25. Jun. 2019
Nach der Schmelze des Meereises vor der italienischen Antarktisstation Mario Zucchelli wurden dort hohe Konzentrationen bestimmter Duftstoffe gefunden.

Nach der Schmelze des Meereises vor der italienischen Antarktisstation Mario Zucchelli wurden dort hohe Konzentrationen bestimmter Duftstoffe gefunden.

Die Gletscher von Arktis und Antarktis gelten als die letzten unberührten Stellen der Erdoberfläche, doch die "Duftspur" des Menschen hat sie schon lange erreicht – und das im wahren Wortsinn. Italienische Wissenschaftler haben in beiden Polargebieten Duftstoffe aus menschlicher Massenproduktion gefunden, die vermutlich auf dem Luftweg dorthin gelangten. Noch sind die Konzentrationen weit unterhalb aller Grenzwerte, doch die Substanzen sind robust und können sich anreichern. Auf der Jahrestagung der Europäischen Geowissenschaftlichen Union in Wien berichteten die Forscher der venezianischen Universität Ca' Foscari über ihre Erkenntnisse.

Sie duften krautig, intensiv nach Blumen oder leicht balsamisch – und sie sind im antarktischen Schnee ebenso zu finden wie auf einem Gletscher im arktischen Svalbard. "Wir haben zunächst im Wasser vor der italienischen Antarktisstation Mario Zucchelli während der Schnee- und Meereisschmelze eine hohe Konzentration gefunden", sagt Marco Vecchiato, Wissenschaftler am Institut für Umweltwissenschaften, Informatik und Statistik der venezianischen Universität Ca' Foscari, "bei der Kontrolluntersuchung in der Arktis fanden wir geringe Konzentrationen im Seewasser und erhöhte im Schnee eines Gletschers."

In den Kanälen von Venedig, hier der Canal Grande mit dem Rialto, fanden die Forscher die Duftstoffe zuerst.

In den Kanälen von Venedig, hier der Canal Grande mit dem Rialto, fanden die Forscher die Duftstoffe zuerst.

Bild: Wikimedia/Martin Falbisoner (CC BY-SA 4.0)
In der Nähe der italienischen Antarktisstation Mario Zucchelli am antarktischen Rossmeer fanden sich ebenfalls Dufstoffe im Schnee und im Meerwasser.

In der Nähe der italienischen Antarktisstation Mario Zucchelli am antarktischen Rossmeer fanden sich ebenfalls Dufstoffe im Schnee und im Meerwasser.

Bild: ENEA-OTA
Der Austre Brøggerbreen Gletscher am Kongsfjord von Spitzbergen.

Der Austre Brøggerbreen Gletscher am Kongsfjord von Spitzbergen.

Bild: Wikimedia/Bjoertvedt (CC BY-SA 3.0)
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In den Kanälen von Venedig, hier der Canal Grande mit dem Rialto, fanden die Forscher die Duftstoffe zuerst.

Bild: Wikimedia/Martin Falbisoner (CC BY-SA 4.0)

In der Nähe der italienischen Antarktisstation Mario Zucchelli am antarktischen Rossmeer fanden sich ebenfalls Dufstoffe im Schnee und im Meerwasser.

Bild: ENEA-OTA

Der Austre Brøggerbreen Gletscher am Kongsfjord von Spitzbergen.

Bild: Wikimedia/Bjoertvedt (CC BY-SA 3.0)

Vecchiato spricht von Duftstoffen, die in zahllosen Haushalts- und Körperpflegeprodukten der westlichen Welt enthalten sind. Der italienische Umweltwissenschaftler verfolgt seit seiner Promotion die Wege von insgesamt zwölf dieser Substanzen durch die ganze Welt, zunächst in der Lagune seiner Heimatstadt, dann in der Straße von Sizilien und schließlich an den Enden der Welt: in der Antarktis und auf der arktischen Inselgruppe Spitzbergen.

Langlebige Düfte in den Polargebieten gefunden

"Es gibt über 10.000 Duftstoffe, die überall im Haushalt vorkommen, wir haben uns die langlebigsten herausgesucht, die auch in der Umwelt überdauern können", erklärt Vecchiato. Insbesondere drei Verbindungen der Salicylsäure tauchen überall auf: Amyl-, Benzyl- und Hexylsalycilat haben Vecchiato und seine Kollegen sogar auf dem Austre Brøggerbreen Gletscher oberhalb von Ny Ålesund auf Spitzbergen gefunden, der weit abseits von jeglicher menschlichen Siedlung liegt.

"Die Konzentrationen der Substanzen sind zwar viel zu gering, als dass sie giftig sein könnten, aber ihre chemische Stabilität ist ein Hinweis, dass sie sich in der Umwelt anreichern können", so Vecchiato. Hinzu kommt bei Benzylsalicylat, dass es im Verdacht steht wie ein Hormon zu wirken und damit schon in wesentlich geringeren Dosen zu wirken, weil es im Körper Regelkreisläufe durcheinanderbringt.

Transportwege werden geprüft

Derzeit prüfen die Wissenschaftler von Ca' Foscari, wie die Salicylsäureester überhaupt in den Schnee von Arktis und Antarktis kommen können. "Die menschlichen Siedlungen wie Ny Ålesund oder die italienische Forschungsstation sind sicherlich Quellen für einen Teil der Verschmutzung, aber es muss auch einen Langstreckentransport von den Kontinenten geben", so Vecchiato, "schließlich sind es Duftstoffe, gemacht, um in die Nase zu steigen. Und dann können sie auch mit Luftströmungen weggetragen werden."

Wie diese Transportwege aussehen, ob sich die Substanzen als gasförmiges Molekül, als Aerosol oder angehaftet an feste Partikel verbreiten, das wollen Marco Vecchiato und seine Kollegen als nächstes herausfinden. Auch die mögliche Wirkung von Benzyl-Salicylat als Hormonersatzstoff sollte nach seiner Ansicht besser geprüft werden.