16. Dez. 2019
Der Ätna mit Catania im Vordergrund

Der Ätna mit Catania im Vordergrund

Das Attentat der Verschwörer um Cassius und Brutus auf Caesar gehört zu den Fixpunkten der Weltgeschichte, obwohl seine Folgen eher überschaubar waren: Zur republikanischen Verfassung kehrte Rom nicht mehr zurück und mit Octavian setzte sich die Caesar-Fraktion schließlich doch gegen ihre Konkurrenten durch. Doch der Mord und die erneuten Auseinandersetzungen in seinem Gefolge haben in den Augen der Zeitgenossen und für die Nachwelt offenbar einen der größten Vulkanausbrüche in historischer Zeit verschleiert. Wissenschaftler eines interdisziplinären Forschungsprojektes berichteten auf der Jahrestagung der amerikanischen Geophysikervereinigung AGU in San Francisco über ihre Erkenntnisse.

An Warnungen hatte es Caesar nicht gemangelt, daran ließen die Biographen der Kaiserzeit, Sueton und Plutarch, keinen Zweifel. Die Ermordung des ersten römischen Alleinherrschers kam nicht aus heiterem Himmel. Die Pferde, die er beim Überschreiten des Rubikon den Göttern geweiht hatte, hätten nicht mehr fressen wollen und geweint, berichtet Sueton. Am Vortag des ominösen Datums habe man einen Zaunkönig mit einem Lorbeerzweig im Schnabel beobachtet, wie er von einem Vogelschwarm in die pompeianische Kurie, ein Versammlungsgebäude des römischen Senats, gejagt und dort zerrissen worden sei. Bei einem Tieropfer warnte Plutarch zufolge ein Augur Caesar unverblümt: "Hüte Dich vor den Iden des März!" Bekanntlich hatten diese Vorzeichen genauso wenig Erfolg, wie die inständigen Bitten von Caesars Frau. Der Politiker ging an den Iden des März 44 vor Christus in eben diese pompeianische Kurie, in der der Senat ihn erwartete, und wurde dort von den Verschwörern um Brutus erdolcht.

"Der Tod Caesars" von Vincenzo Camuccini (1771-1844) in der Galleria Nazionale d'Arte Moderna e Contemporanea, Rom

Bild: Wikimedia Commons/Ribberlin (CC0)
Rauchwolke des Ätna am 30. Oktober 2002

Rauchwolke des Ätna am 30. Oktober 2002

Bild: NASA (CC0)
Ausbruch des Ätna vom 30.10.02, gesehen von der Internationalen Raumstation aus.

Ausbruch des Ätna vom 30.10.02, gesehen von der Internationalen Raumstation aus.

Bild: NASA (CC0)
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"Der Tod Caesars" von Vincenzo Camuccini (1771-1844) in der Galleria Nazionale d'Arte Moderna e Contemporanea, Rom

Bild: Wikimedia Commons/Ribberlin (CC0)

Rauchwolke des Ätna am 30. Oktober 2002

Bild: NASA (CC0)

Ausbruch des Ätna vom 30.10.02, gesehen von der Internationalen Raumstation aus.

Bild: NASA (CC0)

Jenseits der Hauptstadt und weitgehend ignoriert von der Geschichtsschreibung scheint dieser 15. März jedoch mit einem ganz anderen Unheil verknüpft gewesen zu sein. "Wir glauben, dass die politischen Verwerfungen ein veritables Klimadesaster verschleiert haben", berichtete Morgan King, Gastprofessorin für Klassische Philologie an der Universität von Kalifornien in Berkeley auf der Jahrestagung der amerikanischen Geophysikervereinigung AGU in San Francisco. King arbeitet an einem interdisziplinären Projekt von Historikern, Philologen und Geophysikern mit, das literarische und historische Quellen über den Übergang der römischen Republik ins Prinzipat mit den geologischen Archiven der Zeit synchronisieren will.

Historische Quellen und geologische Archive synchronisiert

"Wir haben Augenzeugenberichte aus dem Jahr 44 vor Christus, die von einer größeren Eruption des Ätna kurz vor der Ermordung Caesars berichten, und unmittelbar nach der Tat häufen sich die Berichte über Klimaeffekte", so King in San Francisco. Manche dieser Klimaeffekte verknüpften schon die Zeitgenossen mit dem Vulkanausbruch, andere lassen sich erst mit heutigem Wissen darauf zurückführen. "Die Römer berichteten zum Beispiel, dass sich am Tag nach Caesars Ermordung der Himmel verdunkelte", erzählte die Philologin. Damals wurde das als himmlische Missbilligung des Attentats gewertet, heute weiß man, dass es die Asche- und Aerosolpartikel des Vulkans war. Dieselbe sorgte übrigens beim Einzug von Octavian in Rom später im Jahr dafür, dass sich um die Sonne ein Ring bildete, der nach Suetons Angaben in den Farben des Regenbogens erstrahlte.

Die Forscher richteten ihr Augenmerk allerdings nicht so sehr auf diese spektakulären Schilderungen der Kaiserbiographen sondern auf die weniger bekannten Berichte von Zeitzeugen, die für die Jahre nach Caesars Ermordung von langen, kalten Wintern und Hungersnöten berichteten. Und sie suchten in Baumringarchiven, Höhlenablagerungen und auch grönländischen Eisbohrkernen nach Indizien für den Vulkanausbruch. Insbesondere die Eisbohrkerne zeigen zur Zeit der Ermordung einen deutlichen Anstieg des Schwefelgehalts. So stark war der Anstieg, dass der Ausbruch zu den drei größten in der historischen Überlieferung gezählt werden muss. Baumringe und Höhlenablagerungen legen nahe, dass die globale Temperatur damals um etwa 2 ºC abgestürzt ist, und dass die größten Veränderungen in Europa waren. Und genau zu dieser Zeit beginnen dann auch Berichte über Ernteausfälle in Italien, Ägypten, Indien und China.

Mit Modelldaten die Zusammenhänge hergestellt

Um die zahlreichen Indizien und Fakten in ein kohärentes Bild zu integrieren, setzte das Wissenschaftler-Team auf Modellrechnungen. Sie wollten ein Bild davon bekommen, wie sich die Eruptionswolke des Ätna über die Erdoberfläche verteilt haben könnte, um so zu prüfen, ob hinter den Einzelbeobachtungen der Vulkan als Ursache stecken könnte. "Natürlich haben wir keine Satellitendaten für das Jahr 44 vor Christus, aber es gibt ziemlich gute Re-Analyse-Daten für die Jahre seit 1948", so Rafael Castro vom Berkeley Atmospheric Sciences Center. Wenn man annimmt, dass die atmosphärischen Strömungen im Großen und Ganzen gleichblieben, können die Forscher diese Modelldaten nutzen, um den wahrscheinlichen Weg zu rekonstruieren, den die Wolke vor 2063 Jahren genommen hatte.

Die Übereinstimmung von Simulationsdaten und Indizien war überraschend gut. Die stärksten Effekte ergaben sich in den mittleren Breiten und sie waren stark genug, um auch Hungersnöte bis hin nach China zu erklären. Auch die massive Schwefelanreichung im Eis aus dem Jahr 44 vor Christus war plausibel. Der Ausbruch des Ätna scheint, anders als der Mord an Caesar, also Folgen weit über die Grenzen des Römischen Reiches hinaus rund um den Globus gehabt zu haben, Niederschlag in den historiographischen Schriften fand er dagegen kaum.