25. Feb. 2018

Fischer vom Golf von Maine tragen Kabeljau zur Verarbeitung.

Schutzzonen zählen im Nordatlantik schon seit Jahrzehnten zu den Methoden, mit denen man die Überlastung der Meere in den Griff bekommen will. Die starren Sperrgebiete sind nicht sehr beliebt bei Fischern und manchmal auch nicht gut für die Meeresfauna, weil sie nicht an die tatsächliche Entwicklung angepasst werden können. Die modernen Instrumente der Ozeanographie erlauben künftig ein dynamisches Management, das sowohl den Interessen der Umwelt als auch der menschlichen Nutzer besser gerecht wird.

Mehr als die Hälfte der Weltmeere wird laut einer aktuellen Studie in "Science" kommerziell befischt, insbesondere der Nordost-Atlantik und der Nordwestpazifik sind betroffen, aber auch die nährstoffreichen Gebiete im Zentralatlantik zwischen Westafrika und Südamerika werden ausgiebig von den Fangflotten besucht. Fisch zählt zu den wichtigsten Proteinquellen der weiterhin schnell wachsenden Menschheit, daher fordern Wissenschaftler immer drängender eine nachhaltige Fischerei, damit die Fangmengen auch in einigen Jahrzehnten noch ausreichen.

Auf der Meeresforschungskonferenz der Amerikanischen Geophysikalischen Union in Portland standen daher Schutzzonen für die Meeresbewohner im Zentrum der Diskussion. Fangverbotszonen sind allerdings nichts neues, gerade die Industriestaaten des Nordens haben bereits jahrzehntelange Erfahrung mit ihnen. Schließlich waren sie die ersten, die die erreichbaren Fanggründe derart radikal plünderten, dass ehemals gewaltige Bestände innerhalb weniger Jahre zusammenbrachen. So geschah es mit dem Kabeljau vor der amerikanischen Ostküste und ebenfalls in Europa, mit Sardinen im Schwarzen und im Mittelmeer und mit den riesigen Sardinen- und Anchovisschwärmen im Pazifik. In der Folge versuchte man, die leergefischten Meere durch Schutzzonen und -zeiten wiederzubeleben.

Dynamisches Meeresmanagement soll Biosphäre besser schützen

"Diese traditionellen Methoden des Meeresmanagements beruhen auf statischen Systemen, bei denen Gebiete ganz oder zeitweise gesperrt werden. Inzwischen stehen jedoch neue Technologien zur Verfügung, mit denen wir zielgenauere Konzepte entwickeln können, die wir als dynamisches Meeresmanagement bezeichnen", sagt Elliott Hazen, Ökologe an einem Fischereiforschungszentrum der US-amerikanischen Ozeanographie- und Atmosphärenbehörde NOAA im kalifornischen Monterey. Flexibel werden die Reservate an die Bedürfnisse und Aktivitäten der Tiere angepasst, die sie schützen sollen.

Die moderne Meeresforschung misst inzwischen viele Parameter kontinuierlich und macht damit eine tägliche oder sogar stündliche Anpassung der Schutzgebiete möglich. "Wir verarbeiten aktuelle Daten bis hin zu Echtzeit-Informationen, um die Ressourcen intelligenter zu nutzen", betont etwa Rebecca Lewison von der San Diego State University in Südkalifornien. Das gelte nicht nur für die Fischerei, sondern auch für die Nutzung anderer Meeresrohstoffe und sogar für die Schifffahrt. Die entwickelt sich immer stärker zu einer Hauptbelastung für die Meereslebewesen. Inzwischen werden zum Beispiel im Golf von Maine im Nordosten der USA die Schiffe automatisch informiert, wenn auf den Routen zu einigen der wichtigsten Häfen der Ostküste Wale gesichtet werden.

Fischer mit ihrem Fang im Golf von Maine. Das Bild aus dem Jahr 1914 stammt noch aus Zeiten vor der Industriefischerei, als der Kabeljau im Nordwestatlantik der größte Bestand der Welt war.

Fischer mit ihrem Fang im Golf von Maine. Das Bild aus dem Jahr 1914 stammt noch aus Zeiten vor der Industriefischerei, als der Kabeljau im Nordwestatlantik der größte Bestand der Welt war.

Bild: Library of Congress/N. Miller/CC0
Ein Fischer in Maine nimmt einen Kabeljau aus.

Ein Fischer in Maine nimmt einen Kabeljau aus.

Bild: COML
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Fischer mit ihrem Fang im Golf von Maine. Das Bild aus dem Jahr 1914 stammt noch aus Zeiten vor der Industriefischerei, als der Kabeljau im Nordwestatlantik der größte Bestand der Welt war.

Bild: Library of Congress/N. Miller/CC0

Ein Fischer in Maine nimmt einen Kabeljau aus.

Bild: COML

Unterwassermikrophone belauschen ziehende Nordkaper

Ein Netzwerk von Unterwassermikrophonen horcht in der Meeresbucht, ob die charakteristischen Signale der wandernden Wale ertönen. Fängt das Netzwerk etwa die Rufe der stark gefährdeten Atlantischen Nordkaper auf, wird umgehend eine Nachricht mit dem Standort des Signals versendet. "Man hat eine tolle App für Smartphones entwickelt, die die Standorte sofort anzeigt", so Lewison, "die Kapitäne können dann ihre Schiffe verlangsamen oder einen anderen Weg nehmen." Das System beruht auf freiwilliger Kooperation der Schiffsführer, und funktioniert offenbar trotzdem ziemlich gut.

Auch die einzige nachhaltige Schwertfischfischerei der Welt vor der Küste Kaliforniens wird künftig auf dynamisches Management umgestellt. Die US-Fischereibehörde erlaubt von August bis Januar die Verwendung von Driftnetzen. Für die Fischer ist das gut, denn Driftnetze sind wesentlich weniger aufwendig als Langleinen- oder gar Harpunenfischerei. Allerdings ist bei ihnen auch der Beifang besonders groß, so verfangen sich auch die vom Aussterben bedrohten Lederschildkröten in den Netzen und sterben jämmerlich. Dynamisches Management könnte zu einem Interessenausgleich von Naturschützern und kommerziellen Fischern führen. Elliott Hazen: "Statt wie bisher die Fischerei einfach für drei Monate in einem Gebiet von mehr als 200.000 Quadratkilometern zu verbieten, wollen wir nur die Gebiete sperren, in denen die Lederschildkröten sind."

Wanderrouten der Lederschildkröten werden für Fischer gesperrt

Die wichtigen Gebiete lassen sich von Satelliten bestimmen, denn die Schildkröten folgen ihrer Hauptnahrung, den Quallen. Die Quallen wiederum sind dort zu finden, wo besonders viel Plankton produziert wird, und die Blüten von pflanzlichem Plankton lassen sich mit Erdbeobachtungssatelliten erkennen. "Wenn wir diese Satellitendaten mit Daten der Meeresoberflächentemperatur zusammenführen", so Hazen, "können wir sagen, wo sich die Lederschildkröten am wahrscheinlichsten aufhalten, wo die Schwertfische und wo beide Gebiete überlappen." Mit diesen Informationen könnten die Fischer dann gezielt die Gebiete meiden, in denen Lederschildkröten sein könnten, der Rest bleibt für sie frei.

In dieser Saison soll das neue System erstmals in Zusammenarbeit mit Fischern eingesetzt werden. Sollte sich das System als effizient erweisen, ließe es sich um weitere Tierarten erweitern, um den Beifang zu vermindern. Für die Schwertfischfischerei wäre das eine große Arbeitserleichterung, denn eine hohe Beifangquote zieht in den USA sofort die drastischste aller Maßnahmen nach sich: die augenblickliche Schließung der Fischerei für den Rest der Saison. Vor Kalifornien musste die Schwertfischfischerei wegen des Beifangs von anderen Arten wie Mondfischen oder Blauhaien geschlossen werden, obwohl die Fangquote für den Schwertfisch erst zu 40 oder 50 Prozent erfüllt ist.