27. Mai. 2019
Untersuchungen der Seesystemdynamik im Permafrost Sibiriens.

Boris Biskaborn (vorne re.) bei einer Untersuchungen der Seesystemdynamik im Permafrost Sibiriens.

Boris Biskaborn reist als Polarforscher in entlegene Gebiete, die vielleicht noch nie ein Mensch zuvor besucht hat. Sein Entdeckergeist führt ihn in Permafrost-Regionen, um dort zu untersuchen, wie der Klimawandel sich auf Ökosysteme auswirkt - eine hochaktuelle Frage. Im Interview berichtet er, warum es manchmal aber auch heißt: Raus aus dem Polarforscheranzug, rein in ein schickes Outfit.

Was ist der Gegenstand Ihrer Forschung?
Ich bin Polarforscher mit dem Fokus auf die terrestrische Arktis. Mich interessiert die Auswirkung des Klimawandels auf Ökosysteme in den Permafrost-Regionen, also den Gebieten mit dauerhaft gefrorenem Untergrund. Die Frage, die mich derzeit beschäftigt, ist: Welche Unterschiede gibt es in den Reaktionen von arktischen Landschaftssystemen auf natürliche Klimaschwankungen in der Vergangenheit im Vergleich zum heutigen durch den Menschen hervorgerufenen Umweltwandel? Die Methoden, die ich nutze, reichen von geochemischen und biologischen Analysen von Sedimentkernen aus Seen bis hin zu statistischen Auswertungen von Bohrloch-Temperaturdaten.

Warum haben Sie diesen Fokus gewählt?
Wir wissen noch wenig über die Polarregionen, weil diese Gebiete nur sehr aufwendig und unter erschwerten Bedingungen zu erreichen und zu studieren sind. Trotzdem spielt besonders die Arktis eine entscheidende Rolle in dem Klimasystem der Erde. Hier beobachten wir die deutlichsten Auswirkungen des Klimawandels und Rückkopplungsmechanismen, die eine entscheidende Funktion für die Klimaentwicklung unserer gesamten Erde ausüben. Als Polarforscher hat man also das Privileg direkt am Hot Spot der entscheidenden Fragen in Bezug zur Interaktion des Menschen mit seinem Lebensraum Erde arbeiten zu können.

An einem Eisloch mit Schwerelot zur Entnahme von Kurzkernen auf Herschel Island, Kanada.

An einem Eisloch mit Schwerelot zur Entnahme von Kurzkernen auf Herschel Island, Kanada.

Bild: Kahl/AWI
Auf einem Bohrturm, um den Bohrvorgang vorzubereiten bei Bykovsky, Russische Arktis.

Auf einem Bohrturm, um den Bohrvorgang vorzubereiten bei Bykovsky, Russische Arktis.

Bild: Grosse/AWI
Boris Biskaborn mit einem Seesediment-Bohrkern aus dem sibirischen Permafrost.

Boris Biskaborn mit einem Seesediment-Bohrkern aus dem sibirischen Permafrost.

Bild: Heinecke/AWI
Arbeiten über einem 250 Meter tiefen Eisloch in der Antarktis.

Arbeiten über einem 250 Meter tiefen Eisloch in der Antarktis.

Bild: Koglin/BGR
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An einem Eisloch mit Schwerelot zur Entnahme von Kurzkernen auf Herschel Island, Kanada.

Bild: Kahl/AWI

Auf einem Bohrturm, um den Bohrvorgang vorzubereiten bei Bykovsky, Russische Arktis.

Bild: Grosse/AWI

Boris Biskaborn mit einem Seesediment-Bohrkern aus dem sibirischen Permafrost.

Bild: Heinecke/AWI

Arbeiten über einem 250 Meter tiefen Eisloch in der Antarktis.

Bild: Koglin/BGR

Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?
Das kommt ganz darauf an wo ich mich gerade befinde. Auf einer Expedition auf dem Eis oder der Bohrplattform ist ein Arbeitstag sehr lang und sehr Praxis und Technik orientiert. Da fliege ich im Hubschrauber über die Tundra oder fahre in speziellen Fahrzeugen über gefrorene Flüsse und Seen um die nächsten geplanten Koordinaten zu erreichen wo wir in Zelten, auf Schlitten oder in Holzhäusern übernachten. Raus aus dem Polarforscheranzug und rein in ein schickes Outfit stelle ich auf internationalen Konferenzen die Ergebnisse in Vorträgen vor und diskutiere den neuesten Wissensstand mit anderen Experten. In meinem Büro am Alfred-Wegener-Institut in Potsdam arbeite ich meist am Computer an der Veröffentlichung der Studien in wissenschaftlichen Journalen, betreue Promovierende und Studierende, gebe Vorlesungen und Seminare an der Universität und kümmere mich um Aufgaben, die zum wissenschaftlichen Ablauf des Instituts gehören.

Was fasziniert Sie am meisten an Ihrer Arbeit?
Am meisten faszinierte mich schon als Kind und heute noch, dass man als Polar- und Naturforscher nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Entdecker sein darf. Auf Expeditionen stoßen wir in Gebiete vor, die so abgelegen sind, dass dort vielleicht noch nie ein Mensch zuvor gewesen ist. Das bedeutet auch dass die Proben die wir untersuchen, immer die Chance auf tolle neue Erkenntnisse und Daten verheißen, die dabei helfen die Rolle der Polargebiete im Klimasystem Erde besser zu verstehen.

In welche Richtung würden Sie Ihre Forschung zukünftig gerne vertiefen?
Die vom Klimawandel beeinflussten Ökosysteme der Erde stellen für den Menschen die wichtigste Lebensgrundlage dar. Insbesondere die See-Ökosysteme in der Arktis sind die Wachposten unserer letzten unberührten Wasser-Reservoirs. Ich denke es ist von ganz entscheidender Bedeutung in repräsentativen Standorten Feedback-Mechanismen der Primärproduzenten auf Umwelteinflüsse wie langfristigen Temperaturanstieg zu untersuchen. So lassen sich grundlegende Daten gewinnen welche die Frage beantworten können, ob die Biodiversitätsänderungen langsam und stetig oder abrupt ablaufen und ob sie umkehrbar oder irreversibel sind.