03. Feb. 2020
Biodiversität als Produktionsfaktor?

Biodiversität als Produktionsfaktor?

Kann die Biodiversität von Ökosystemen als Produktionsfaktor gesehen werden? Forscherinnen und Forscher unter Federführung der Technischen Universität München (TUM) analysieren, welche ökonomischen Vorteile Land- und Forstwirte haben, wenn sie mit mehreren Arten anstelle von nur einer Art wirtschaften. Auch die Vorteile der Biodiversität für die Gesellschaft werden in einer umfangreichen Literaturstudie in den Blick genommen.

Die Kernfrage der Studie lautet: Erhöht mehr Artenvielfalt den ökonomischen Wert bewirtschafteter Ökosysteme? "Es stellte sich heraus, dass die möglichen Beziehungen zwischen ökonomischem Wert und Biodiversität sehr vielfältig sind", so Professor Thomas Knoke, Leiter der Professur für Waldinventur und nachhaltige Nutzung am Wissenschaftszentrum Weihenstephan.

Die Bewertung hängt von der Zielsetzung ab
Holzplantagen aus nur einer Baumart offenbaren außenstehenden Betrachtern sogleich die Hauptfunktion dieses Waldes: Wirtschaftlicher Nutzen durch den Verkauf von Holz. Der Wald hat jedoch unterschiedliche Funktionen: Er dient als Lebensraum für Tier- und Pflanzenarten, er hat eine Nutzfunktion für die Gewinnung des Rohstoffes Holz, eine Schutzfunktion, etwa zum Bodenschutz oder Klimaschutz sowie eine Erholungsfunktion. Es ist wohlbekannt, dass höhere Erträge möglich sind, wenn die Vielfalt der Baumarten ansteigt. Doch "ab einer bestimmten Durchmischung führt eine weitere Baumart nicht mehr zu einem größeren Nutzen für den Menschen", fand die Gruppe heraus. Es kommt dabei sehr auf die Eigenschaften der betrachteten Baumarten an, denn nicht jeder Baum hat denselben Wert. "Alle Funktionen eines Ökosystems sind nie in gleichem Maße positiv mit Biodiversität verknüpft", erklärt Professorin Carola Paul, Universität Göttingen, die bis vor kurzem zu Knokes Team gehörte. Fasst man alle Aufgaben eines Ökosystems zusammen, ergibt sich rechnerisch eine Maximumskurve für dessen Wert.

Naturwald in Panama.

Bild: Carola Paul / Universität Göttingen
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Naturwald in Panama.

Bild: Carola Paul / Universität Göttingen

Das Autorenteam zeigt: "Die Maximierung der Biodiversität auf der Ebene des Ökosystems wird in den meisten Fällen nicht den wirtschaftlichen Wert maximieren." Dies gilt vor allem dann, wenn Kompromisse zwischen verschiedenen Dienstleistungen oder zwischen wirtschaftlichen Erträgen und Risiken zu finden sind. Dann ist ein mittleres Niveau an biologischer Vielfalt am nützlichsten.

Wo sich Biodiversität bezahlt macht
Je vielfältiger die Pflanzen in einem Ökosystem sind, desto besser ist dies für die Risikostreuung. Dies hat Auswirkungen auf den Versicherungswert des Ökosystems. Es zeigt sich, dass die Risikoprämie schon aufgrund einer kleinen Veränderung des Niveaus der Biodiversität verringert werden kann. Eine Risikoprämie ist die Belohnung, die eine risikoscheue Person benötigt, um ein höheres Risiko zu akzeptieren.
Ein hohes Wertpotential der Biodiversität identifizierten die Forscherinnen und Forscher vor allem in der Vermeidung sozialer Kosten. Dies sind Kosten, die von der Allgemeinheit getragen werden müssen, etwa Luftverschmutzungen. Die Studie liefert in ihrer mathematischen Betrachtung der sozialen Kosten wirtschaftliche Argumente dafür, dass sich vielfältigere und gemischte Anbau- und Forstwirtschaftssysteme lohnen: "In artenreichen Ökosystemen muss man weniger düngen", erklärt Knoke.

Mittlerer Durchmischungsgrad erzielt oft den besten Wert
"Auf der Grundlage theoretischer Überlegungen und empirischer Erkenntnisse konnten wir zeigen, dass Ökosysteme mit mehreren, aber doch relativ wenigen Pflanzenarten ökonomisch vorteilhafter sein können, als solche mit nur einer Art, aber auch als solche mit ganz vielen Arten", fasst der Wissenschaftler zusammen. Biodiversität und Ökosystemfunktionen bilden demnach nur selten eine stetig ansteigende Kurve. Vielmehr fand das Team empirische und theoretische Belege für streng konkave oder streng konvexe Beziehungen zwischen Biodiversität und wirtschaftlichem Wert. Die Erkenntnisse bedeuten keinesfalls, dass sehr artenreiche Ökosysteme nicht schützenswert sind. Vielmehr zeigen sie, dass für solche "Hot Spots" der Biodiversität ökonomische Argumente alleine nicht ausreichen.

Hingegen verdeutlichen die Beziehungen die wirtschaftlichen Vorteile, die schon kleine Erhöhungen der Artenvielfalt in Agrarlandschaften haben können. Aber auch für den Wald gilt, dass man mit vier bis fünf Baumarten einen stabilen Wald bewirtschaften kann, der unterschiedliche Funktionen erfüllt. Die Beachtung der gefundenen Beziehungen gibt somit wertvolle Hinweise für künftige Landnutzungsplanungen.


Quelle: Technische Universität München