07. Jan. 2020
Neujahr unter Palmen.

Neujahr unter Palmen.

Ein paar Tage vor Weihnachten begann der sonst allgegenwärtige Emailstrom zu versiegen, und so langsam setzte etwas Entspannung ein. Die Planungen und aufwändigen Vorbereitungen für IODP Expedition 378 standen und die Gedanken waren eher bei der persönlichen Packliste.

Ich freute mich auf die Abreise nach Fidschi, wo ich das amerikanische IODP Bohrschiff JOIDES Resolution (die "JR"), auf dem ich zuvor bereits an sechs zweimonatigen Expeditionen teilgenommen hatte, wiedersehen und alle 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer des internationalen Teams von Forschenden treffen würde. Diesmal in neuer Rolle als sogenannter Co-Chief Scientist, zusammen mit Debbie Thomas von der Texas A&M University (USA).

Endlich sollte es losgehen, nachdem die ursprünglich für den Herbst 2018 angesetzte Expedition aus technischen Gründen (das Bohrschiff JOIDES Resolution benötigte zu dem Zeitpunkt neue Schiffspropeller) zunächst auf den Jahreswechsel 2018/2019 und dann letztendlich auf Anfang 2020 verschoben wurde. Die leicht mulmigen Gefühle, die sich einstellten, als die Wettervorhersage für das Wochenende tropische Stürme im Pazifik ankündigen, ließen sich gedanklich noch relativ leicht beiseiteschieben.

Die Nachrichten ... ein Schock?

Die Weihnachtswoche mit Familienbesuchen und Weihnachtsstimmung begann und alles schien in bester Ordnung - bis mich am Tag vor Heiligabend während eines Weihnachtsmarktbesuchs drei Nachrichten aus Texas mit der Bitte um sofortigen Rückruf erreichten. Ich erfuhr, dass bei einer Inspektion neue technische Probleme mit der JR, diesmal mit der Struktur und Stabilität des Bohrturms, entdeckt wurden. Diese hatten zur Folge, dass aus Sicherheitsgründen der Turm nur mit einem Bohrstrang bis zu maximal zwei Kilometern belastet werden darf.

Das hat große Auswirkungen auf Expedition 378 "South Pacific Paleogene Climate", wo vier der fünf geplanten, sogenannten primären Lokationen in Wassertiefen von mehr als vier oder fünf Kilometern liegen und somit zu diesem Zeitpunkt mit dem Bohrstrang der JR unerreichbar – im ersten Moment eine sehr große Enttäuschung.

Weihnachtsstimmung und Entspannung waren im Nu verflogen und es setzten über Weihnachten ein paar hektische Tage mit zahlreichen Telefonaten und Videokonferenzen ein, es galt Optionen zu diskutieren und weiteres Vorgehen zu entscheiden. Es wurde schnell klar, dass nur eine der geplanten Lokationen in 1.200 Metern Wassertiefe angegangen werden kann, die Expeditionszeit dementsprechend verkürzt und Transitzeiten, Hafenaufenthalte und Reisemodalitäten neu definiert werden mussten. Soll die JR doch dann auch so schnell und auf direktem Wege nach Panama, um die aufwändigen Reparaturarbeiten vorzunehmen. Die logistische Unterstützung aus Texas und IODP-Gremien war trotz der Feiertage phänomenal und die positiven und aufmunternden Reaktionen aus dem Wissenschaftlerteam haben uns nahezu überwältigt.

Nach über 30 Stunden Anreise nähert Ursula Röhl sich den Fidschi-Inseln.

Bild: MARUM - Zentrum für Marine Umweltwissenschaften, Universität Bremen, U. Röhl
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Nach über 30 Stunden Anreise nähert Ursula Röhl sich den Fidschi-Inseln.

Bild: MARUM - Zentrum für Marine Umweltwissenschaften, Universität Bremen, U. Röhl

Das Glas ist weit mehr als halb voll....

Schnell war uns allen klar, dass die machbare Bohrlokation umso mehr ein echtes Highlight ist. Es ist eine Lokation, die 1973 während eines Vorläuferprogramms (DSDP) mit einer einzigen Bohrung angegangen wurde, in dem für uns besonders interessanten Zeitintervall des Paläogens aber nur stichprobenartig gekernt wurde. Damals wurde zudem ausschließlich im Rotationsbohrverfahren gebohrt, welche für unverfestigtes Sediment sehr weit davon entfernt ist ungestörtes, qualitativ hochwertiges Material zu liefern. Dennoch gilt die Site 277 als klassische Abfolge des Känozoikums, das jüngste zurzeit andauernde geologische Erdzeitalter, das vor 66 Millionen Jahre begann. Eine der ersten Temperaturkurven für diesen Gesamtzeitraum und wurde aus dem damals nur spärlich vorhandenen Material und daraus resultierenden, relativ wenigen Messpunkten von Jim Kennett und Sir Nicholas Shackleton 1975 publiziert.

Während der in den frühen Januartagen von Lautoka, Fidschi, beginnenden Expedition besteht nun die ausgezeichnete, einmalige Gelegenheit, Site 277 mit moderner Bohrtechnik inklusive Einsatz des Advanced Piston Coring (APC) Systems in mehreren Parallelbohrungen, die eine kontinuierliche, hochqualitative und komplette Abfolge in hoher Auflösung ermöglichen, anzugehen. Zudem besteht die Möglichkeit, die Bohrung auf bis zu 670 Meter unter dem Meeresboden zu vertiefen, wodurch im Gegensatz zur spärlich beprobten Abfolge aus 1973, die bei 480 Meter unter dem Meeresboden endete, auch die Kreide-/Paläogengrenze und damit der Beginn des Känozoikums vor 66 Millionen Jahren und sogar Teile der Oberkreide erreicht werden können!

Die Anreise ....

Während all diesem Geschehen entwickelte sich Zyklon Sarai (Kategorie 2, mit Winden um die 110 km/h und Böen von bis zu 150 km/h) von Westen kommend in Richtung Fidschi, Tausende Menschen wurden evakuiert und die zuvor im Hafen von Lautoka eingetroffene JR suchte im Süden der Inseln Schutz auf See.

Das war der Zeitpunkt, als ich meine 38-stündige Anreise antrat und in Texas fieberhaft an den neuen Daten der auch zeitlich verkürzten Expedition, die Auswirkungen auf Reisemodalitäten haben, gearbeitet wurden. Einreisen in Fidschi ist ohne Visum möglich, wenn man ein Rückflugticket vorweisen kann. Da die Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Ende der Expedition - nun 6. Februar statt vorher 4. März, nicht von Fidschi, sondern Tahiti heimreisen werden, stand wegen der kurzen Vorlaufzeit um die Weihnachtsfeiertage ein aktualisiertes Unterstützungsschreiben aus Texas noch aus. Man war aber optimistisch in Kooperation mit dem Immigrationsbüro auf Fidschi, dieses dennoch zeitgerecht zu verschicken. Dann kam Zyklon Sarai und öffentliche Einrichtungen wurden geschlossen. Auf meinem Flug von London nach Los Angeles mit freiem Wlan-Zugang erreichte mich die Nachricht aus Texas, dass ich unbedingt vor der Ankunft auf Fidschi ein (stornierbares, voll erstattungsfähiges) Flugticket von Fidschi an einen Ort der Wahl erwerben müsste um in Fidschi überhaupt einreisen zu können, im Moment der Landung wurde das eTicket ausgestellt und ich konnte am Schalter von Fiji Airlines meine Boardingcard für den Weiterflug nach Nadi, Fidschi bekommen. Nach Ankunft auf Fidschi nach turbulenten und um mehrere Stunden verspäteten Flug sowie längeren Verhandlungen mit verschiedenen Immigration-Officers am Flughafen konnte ich schließlich einreisen. Fidschi war allerdings zu dem Zeitpunkt noch eine Insel, die unter dem auslaufenden Zyklon und den Folgen litt (starke Winde, Dauerregen, Stromausfälle).

Happy New Year, Fidschi! ...

Inzwischen ist der Spuk vorbei und nach und nach kommen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus zwölf Ländern hier an. Wir haben hier zwölf Stunden vor Bremen das Neue Jahr begrüßt!

Ulla Röhl, 1. Januar 2020


Die Logbuch-Einträge der IODP Expedition 378 finden Sie ebenfalls unter: https://www.marum.de/Entdecken/Logbuch-IODP-Exp-378.html