27. Aug. 2018
Sonnenuntergang nachdem im Jahr 1982 der Chichón in Mexiko ausgebrochen war.

Sonnenuntergang nachdem im Jahr 1982 der Chichón in Mexiko ausgebrochen war.

Die Klimaschutzziele, die die Menschheit auf den diversen Weltgipfeln verabschiedet hat, werden immer schwerer erreichbar, je weiter das Jahrhundert vorrückt. Umso verführerischer schillern diverse Geoengineering-Methoden, mit denen absichtlich ins Klimasystem eingegriffen wird, um negative Folgen des Wandels zu korrigieren. Den Befürwortern solcher Maßnahmen haben jetzt kalifornische Wissenschaftler eine Warnung ins Stammbuch geschrieben.

"Wer glaubt, dass Geoengineering wie ein experimenteller chirurgischer Eingriff wirken wird, dürfte sich täuschen", betonte Jonathan Proctor, Doktorand in Landwirtschaft und Ressourcenökonomie an der US-Eliteuniversität Berkeley, auf der jüngsten Goldschmidt-Tagung der Geochemiker in Boston, "unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Nebenwirkungen genauso schlecht sein werden wie die Effekte, die man ursprünglich beheben wollte."

Eines der Projekte, mit Schwefelaerosolen die Sonneneinstrahlung zu verringern, war das SPICE-Projekt.

Eines der Projekte, mit Schwefelaerosolen die Sonneneinstrahlung zu verringern, war das SPICE-Projekt.

Bild: Hughhunt/CC BY-SA 3.0
Der Ausbruch des Pinatubo im Jahr 1991.

Der Ausbruch des Pinatubo im Jahr 1991.

Bild: USGS/Dave Harlow
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Eines der Projekte, mit Schwefelaerosolen die Sonneneinstrahlung zu verringern, war das SPICE-Projekt.

Bild: Hughhunt/CC BY-SA 3.0

Der Ausbruch des Pinatubo im Jahr 1991.

Bild: USGS/Dave Harlow

Proctor stellte in Boston eine Studie vor, die an Solomon Hsiangs Global Policy Lab in Berkeley erarbeitet worden war und in "Nature" veröffentlicht wurde. "Sie ist die erste einer, wie wir hoffen, langen Reihe, die die möglichen Vorteile und Risiken von Geoengineering untersuchen", betonte Hsiang auf der Pressekonferenz in Boston, "wir sagen glasklar: Wir sind weder für noch gegen Geoengineering, wir glauben nur, dass Forscher die Aufgabe haben, die Vor- und Nachteile solcher globaler Strategien zu untersuchen." Als Beispiel haben sich die Kalifornier die älteste Geoengineering-Methode herausgesucht, die vom Nobelpreisträger Paul Crutzen 2006 vorgeschlagen wurde. Er stellte damals in der Fachzeitschrift "Climatic Change" zur Diskussion, Schwefelsäuretröpfchen in die Stratosphäre  zu bringen, wo sie die einfallende Sonnenstrahlung reflektieren und damit den Energieeintrag in die Atmosphäre verringern sollten.

Nutzen und Risiken gleichen sich aus

"Wir fanden, dass dieser Effekt auch tatsächlich eintrat und damit den Nutzpflanzen unter Hitzestress geholfen wurde", berichtete Proctor in Boston, "aber dass gleichzeitig die Produktivität der Landwirtschaft ebenfalls sank, weil Sonnenlicht fehlte, sodass sich Vor- und Nachteile ausglichen." Proctor und Hsiang konnten für ihre Studie natürlich nicht auf ein Experiment zurückgreifen, daher sahen sie sich sogenannte Proxies an, Phänomene, deren Effekte vergleichbar sind. Bei den Sulfataerosolen sind diese leicht zu finden, denn bei jedem Vulkanausbruch werden entsprechende Partikel in die Atmosphäre geschleudert. "Wir haben die Eruptionen des Chichón und des Pinatubo herangezogen, weil die die Grenzschicht zur Stratosphäre durchbrochen haben", so Proctor. Die Ausbrüche des Chichón von 1982 und des Pinatubo von 1991 waren die einzigen in der jüngeren Vergangenheit, die diese Energie entwickelten. Die Arbeitsgruppe nahm die damals ermittelten Verschattungsdaten und korrelierte sie mit den Ertragsdaten, die die Weltargrarorganisation FAO in Rom in den entsprechenden Jahren zusammenstellte. Die Ernährungslage der Menschheit würde demnach durch die Klimaeingriffe nicht verbessert. "Es kann allerdings sein, dass andere Sektoren in bislang unbekannter Weise von ihnen profitieren", so Jonathan Proctor.

Ein Heilmittel für die Klimaerwärmung wäre die Methode aber selbst dann nicht. "Sie bekämpft nicht die Ursachen des Klimawandels, sondern nur die Symptome – das zeigt die Studie. Wenn überhaupt, würde das aber bestenfalls unvollständig funktionieren", betonte Jessica Strefler, Wissenschaftlerin am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) gegenüber dem "Science Media Center". Auswirkungen wie etwa die Versauerung der Ozeane ließen sich dadurch überhaupt nicht beseitigen. Die Forschergruppe um Solomon Hsiang richtet daher ihren Blick über die Grenzen der betrachteten Methode hinaus auf den gesamten Bereich des Geoengineerings. "Wir sind uns sehr bewußt, dass es verschiedene Forschergruppen gibt, die Feldexperimente angehen wollen", betonte der Berkeley-Professor in Boston, "wir glauben daher, dass es jetzt darauf ankommt, Institutionen und Standards für die Folgenabschätzung dieser Versuche zu entwickeln." Es sei entscheidend, ähnliche ethische Standards zu entwickeln wie für medizinische Experimente. "Die gab es auch nicht von Anfang an, und viele Menschen wurden geschädigt", warnte der Geophysiker in Boston.