24. Jul. 2018
So eine Probennahme ist ein dreckiges Geschäft! Aber wenn die Proben gut sind, freut man sich als Forscher trotzdem  .

So eine Probennahme ist ein dreckiges Geschäft! Aber wenn die Proben gut sind, freut man sich als Forscher trotzdem.

Dr. Jens Kallmeyer ist Geologe und forscht am Helmholtz-Zentrum Potsdam zu Geomikrobiologie. Hier arbeitet er als Leiter des Radioisotopenlabors und des Labors für aquatische Geochemie. Dem kleinsten Leben im tiefen Untergrund gilt sein Interesse.

Was ist der Gegenstand Ihrer Forschung?
Ich beschäftige mich mit Leben im Untergrund. Da nur in den allerobersten Schichten noch mehrzelliges Leben wie Würmer oder Krebse zu finden sind, beschäftige ich mich weitestgehend nur mit Mikroben. Ich schaue mir an, was diese Organismen machen, welche Stoffe sie verbrauchen, was sie produzieren und wie sie dabei den Untergrund verändern. Eine wichtige Anwendung dieser Forschung ist der Abbau von Erdöl und Erdgas sowie die Schaffung von bestimmten Mineralen, in denen sich wichtige Rohstoffe anreichern.

Warum haben Sie diesen Fokus gewählt?
Studiert habe ich ganz klassisch Geologie. Dabei kam ich in Kontakt mit der Meeresforschung und darüber wiederum hörte ich zum ersten Mal von der Biogeochemie. Das fand ich sehr interessant und habe die entsprechenden Kurse belegt. Das Zusammenspiel von Biologie und Geologie hat mich schon immer gereizt; hätte ich nicht Geologie studiert, wäre es wahrscheinlich Biologie geworden. Im Rahmen meiner Doktorarbeit am Max Planck Institut für marine Mikrobiologie habe ich in einem Projekt zum Thema "Tiefe Biosphäre" gearbeitet, also dem Leben im tiefen Untergrund, in diesem Fall im Meeresboden. Dieses Thema hat mich dann nie wieder völlig losgelassen, auch wenn sich der Fokus im Laufe der Jahre immer wieder etwas verändert hat – vom Meeresboden über tiefe Bohrungen in Kohlenlagerstätten an Land bis hin zu tropischen Seen. Die Fragestellungen änderten sich, aber immer ging es um Leben im tiefen Untergrund.

Probennahme in einem Kratersee (Lake Eight) im Suguta Valley, Kenia. Das Suguta Valley ist der heißeste und trockenste Teil von Kenia. Der See ist extrem salzig und wird von unterirdischen Quellen gespeist. Er lässt sich nur per Hubschrauber erreichen und daher nur mit aufblasbarem Schlauchboot beproben.

Probennahme in einem Kratersee (Lake Eight) im Suguta Valley, Kenia. Das Suguta Valley ist der heißeste und trockenste Teil von Kenia. Der See ist extrem salzig und wird von unterirdischen Quellen gespeist. Er lässt sich nur per Hubschrauber erreichen und daher nur mit aufblasbarem Schlauchboot beproben.

Bild: Prof. Annett Junginger/Univ. Tübingen
Nach einer geglückten Probennahme im Lake Logipi, etwa 20 Minuten Helikopterflug vom Lake Eight entfernt, geht es zurück an Land. Der rosa Streifen am Seeufer sind Flamingos. Durch die Exkremente der 1,5 bis 2 Millionen hier lebenden Flamingos ist der See extrem nährstoffreich.

Nach einer geglückten Probennahme im Lake Logipi, etwa 20 Minuten Helikopterflug vom Lake Eight entfernt, fahren Jens Kallmeyer und die kenianischen Kollegen zurück an Land. Der rosa Streifen am Seeufer sind Flamingos. Durch die Exkremente der 1,5 bis 2 Millionen hier lebenden Flamingos ist der See extrem nährstoffreich.

Bild: Prof. Annett Junginger/Univ. Tübingen
1 / 2

Probennahme in einem Kratersee (Lake Eight) im Suguta Valley, Kenia. Das Suguta Valley ist der heißeste und trockenste Teil von Kenia. Der See ist extrem salzig und wird von unterirdischen Quellen gespeist. Er lässt sich nur per Hubschrauber erreichen und daher nur mit aufblasbarem Schlauchboot beproben.

Bild: Prof. Annett Junginger/Univ. Tübingen

Nach einer geglückten Probennahme im Lake Logipi, etwa 20 Minuten Helikopterflug vom Lake Eight entfernt, fahren Jens Kallmeyer und die kenianischen Kollegen zurück an Land. Der rosa Streifen am Seeufer sind Flamingos. Durch die Exkremente der 1,5 bis 2 Millionen hier lebenden Flamingos ist der See extrem nährstoffreich.

Bild: Prof. Annett Junginger/Univ. Tübingen

Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?
Einen wirklich typischen Arbeitstag gibt es so nicht. Wenn ich an meinem Forschungsinstitut bin, dann sitze ich auch viele Tage nur im Büro und analysiere Daten oder schreibe Anträge und Manuskripte. Natürlich bin ich auch noch im Labor, allerdings schaffe ich das viel zu selten. Und dann gibt es natürlich noch die Expeditionen: Auf Forschungsschiffen sind die Schichten vorgegeben, während auf manchen Schiffen mehr oder weniger "normale" Arbeitszeiten von morgens bis abends gelten. Auf anderen Schiffen wird auch rund um die Uhr gearbeitet mit entsprechenden Zwölf-Stunden-Schichten, meistens von Mittag bis Mitternacht oder Mitternacht bis Mittag. Auf diese Weise sieht jeder etwas Tageslicht. Ich hatte auch schon mal eine Expedition, auf der ich nur von sechs Uhr abends bis sechs Uhr morgens gearbeitet habe. Da wir fast die ganze Zeit direkt auf dem Äquator fuhren, habe ich knapp vier Wochen während der Arbeitszeit keine Sonne gesehen. Auf Expeditionen an Land hängt die Arbeit sehr stark von den örtlichen Gegebenheiten ab. Auf großen Bohrungen wird auch rund um die Uhr gearbeitet, mit entsprechenden Schichten, ansonsten je nach Wetter. Wenn man nur morgens arbeiten kann, wie beispielsweise auf vielen Seen in Indonesien (am Nachmittag wird der Wind zu stark), dann fängt man halt um fünf Uhr an und arbeitet, solange es geht. In Sibirien im Frühjahr fangen wir später an, weil es sonst zu dunkel ist. Auf jeder Expedition kommt es irgendwann zu einer Routine, aber jedes Mal ist die Routine etwas anders. 

Was fasziniert Sie am meisten an Ihrer Arbeit?
Immer wieder zu sehen wie Mikroorganismen unseren Planeten geformt haben und weiterhin formen. Ohne mikrobielles Leben gäbe es auch kein höheres Leben. Eine Besonderheit des Lebens im tiefen Untergrund ist die Tatsache, dass wir eigentlich bis heute nicht verstehen, warum es diese Organismen eigentlich dort gibt. Sie widersprechen unseren Vorstellungen über die Grenzen von Leben und führen uns jeden Tag aufs Neue vor, wie wenig wir eigentlich von unserem Planeten, den darauf lebenden Organismen und den durch sie gesteuerten Prozessen wissen.

In welche Richtung würden Sie Ihre Forschung zukünftig gerne vertiefen?
In den letzten Jahren haben wir sehr viele neue Techniken entwickelt und viele neue Erkenntnisse gewonnen. Diese sind häufig noch nicht oder nur unvollständig in den Industrien angekommen, die in diesem Bereich arbeiten. Eine stärkere Einbindung der Industrie wäre für viele Projekte bestimmt sehr hilfreich.