12. Mai. 2018
Bild des gekalbten Eisbers A68, erstellt durch die europäischen Sentinel-Satelliten

Bild des gekalbten Eisbers A68, erstellt durch die europäischen Sentinel-Satelliten.

Mitten im tiefsten antarktischen Winter brach im vergangenen Juli der größte Eisberg der Welt vom Larsen-C-Eisschelf ab. Seither ist die Eisplatte vor der antarktischen Halbinsel nur noch die Nummer fünf unter den antarktischen Schelfeisen, ihr zukünftiges Schicksal ist ungewiss. Ein Forscherteam von der Universität Leeds ist im November 2017 als erste Expedition nach der Kalbung des Eisbergs auf Larsen-C gewesen. Der Leiter der Gruppe lieferte auf dem Jahrestreffen der Europäischen Geowissenschaftler in Wien einen ersten vorläufigen Bericht.

Schwerfällig wie ein Supertanker macht sich derzeit vor der Antarktischen Halbinsel der größte Eisberg seit Beginn der Aufzeichnungen auf den Weg in den Südatlantik. Der Gigant A68 ist doppelt so groß wie das Saarland und war am 12. Juli 2017 vom Eisschelf Larsen-C abgebrochen, dem letzten großen Schelf an der atlantischen Seite der Halbinsel. Noch hat sich der Milliarden Tonnen schwere Eisblock nicht sehr weit wegbewegt. „Zwischen Eisberg und Schelf ist zwar offenes Wasser sichtbar, aber als unsere Feldmannschaft die Abbruchkante entlangflog, konnte sie bequem das Schelf auf der einen und den Eisberg auf der anderen Seite sehen“, berichtet Adam Booth, Dozent für Exploration und Geophysik an der Universität Leeds von einer Blitzmission im November.

Satellitenbild des Risses durch Larsen C

Satellitenbild des Risses durch Larsen C

Bild: NASA
Luftbild des Risses durch Larsen C.

Luftbild des Risses durch Larsen C.

Bild: NASA/Icebridge
Detail des Risses durch Larsen C.

Detail des Risses durch Larsen C.

Bild: NASA
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Satellitenbild des Risses durch Larsen C

Bild: NASA

Luftbild des Risses durch Larsen C.

Bild: NASA/Icebridge

Detail des Risses durch Larsen C.

Bild: NASA

Die Briten waren im November 2017 die ersten, die nach dem spektakulären Abbruch mitten im tiefsten antarktischen Winter das mittlerweile nur noch fünftgrößte Eisschelf der Antarktis aufsuchten und dort Instrumente aufstellten. „Wir wollten sehen, wie das Schelf auf das Kalben von A68 reagiert, ob es unmittelbare Schockreaktionen gibt“, erklärt Booth. Es gibt Befürchtungen, dass der Abbruch des Eisgiganten das gesamte Larsen-C-Schelf destabilisiert, so dass es in den kommenden Jahren ähnlich zerbröckelt wie sein kleinerer Nachbar Larsen-B. Das hatte sich innerhalb von 16 Jahren buchstäblich aufgelöst, nachdem 1986 der erste große Eisberg gekalbt war.

Expedition innerhalb weniger Wochen startklar

Mit Notfall-Mitteln des britischen Natural Environment Research Council hatten Booth und seine Kollegen von der Universität Leeds innerhalb weniger Wochen eine Expedition auf die Beine gestellt, die mit Seismometern und Radargeräten im Gepäck zur britischen Forschungsstation Rothera vor der Antarktischen Halbinsel flog. „Wir konnten nicht direkt auf dem Schelf ein Camp aufbauen, weil das zu riskant erschien“, so Booth. Und so flogen die Mitarbeiter für jeweils zwei rund 36 Stunden dauernde Tagestrips auf das Larsen-C-Schelf. „Im Sommer kann man in der Antarktis rund um die Uhr arbeiten, und die Leute haben das wirklich toll gemacht“, meint der Geophysiker.

Mit ihren Geräten haben die Briten untersucht, wie sich die Spalten und Risse im bis zu 200 Meter dicken Eis verhalten, jetzt wo nahezu die gesamte Front zum Weddellmeer hin abgebrochen ist. „Wir erzeugen auf dem Schelf seismische Wellen und messen dann aus verschiedenen Richtungen ihren Lauf durch das Eis“, erklärt Adam Booth das Prinzip an den Seismometern. Die Radargeräte liefern vergleichbare Daten. Je nachdem, ob Risse quer oder parallel zur Laufrichtung der Wellen liegen, erhalten die Wissenschaftler verschiedene Signale und können so die Anisotropie, die Richtungsabhängigkeit der seismischen Signale bestimmen. „Das verrät uns etwas über die Struktur und Rissdichte des Eises“, so Booth.

Langzeitbeobachtung wird angestrebt

Die Auswertung der Daten hat gerade erst begonnen, so dass die Wissenschaftler noch keine wirklichen Befunde vorweisen können. Doch die Blitzmission der Universität Leeds liefert so etwas wie eine Datengrundlage für die künftige Dauerüberwachung des Larsen-C-Schelfs. „Daran haben wir sehr großes Interesse und wir werden auch entsprechende Langzeitprojekte beantragen“, sagt Adam Booth. Diese permanenten Netzwerke würden über viele antarktische Sommer und Winter hinweg das Verhalten des gut 40.000 Quadratkilometer großen Schelfs beobachten. Es wäre das erste, dessen Zusammenbruch nahezu von Beginn an umfassend beobachtet würde.

Derweil driftet A68 langsam aber unaufhaltsam ins Weddell-Meer hinaus. Zumindest in der nahen Zukunft wird der Eisgigant überleben können. „Wir sehen zwar erste Indizien, dass er beginnt auseinanderzubrechen“, so Adam Booth, „aber er wird sicher noch einige Jahre erhalten bleiben.“