, weil sie versucht, sich einzugraben. Arktische Hummelköniginnen überwintern nämlich in der Erde. Natürlich kann sie sich bei uns auf dem Schiff nicht eingraben, aber zumindest verstecken kann sie sich. Wenn die Sonne scheint, kommt Rosetta aus ihrem Versteck heraus und fliegt ein bisschen umher oder krabbelt am Fenster herum. Eine gute Aussicht hat sie auf jeden Fall. 

Wir werden die Hummel versorgen und an Land bringen so gut und sobald wir können. Dann kann Rosetta sich eingraben, überwintern und im nächsten Jahr einen neuen Schwarm hervorbringen. Dies wird dann vermutlich der erste Hummelschwarm sein, dessen Königin vier Wochen mit einem Schiff durch die Arktis gefahren ist.


Viele Grüße,
Sandra Tippenhauer

Für planeterde berichtet von Bord der Akademik Tryoshnikov Dr. Sandra Tippenhauer vom Alfred-Wegener-Institut.