05. Sep. 2019
Blick über eine Stadt der Harappa-Zivilisation in Katpalon, Punjab

Blick über eine Stadt der Harappa-Zivilisation in Katpalon, Punjab

Die Harappa- oder auch Indus-Kultur mit ihrem Zentrum im Industal ist eine der Wiegen der menschlichen Zivilisation. Zeitgleich zum Beginn des Alten Reiches in Ägypten und den ersten sumerischen Stadtstaaten in Mesopotamien blühte diese Zivilisation auf, baute Städte und ausgefeilte Bewässerungssysteme und dehnte sich nach Afghanistan und bis in die Region des heutigen Mumbais aus. Um 1800 v.Chr. ging die Zivilisation unter, doch ihr genetisches Erbe ist bis heute lebendig geblieben. In gleich zwei Studien in "Science" und "Cell" beleuchtet ein großes Team von Archäologen und Paläogenetikern unter indischer und amerikanischer Führung die Bevölkerungsgeschichte des indischen Subkontinents.

"Unsere Ergebnisse ziehen eine direkte Linie zwischen der Induskultur und den heutigen Menschen in Südasien, diese stammen zum größten Teil von den Trägern der uralten Zivilisation ab", erklärt der renommierte Populationsgenetiker David Reich von der Harvard Universität, der einer der Hauptautoren bei beiden Studien ist, in einer Pressemitteilung der Hochschule. Die Forscher berichten in "Cell" über einen ausgedehnten Versuch, alte DNA in Skeletten der Harappa-Kultur zu gewinnen. Von insgesamt 61 Proben erwies sich allerdings nur eine als ausreichend, um genetische Vergleiche mit alten Genomen aus den vergangenen 10.000 Jahren und dem Erbgut heute lebender Inder zu ziehen.

Danach passt das neue Harappa-Genom zu einer Gruppe von elf bereits bekannten Genomen aus dem Iran und Turkmenistan, die die Populationsgenetikern bislang als Ausreißer betrachteten, weil sie so gar nicht zu den anderen Erbgutsequenzen aus dem iranisch-zentralasiatischen Hochland passten. Die Probe aus der wohl größten Stadt der Harappa-Zivilisation, Rakhigarhi nahe dem heutigen Lahore, zeigt nun, dass diese elf bereits bekannten Individuen zur Hochkultur im Industal gehörten. Dass sie im benachbarten Hochland bestattet wurden, ist offenbar Beleg für rege Handelsbeziehungen zwischen dem Industal und den nordwestlich davon liegenden Regionen.

Ackerbau als kultureller Import

Die insgesamt zwölf Genome lieferten allerdings noch sehr viel weitergehende Informationen. So ist der Ackerbau offenbar als rein kultureller Import nach Indien gelangt, nicht mit einer Einwanderungswelle früher Farmer aus dem fruchtbaren Halbmond. Damit unterscheidet sich Indien ganz entscheidend von Europa, wo der Ackerbau im Zuge eines weitgehenden Bevölkerungswechsels etabliert wurde. Im Industal haben dagegen die ansässigen Menschen den Wechsel von der Jäger- und Sammlerkultur zum sesshaften Ackerbau vollzogen. Möglicherweise haben sie diese Entwicklungsstufe sogar aus eigener Kraft erklommen, ohne Anregung von außen.

Das Erbgut der Harappa-Menschen zeigt zwar Beziehungen zum iranisch-mesopotamischen Ursprungsgebiet der Landwirtschaft. Allerdings betonen Wissenschaftler um David Reich und den indischen Archäologen Vasant Shinde vom Deccan College in Pune, dass die iranischen Vorfahren der Harappa-Menschen ihre Heimatregion lange vor Entwicklung der Landwirtschaft verlassen hätten.

Harappa am Ursprung der heutigen Inder

Im "Science"-Beitrag beleuchten die Forscher die weitere Entwicklung auf dem Subkontinent seit dem Untergang der Harappa-Zivilisation. Danach sind die Menschen aus dem Industal die Vorfahren der modernen Inder, egal, ob sie aus Nord- oder Südindien stammen. In der nordindischen Population mischten sich die Harappa-Menschen mit Einwanderern aus den zentralasiatischen Steppen, in der südindischen Population finden sich dagegen große Teile von südostasiatischen Jägern und Sammlern. Beide Vorgänge liefen im zweiten Jahrtausend vor Christus ab, setzten also vielleicht schon kurz vor dem Ende der Harappa-Zivilisation ein.

Nimmt man an, dass die Ausbreitung von Sprachen an Bevölkerungsbewegungen gebunden ist, stärker jedenfalls als die Verbreitung kultureller Innovationen wie der Landwirtschaft, haben die genetischen Daten auch Auswirkungen auf die historische Linguistik. "Unsere Ergebnisse sprechen dagegen, dass das Hochland von Iran eine Rolle bei der Verbreitung der Indoeuropäischen Sprachen auf den indischen Subkontinent spielte", schreiben die Autoren in "Science". Bislang galt das Gebiet zwischen Tigris und Hindukusch als wichtige Drehscheibe bei der Sprachausbreitung nach Südosten. Die genetischen Beziehungen deuten jetzt jedoch auf einen nördlichen Verbreitungsweg hin, über die zentralasiatischen Steppen. Bei der südindischen dravidischen Sprachfamilie besteht sogar die Möglichkeit, dass sie mit der Harappa-Kultur verbunden ist und sich mit deren Trägern nach Süden bewegte.

Ungünstige Erhaltungsbedingungen für alte DNA

Für das Team um David Reich und Vasant Shinde ist die Analyse des ersten Harappa-Genoms erst der Anfang. "Die Harappa-Zivilisation war komplex und kosmopolitisch, es gab sicherlich Variationen, die wir mit der Analyse eines einzelnen Genoms nicht erfassen können", so Shinde in einer Harvard-Pressemitteilung, "aber diese Studie zeigt, welches enorme Potential die Paläogenetik für die Studien in Südasien besitzt." Die Forscher wollen ihre Anstrengungen verstärken, in den Ausgrabungsstätten im Industal auch nach DNA-Proben zu suchen, die die ungünstigen Klimabedingungen dort überstanden haben. Die Studie in "Cell" zeigt, wie aufwendig diese Forschung werden wird.