27. Sep. 2018
Raúl Gordillo vom Naturkundemuseum San Juan befreit einen Knochen von Ingentia vom umliegenden Gestein.

Raúl Gordillo vom Naturkundemuseum San Juan befreit einen Knochen von Ingentia vom umliegenden Gestein.

Die Sauropoden gehören zu den erfolgreichsten und bekanntesten Gruppen unter den Dinosauriern, so zählen Brachiosaurus oder Brontosaurus zu ihnen. Gemeinhin wird angenommen, dass die Tiergruppe sich im Jura entwickelte, nachdem ein Massenaussterben die Bühne für neue Tiergruppen frei geräumt hatte, und bis zum Ende des Dinosaurierzeitalters halten konnte. Mehrere Funde in jüngster Zeit haben diese Bild jedoch in Zweifel gezogen. Offenbar gibt es viel mehr verbindende Linien zwischen Trias und Jura als vermutet.

Die Grenze zwischen Trias und Jura vor 200 Millionen Jahren wird durch das fünftgrößte Massenaussterben der Erdgeschichte markiert. Die Paläontologen schätzen, dass die Hälfte der damals lebenden Tiergruppen ausstarb. "Die großen Pflanzenfresser sind davon aber offenbar nicht betroffen gewesen", fasst der Dinosaurierexperte Martin Sander, Professor für Paläontologie an der Uni Bonn, die jüngsten Entdeckungen zusammen. Die Riesensaurier wie Brachio- oder Brontosaurus gehören zu den Ikonen des Dinosaurierzeitalters und wuchsen im Jura zu gewaltigen Formen mit bis zu 80 Tonnen Lebendgewicht heran.

Cecilia Apaldetti und Diego Abelin vom Naturkundemuseum San Juan graben Ingentia in der Fundstätte Balde de Leyes aus.

Cecilia Apaldetti und Diego Abelin vom Naturkundemuseum San Juan graben Ingentia in der Fundstätte Balde de Leyes aus.

Bild: Nature/Naturkundemuseum San Juan, Cecilia Apaldetti
Carolina Jofré und Ingentia in der Fundstätte Balde de Leyes, San Juan, Argentinien.

Carolina Jofré und Ingentia in der Fundstätte Balde de Leyes, San Juan, Argentinien.

Bild: Nature/Naturkundemuseum San Juan, Cecilia Apaldetti
Forscher der Universität des Witwatersrand an der Fundstelle von Ledumahadi mafube.

Forscher der Universität des Witwatersrand an der Fundstelle von Ledumahadi mafube.

Bild: Nature/Naturkundemuseum San Juan, Cecilia Apaldetti
Forscher graben den triassischen Riesensaurier Ingentia in der Fundstätte Balde de Leyes, San Juan, Argentinien, aus.

Forscher graben den triassischen Riesensaurier Ingentia in der Fundstätte Balde de Leyes, San Juan, Argentinien, aus.

Bild: Nature/Naturkundemuseum San Juan, Cecilia Apaldetti
Anatomischer Aufbau von Ingentia, in Grün ist die Vogellunge zu sehen.

Anatomischer Aufbau von Ingentia, in Grün ist die Vogellunge zu sehen.

Bild: Nature/Naturkundemuseum San Juan, Cecilia Apaldetti
Rekonstruktion des triassischen Riesensauriers Ingentia prima.

Rekonstruktion des triassischen Riesensauriers Ingentia prima.

Bild: Nature/Naturkundemuseum San Juan, Cecilia Apaldetti
Sauropoden und Verwandte in der Trias und im Jura.

Sauropoden und Verwandte in der Trias und im Jura.

Bild: Current Biology/McPhee et al.
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Cecilia Apaldetti und Diego Abelin vom Naturkundemuseum San Juan graben Ingentia in der Fundstätte Balde de Leyes aus.

Bild: Nature/Naturkundemuseum San Juan, Cecilia Apaldetti

Carolina Jofré und Ingentia in der Fundstätte Balde de Leyes, San Juan, Argentinien.

Bild: Nature/Naturkundemuseum San Juan, Cecilia Apaldetti

Forscher der Universität des Witwatersrand an der Fundstelle von Ledumahadi mafube.

Bild: Nature/Naturkundemuseum San Juan, Cecilia Apaldetti

Forscher graben den triassischen Riesensaurier Ingentia in der Fundstätte Balde de Leyes, San Juan, Argentinien, aus.

Bild: Nature/Naturkundemuseum San Juan, Cecilia Apaldetti

Anatomischer Aufbau von Ingentia, in Grün ist die Vogellunge zu sehen.

Bild: Nature/Naturkundemuseum San Juan, Cecilia Apaldetti

Rekonstruktion des triassischen Riesensauriers Ingentia prima.

Bild: Nature/Naturkundemuseum San Juan, Cecilia Apaldetti

Sauropoden und Verwandte in der Trias und im Jura.

Bild: Current Biology/McPhee et al.

Bislang gingen viele Forscher davon aus, dass die Gruppe erst im Jura entstand und damit ein Zeichen war für den harten Bruch zur vorhergehenden Trias. Doch jetzt scheinen ihre Wurzeln weit in die Trias zurückzureichen und die Grenze zwischen der ersten und der zweiten Periode des Dinosaurierzeitalters erscheint weniger hart. "Die Trias-Jura-Grenze ist einfach schwer fassbar, weil das Geschehen so widersprüchlich ist", resümiert Sander.

Zwei neue Saurierarten entdeckt

In der aktuellen Ausgabe von "Current Biology" stellen Paläontologen der Universität von Witwatersrand in Südafrika einen pflanzenfressenden Riesensaurier aus dem frühesten Jura vor, der bis zu 15 Tonnen Gewicht erreichte. Vor rund zwei Monaten hatten Forscher aus Argentinien eine noch ältere Art aus der späten Trias publiziert, die auf rund zwölf Tonnen geschätzt wurde. Beide Arten werden in eine Schwestergruppe der großen jurassischen Riesensaurier einsortiert, die Lessemsauriden, die schon fast alle Merkmale entwickelt haben, die für Riesenwuchs nötig sind. Damit gibt es mittlerweile vier verschiedene Lessemsauriden aus der Trias und dem frühen Jura, die alle zwischen zehn und 15 Tonnen schwer waren und auf allen vier Beinen liefen.

Bereits vor einigen Monaten hatte Martin Sanders Mitarbeiter Jens Lallensack zusammen mit anderen Wissenschaftlern in den "Acta Palaeontologica Polonica" über eine Dinosaurierfährte aus der Trias berichtet, die in Grönland gefunden wurde und offenbar von einem echten Verwandten von Brontosaurus und Co. stammt, nicht von der Schwestergruppe der Lessemsauriden. "Fußspuren sind der eindeutige Beleg dafür, wie so ein Vieh seine Beine gehalten hat", erklärt Martin Sander. Und das Vieh, das die Spuren vor mehr als 200 Millionen Jahren in den damaligen Sand Grönlands prägte, hielt seine Beine offenbar senkrecht unter dem Körper, wie es Elefanten und die meisten Säugetiere heute auch tun.

Natur experimentierte mit unterschiedlichen Merkmalskombinationen

Unter den Reptilien aber haben nur die Sauropoden dieses Merkmal entwickelt, und es scheint vor allem an dieser "Erfindung" gelegen zu haben, dass ihr Körpergewicht die magische Grenze von 15 Tonnen überschritt und bis in die gewaltigen Dimensionen von 80 Tonnen gelangen konnte. Denn senkrecht unter dem Körper stehende Beine mit den entsprechend starken Knochen können viel besser ein Multi-Tonnen-Gewicht stemmen, als seitwärts aus dem Körper wachsende Extremitäten. Welcher triassische Sauropode die Spuren in Grönland hinterließ, ist allerdings unbekannt. Sander: "Das Unschöne an den Fußspuren ist halt, dass der tote Saurier nie am Ende der Fährte liegt."

All diese Neuentdeckungen sind Indizien dafür, dass im Fall der gewaltigen Landsaurier die Entwicklung über die Periodengrenze und das dazugehörige Massenaussterben hinweg verlief. "Beide Linien laufen parallel", sagt Sander, "sie haben sich irgendwann vor 215 Millionen Jahren getrennt, haben unabhängig voneinander an Größe zugenommen, die Lessemsauriden sind jedoch im unteren Jura ausgestorben, während die Sauropoden bis zum Ende der Kreide weiterexistierten." Beide Gruppen zeigen mit Ausnahme der Sauropoden-Beine dieselben Merkmale des Riesenwuchses, wobei unter den Lessemsauriden nicht jede Art die gesamte Bandbreite aller Merkmale zeigte.

Triassischer Riesensaurier mit Vogellunge, aber ohne langen Hals

So hat Ingentia, der neu entdeckte triassische Riesensaurier aus Argentinien, einen kleinen Kopf, offenbar lebenslanges Wachstum und auch die wichtige Vogellunge mit Luftsäcken im Halsbereich. "Damit kann ich beim Ein- und Ausatmen Sauerstoff aufnehmen", erklärt Sander, "aber das Wichtigere ist, dass ich durch die Luftsäcke den Halswirbeln Erleichterung bringe, weil ich einen leichten Hals habe." Allerdings hat der triassische Riese diesen Vorteil nicht genutzt, um ein weiteres Merkmal erfolgreicher Riesensaurier zu entwickeln: den langen Hals.

Mit dem erhalten die Tiere einen wesentlich größeren Radius, in dem sie Bäume abweiden können, ohne auch nur einen Schritt laufen zu müssen. "Wenn ich einen schweren Körper habe, ist es energetisch sehr aufwendig, den zu beschleunigen und abzubremsen", so Sander. Ein langer Hals spart manchen Schritt. Den hat Ledumahadi, der in "Current Biology" vorgestellte Neuzugang, doch ihm fehlt dafür die Vogellunge. Und Säulenbeine haben beide Lessemsauriden schon gar nicht.

Nimmt man die Hinweise auf echte Sauropoden schon in der Trias hinzu, hat die Natur schon früh in dieser Periode mit Riesenwuchs experimentiert und mindestens zwei voneinander unabhängige "Reihenexperimente" begonnen. Eine Reihe endete schon im frühen Jura, während die andere da erst so richtig loslegte, ein paar Jahrmillionen später die größten Landtiere hervorbrachte, die die Erde bislang bevölkerten, und schließlich eine der erfolgreichsten Gruppen der vielfältigen Dinosaurierfauna wurde.