23. Mär. 2018

Luftbild von der Olorgesailie-Senke im Süden Kenias.

In der Entwicklungsgeschichte des Menschen gibt es mehrere einschneidende Markierungen. Eine davon ist der Auftritt des anatomisch modernen Menschen mitsamt komplexer Verhaltensweisen und hochentwickelter Werkzeugtechnologie. In der südkenianischen Olorgesailie-Senke haben Wissenschaftler unter Führung der Smithsonian Institution jetzt den Wechsel in Technologie und Verhalten sichtbar machen können.

Die Entwicklung feiner mittelsteinzeitlicher Obsidian-Werkzeuge mitsamt der dafür benötigten sozialen Netzwerke und fortgeschrittenes symbolisches Denken fand offenbar um Jahrzehntausende früher statt als bislang gedacht und markiert den Auftritt des anatomisch modernen Menschen in der Erdgeschichte. Zur etwa selben Zeit, auf die die frühesten Fossilien des anatomisch modernen Menschen vom Dschebel Irhoud in Marokko datiert werden, tauchen auf der anderen Seite des afrikanischen Kontinents die ersten Hinweise auf komplexes Verhalten auf. In der südkenianischen Olorgesailie-Senke hat ein internationales Paläoanthropologenteam unter Leitung der Smithsonian Institution in Washington Sedimente ausgewertet, die mehr als eine Million Jahre der Menschheitsgeschichte umfassen. Über ihre Ergebnisse berichten sie in drei Veröffentlichungen in "Science" sowie einem Paper im Bulletin der Geologischen Gesellschaft Amerikas.

In den Sedimenten der Olorgesailie-Senke haben die Forscher um Rick Potts von Smithsonians Human Origins Program zwei Phasen der Menschheitsentwicklung gefunden, zwischen denen eine Überlieferungslücke von 180.000 Jahren klafft. Die ersten 700.000 Jahre sind von altsteinzeitlichen Faustkeilen geprägt. "Technologisch hat sich über die Jahrhunderttausende nur wenig geändert, wenn überhaupt etwas", beschreibt Potts den Befund gegenüber der BBC. Nach der Überlieferungslücke wandelte sich das Bild drastisch. Statt der wuchtigen Faustkeile finden die Wissenschaft fein gearbeitete Klingen und Spitzen aus dem Vulkanstein Obsidian, dazu Hinweise auf den Gebrauch von Ocker zur Bemalung.

Rohmaterial mußte aus großer Distanz herangeschafft werden

Obsidian allerdings ist, anders als das Material der Faustkeile, in der Nähe der Olorgesailie-Senke nicht vorhanden. Die Menschen von vor 320.000 Jahren mussten dafür zwischen 25 und 95 Kilometer weit durch zerklüftetes Terrain zurücklegen. "Es ist unwahrscheinlich, dass die Jäger und Sammler dieser Zeit solche Distanzen tatsächlich gereist sind", meint Alison Brooks, Paläoanthropologin an der George Washington Universität und Hauptautorin eines der Berichte. Stattdessen nimmt sie ein Beziehungsnetzwerk zwischen verschiedenen Menschengruppen an, über das solche begehrten Rohstoffe ausgetauscht wurden.

Ausgrabungen in der Olorgesailie-Senke in Südkenia.

Ausgrabungen in der Olorgesailie-Senke in Südkenia.

Bild: Smithsonian Institution/Human Origins Program
Eine Obsidianspitze und der zugehörige Mutterstein.

Eine Obsidianspitze und der zugehörige Mutterstein.

Bild: Smithsonian Institution/Human Origins Program
Faustkeile aus der Olorgesailie-Senke in Südkenia.

Faustkeile aus der Olorgesailie-Senke in Südkenia.

Bild: Smithsonian Institution/Human Origins Program
Rick Potts, Smithsonian Human Origins Program, blickt auf Faustkeile, die in der Olorgesailie-Senke in Südkenia gefunden wurden.

Rick Potts, Smithsonian Human Origins Program, blickt auf Faustkeile, die in der Olorgesailie-Senke in Südkenia gefunden wurden.

Bild: Smithsonian Institution/Jason Nichols
Alison Brooks, Paläoanthropologin von der George Washington University in Washington D.C..

Alison Brooks, Paläoanthropologin von der George Washington University in Washington D.C..

Bild: Smithsonian Institution/Human Origins Program
Ausgrabungen in der Olorgesailie-Senke in Südkenia.

Ausgrabungen in der Olorgesailie-Senke in Südkenia.

Bild: Smithsonian Institution/Human Origins Program
Karte von Kenia mit der Verortung der Olorgesailie-Senke.

Karte von Kenia mit der Verortung der Olorgesailie-Senke.

Bild: Smithsonian Institution/Human Origins Program
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Ausgrabungen in der Olorgesailie-Senke in Südkenia.

Bild: Smithsonian Institution/Human Origins Program

Eine Obsidianspitze und der zugehörige Mutterstein.

Bild: Smithsonian Institution/Human Origins Program

Faustkeile aus der Olorgesailie-Senke in Südkenia.

Bild: Smithsonian Institution/Human Origins Program

Rick Potts, Smithsonian Human Origins Program, blickt auf Faustkeile, die in der Olorgesailie-Senke in Südkenia gefunden wurden.

Bild: Smithsonian Institution/Jason Nichols

Alison Brooks, Paläoanthropologin von der George Washington University in Washington D.C..

Bild: Smithsonian Institution/Human Origins Program

Ausgrabungen in der Olorgesailie-Senke in Südkenia.

Bild: Smithsonian Institution/Human Origins Program

Karte von Kenia mit der Verortung der Olorgesailie-Senke.

Bild: Smithsonian Institution/Human Origins Program

Sehr aufschlußreich sind auch die paläontologischen Funde, die die jeweiligen Ökosysteme der beiden Menschheitsepochen beleuchten. Danach wechselte die Tierwelt zwischen der älteren und der jüngeren Phase nahezu komplett. In der jüngeren Phase dominieren kleinere, agilere Vertreter von Elefant, Pferd, Schwein oder Rind, die man vermutlich mit Distanzwaffen wie Speeren besser erlegte als mit einem Faustkeil. Auch die Umweltbedingungen hatten sich geändert, die Unterschiede zwischen Trocken- und Regenzeit hatten sich wesentlich verstärkt, aus einer Waldlandschaft war eine offene Savanne geworden, in der sich Wälder nur noch an den Flüssen halten konnten.

Tektonischer und klimatischer Wandel

Der Grund liegt in der Geologie. Vor 360.000 Jahren begann eine weitere aktive Phase in der Bildung des Ostafrikanischen Grabens, die einherging mit einer klimatischen Veränderung hin zu trockeneren Bedingungen mit verstärkten Regenzeiten. Beides zusammen veränderte die Lebensumstände von Mensch und Tier derart drastisch, dass sie radikale Verhaltensänderungen entwickeln mussten oder ausstarben. Da die kritische Zeit der Veränderung genau in die Überlieferungslücke fällt, können die Forscher bislang nicht sagen, wie der Anpassungsprozess der Menschen in der Olorgesailie-Senke ablief. Um diese Fragen zu klären, müssen ähnlich gründliche und ausdauernde Ausgrabungsprojekte wie in Südkenia an anderen Stellen Ost- oder Nordwestafrikas durchgeführt werden. Das Human Origin Program ist seit 30 Jahren unter Rick Potts Leitung in Kenia aktiv.