03. Apr. 2020
Die Edmontosaurus-Mumie im Senckenberg Naturmuseum in Frankfurt.

Die Edmontosaurus-Mumie im Senckenberg Naturmuseum in Frankfurt.

Im Vorfeld der geplanten Sonderausstellung "Edmonds Urzeitreich – Eine Dinograbung in Frankfurt" hat Senckenberg-Wissenschaftler Dieter Uhl die in der Dauerausstellung des Naturmuseums ausgestellte Edmontosaurier-Mumie unter die Lupe genommen. Der Forscher begab sich auf die Suche nach einem im Jahr 1922 publizierten "Mageninhalt" des Entenschnabelsauriers, welcher seitdem als Beleg für die Ernährung dieser Dinosauriergattung gilt. Durch Literaturrecherche und aktuelle Untersuchungen kommt der Geowissenschaftler zu dem Ergebnis, dass es diesen Mageninhalt nicht geben kann. Die Studie erscheint heute in der "Zeitschrift der Deutschen Gesellschaft für Geowissenschaften".

Das Senckenberg Naturmuseum Frankfurt beheimatet seit mehr als 100 Jahren eine der wenigen Edmontosaurus annectens-Mumien. Das Fossil wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von Fossiliensammler und -händler Charles Hazelius Sternberg, zusammen mit seinen Söhnen, im U.S.-Bundesstaat Wyoming in der sogenannten "Lance-Formation" in fluviatilen Sandsteinen der Oberkreide geborgen und an das Museum verkauft. Das nahezu vollständige Skelett und die Hauterhaltung – ein wichtiges Zeugnis für das Aussehen der Dinosaurier – machen das etwa 66 Millionen Jahre alte Exponat für die Wissenschaft so bedeutend.
Ein weiteres Highlight der Mumie ist ein 1922 beschriebener Mageninhalt. "Dieser wurde nach dem Einzug der Mumie in unser Museum in Form einer Kurzmitteilung von Richard Kräusel, Paläobotaniker an der Universität Frankfurt, publiziert und galt seitdem als eine Art "Kronzeuge" für die Fressgewohnheiten von Edmontosauriern und Hadrosauriern im Allgemeinen", erzählt Prof. Dr. Dieter Uhl vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum in Frankfurt.

Kutikula eines Laubblatts aus dem "mutmaßlichen" Mageninhalt.

Bild: D. Uhl
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Kutikula eines Laubblatts aus dem "mutmaßlichen" Mageninhalt.

Bild: D. Uhl

Es wurde jedoch auch wiederholt infrage gestellt, ob es sich bei dem fraglichen Material wirklich um den Mageninhalt handeln kann. Uhl hat sich daher in Vorbereitung auf die kommende Sonderausstellung "Edmonds Urzeitreich – Eine Dinograbung in Frankfurt" auf die Suche nach dem Dinosauriermageninhalt gemacht. "Erste Zweifel kamen mir, als ich einen Aufsatz von dem damaligen Leiter der Paläontologie bei Senckenberg, Fritz Drevermann, las – hier beschreibt er anderem den Fundort des mutmaßlichen Magens", erzählt Uhl. Dem Artikel zu Folge lag der fossile Verdauungsapparat auf einem Knochenfortsatz des Edmontosaurier-Beckens. "Drevermann spekulierte deshalb, dass die Mumie rechts auf der Seite lag, der Mageninhalt auf diesen Knochen abgesunken sei und dort versteinerte", ergänzt der Frankfurter Geowissenschaftler und fährt fort: "Wir wissen aber, dass die Fundsituation eine andere war: "Edmond" lag mit dem Bauch auf der Erde, der Magen hätte in dieser Position nicht an der beschriebenen Stelle versteinern können – es sei denn, der bis zu 10 Tonnen schwere Dinosaurier hätte sich lange nach seinem Ableben nochmal gedreht."

Obwohl der versteinerte Mageninhalt seit 1922 in der Fachwelt bekannt war, existieren zudem weder exakte Zeichnungen oder Beschreibungen der darin gefundenen Pflanzenüberreste. Lediglich einen handschriftlichen Zettel, dass der Mageninhalt in die Ausstellung überführt wurde, sowie mikroskopische Pflanzenreste aus dem mutmaßlichen Mageninhalt sowie Blattabdrücke und Sedimentproben aus dem Sandstein, der die ehemalige Leibeshöhle des Dinosauriers ausfüllte, fand Uhl in den Senckenberg-Sammlungen.

"Wir haben diese wenigen Belege und bereits publizierten Daten von unserer und anderen Dinosauriermumien berücksichtigt, um abschätzen zu können, ob es sich bei dem fraglichen Material wirklich um den Mageninhalt handeln könnte oder nicht. Basierend auf den sedimentologischen und taphonomischen Kontext, sowie unter Berücksichtigung des aktuellen Wissensstandes zur Ernährung von Hadrosauriern, erscheint es mehr als unwahrscheinlich, dass es sich bei den fraglichen Resten wirklich um den Magen- oder Darminhalt der Frankfurter Edmontosaurus-Mumie handelt. Vielmehr gehen wir von einer Zusammenschwemmung von Blattresten im Sandstein aus, die lange nach dem Tod des Tieres zufällig entstand", fasst Uhl die Ergebnisse zusammen und gibt einen Ausblick: "Unsere Ergebnisse zeigen, dass unsere uralte Dinomumie noch viele ganz aktuelle Fragen aufwirft – diese gilt es nun zu beantworten!"

Wegen der Corona-Pandemie und der damit einhergehenden Museumsschließung musste auch die gestrige Eröffnung der Sonderausstellung "Edmonds Urzeitreich – Eine Dinograbung in Frankfurt" verschoben werden. Da die Entwicklungen derzeit nicht vorhersehbar sind, ist bislang kein neuer Starttermin absehbar.


Quelle: Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen