07. Jun. 2018
Das große Beben von Basel 1356, wie es der Historienmaler Karl Jauslin im 19. Jahrhundert darstellte.

Das große Beben von Basel 1356, wie es der Historienmaler Karl Jauslin im 19. Jahrhundert darstellte.

Die Erdbebenmessung mit Hilfe von Instrumenten ist vielleicht gut 150 Jahre alt, viel zu kurz also, um auf dieser Basis das Erdbebenrisiko abzuschätzen. Daher sind die Seismologen dazu übergegangen, die Erdbebenberichte aus historischen Quellen auszuwerten und damit die instrumentelle Überlieferung um etliche Jahrhunderte zu verlängern. Stark von Erdbeben betroffene Staaten wie Italien und Japan pflegen schon seit Jahrzehnten ihre historischen Erdbebenkataloge, in Deutschland ist das Bundesland Baden-Württemberg Trendsetter und hat im vergangenen Jahr ein entsprechendes Projekt abgeschlossen. Der Katalog reicht bis ins Jahr 1000 zurück.

"Jahr 1655: Verschiedene schreckliche Erdbeben ereigneten sich. Am 18. März dieses Jahres, nachts zwischen 2 und 3 Uhr, hat sich hier erneut ein schreckliches Erdbeben [ereignet], so dass dadurch die Häuser und alle Zimmer darin erschüttert wurden. Am darauf folgenden 5., 6., 10., 11., 15., 17. und 30. April sowie auch am 1. Mai haben sich wieder verschiedene schreckliche Erdbeben sowohl hier als auch in dieser Gegend mit großem Schrecken, Furcht und Zittern der Leute spüren lassen. Und es sollen, wie berichtet wurde, in Tübingen nach und nach wohl über 100 Erdbeben gespürt worden sein. Was nun diese, zuvor in so großer Zahl insbesondere hierzulande noch nicht verspürte Erdbeben bedeuten oder auf sie folgen wird, weiß Gott."

Bänkelsänger besangen das Baselbeben von 1356 noch im 19. Jahrhundert.

Das große Beben von Basel 1356, wie es der Historienmaler Karl Jauslin im 19. Jahrhundert darstellte.

Bild: Hieronymus Hess/CC0
Karte der Erdbeben auf dem Gebiet der Bundesrepublik von 800 bis 2008.

Karte der Erdbeben auf dem Gebiet der Bundesrepublik von 800 bis 2008.

Bild: BGR
Schäden des Erdbebens 1978 in Albstadt.

Schäden des Erdbebens 1978 in Albstadt.

Bild: BW-Landesstelle für Bautechnik, Baden-Württemberg
Das Baselbeben in der Cosmographia von Sebastian Münster aus dem Jahr 1540.

Das Baselbeben in der Cosmographia von Sebastian Münster aus dem Jahr 1540.

Bild: Sebastian Münster/CC0
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Das große Beben von Basel 1356, wie es der Historienmaler Karl Jauslin im 19. Jahrhundert darstellte.

Bild: Hieronymus Hess/CC0

Karte der Erdbeben auf dem Gebiet der Bundesrepublik von 800 bis 2008.

Bild: BGR

Schäden des Erdbebens 1978 in Albstadt.

Bild: BW-Landesstelle für Bautechnik, Baden-Württemberg

Das Baselbeben in der Cosmographia von Sebastian Münster aus dem Jahr 1540.

Bild: Sebastian Münster/CC0

Der Eintrag des Stadtschreibers David Löher in der Sindelfinger Chronik aus dem 17. Jahrhundert läßt noch den Schrecken erahnen, der die Einwohner der kleinen Stadt im Vorland der Schwäbischen Alb 1655 befallen haben muss. 16 Jahre war es erst her, dass die Kriegszüge von Franzosen und Kaiserlichen in der Endphase des Dreißigjährigen Krieges Württemberg verheert hatten. 1640 hatte eine schwere Pestepidemie die Einwohnerzahl Sindelfingens auf nur noch 300 Menschen zusammenschmelzen lassen. Nur langsam hatte sich die Stadt von diesem Aderlass erholt. Und dann kamen wie aus dem Nichts die  Erdbeben.

Glücklicherweise erübrigte sich David Löhers bange Frage, was noch kommen möge. Denn es kam für 250 Jahre nicht mehr so viel in dieser Gegend. Erst im 20. Jahrhundert begann auf der Schwäbischen Alb die unruhige Zeit, die  noch heute andauert. "Im 19. Jahrhundert deutet sich eine Häufung von Erdbeben etwa zwischen Tübingen und Sigmaringen an. 1911 kam ein sehr starkes Erdbeben auf der Zollernalb, wie ein Paukenschlag im Grunde, und danach eine Aktivität, die inzwischen sogar sprichwörtlich ist. Erdbeben auf der Zollernalb ist im ganzen Land bekannt", berichtet Wolfgang Brüstle, bis März 2018 Leiter des Landeserdbebendienstes Baden-Württemberg in Freiburg.

Datenbank mit fast 30.000 Erdbebeneinträgen

Über seine Pensionierung hinaus hat der Geophysiker das letzte große Projekt seiner Amtszeit betreut: den Historischen Erdbebenkatalog Baden-Württemberg. Noch bis Ende 2018 wird er das für Deutschland einzigartige Projekt in der Fachwelt und Öffentlichkeit vorstellen: eine umfassende Zusammenstellung aller belegten Erdbeben auf dem Gebiet des heutigen Baden-Württembergs vom Jahr 1000 bis heute, abrufbar in einer relationalen Datenbank. Fast 30.000 Intensitätsdatenpunkte sind im Bestand, der laufend um die aktuellen Beobachtungen ergänzt wird. Derzeit ist die Datenbank nur dem Landeserdbebendienst zugänglich, der sie auf Anfrage hin durchsucht, doch eine Online-Zugriffsmöglichkeit für Dritte soll eingerichtet werden.

"Die allermeisten Datenpunkte stammen aus dem 20. Jahrhundert, als es Erdbebendienste gab, aber wir haben auch mehr als 1000 Berichte aus den Jahrhunderten zuvor", berichtet Brüstle. 700 dieser rund 1100 historischen Erdbebenberichte waren vor dem Projekt sogar völlig unbekannt. Der Historiker Uwe Braumann fand sie in Chroniken, wie der Sindelfinger von David Löher, und Ratsprotokollen, in Tagebüchern und Briefen, sogar in sogenannten Totenbüchern, in denen Klöster und Kirchengemeinden die Gläubigen vermerkten, für deren Seelenheil Messen gelesen werden mussten.

Aufwendige Recherche in Archiven

Dafür musste der promovierte Mediävist staatliche, kirchliche, kommunale und private Archiven durchsuchen, mit durchaus unterschiedlichem Erfolg. "Dass Erdbebenberichte überhaupt aufgeschrieben wurden, scheint mir häufig ein bisschen vom Zufall abgehangen zu haben", berichtete er nach fünfjähriger Recherche. Die Zeitgenossen müssen die Erschütterung selbst erlebt oder zumindest glaubwürdige Berichte gehört haben, und dann müssen sie das Ereignis auch als berichtenswert eingeschätzt haben. Und selbst, wenn sie das taten, muss der heutige Forscher die Berichte erst einmal finden. "Das ist mit enorm viel Zeitaufwand verbunden, denn es ist durchaus nicht so, dass man ins Archiv fährt, eine Archivalie bestellt, den Erdbebenbericht sofort findet und wieder nach Hause fährt", erzählt Braumann, "und wenn man tatsächlich die Autographensammlung von Archiven nach zeitgenössischen Briefen mit Erdbebenberichten durchsucht, dann liest man sich die Augen wund."

Belohnt wurden die Mühen durch zahlreiche Überraschungsfunde und echte Glückstreffer, etwa 160 Berichte aus den Staatsarchiven in Sigmaringen und Ludwigsburg, die ein sehr genaues Bild einer Erdbebenserie lieferten, die 1822 und 1823 die Region um Freudenstadt im Schwarzwald erschütterte. "Worüber ich mich ebenfalls sehr gefreut habe, waren Berichte in Ratsprotokollen, denn Ratsprotokolle sind eigentlich eine eher schlechte Quelle für Erdbeben", erzählt Braumann. Die Protokolle berichten in der Regel nur die Beschlüsse der Stadträte, doch hin und wieder schweiften die Stadtschreiber ab, wie etwa in Endingen am Kaiserstuhl. Dort berichtet das Protokoll aus dem August 1728 ganz ausführlich von einem Erdbeben am Nachmittag des 3. August, bei dem nicht nur viele Ziegel von Dächern fielen und Schornsteine einstürzten, sondern auch "zwei Mauerstücke... von der Stadtmauer heruntergesunken und dadurch der Bürgerschaft und sämtlichen Einwohnern ein großer Schrecken eingejagt [worden seien]".

Historische Quellen als Grundlage für makroseismische Einordnung

Doch für das Projektteam aus drei Seismologen, einem Historiker und einem Datenbankspezialisten war es nicht mit Entdeckung, Übersetzung und Auswertung der Quellen getan, die Information musste schließlich in eine Datenbank überführt werden. Diese enthält für die Erdbeben ab den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts auch harte Messdaten wie Magnitude, Herdtiefe und Epizentrum. "Um die früheren Jahrhunderte zu berücksichtigen, mussten wir die  Dinge vergleichbar machen, diese relativ weiche Materie von historischer Information jetzt plötzlich in harte Zahlen pressen, die auch noch stimmen sollen", so der Geophysiker Wolfgang Brüstle.

Das Instrument dazu bietet die Europäische Makroseismische Skala (EMS), für die 1998 ein System zur Bewertung von spürbaren Erdbebenfolgen aufgestellt wurde. Die Kriterien dieses Systems wandte das Projektteam vom Landeserdbebendienst auf die historischen Quellen an. Die Wissenschaftler ordneten die verfügbaren Informationen einer der Intensitätsstufen der zwölfstufigen Skala zu und konstruierten aus den Berichten sogenannte Intensitätsdatenpunkte. Der gibt zunächst nur den Zeitpunkt und die Stärke der Erschütterung an einem bestimmten Ort an. "Das ist nicht die Richterskala, die EMS-Skala sagt einfach nur, wie stark es vor Ort gewackelt hat", betont Brüstle. Trägt man diese Intensitätsdatenpunkte in Karten ein, kann man die Bebentätigkeit in Baden-Württemberg in ihrer geographischen und auch zeitlichen Verteilung sichtbar machen. Mit der Verteilung der Intensitätsdatenpunkte und ihrer Stärke war es in vielen Fällen möglich, auch das Epizentrum zu  bestimmen.  

Nicht immer gelingt die Rekonstruktion eines solchen Zusammenhangs. Viele der frühen Erdbebenberichte bleiben als isolierte Einträge in der Datenbank. So notierte etwa der Pfarrer der Kirchengemeinde von Ihringen am Kaiserstuhl Mitte des 15. Jahrhunderts in seiner Chronik drei Erdbeben. "Das war jeweils relativ kurz. Es hat ein starkes Erdbeben gegeben", berichtet Uwe Braumann. Drei starke Beben im Breisgau in der doch relativ kurzen Amtszeit eines einzelnen Pfarrers, das wäre eine durchaus relevante Information, wenn sie durch Berichte aus anderen Orten der Region bestätigt würde. "Für sich genommen ist dieser Ihringer Bericht nur ein so genannter Hier-gespürt-Bericht“, meint Wolfgang Brüstle, „aber wenn jetzt noch ein Freiburger, ein Emmendinger und ein Colmarer Bericht dazukommt, entsteht plötzlich das Bild eines Erdbebens."

Erdbebenkatalog wird laufend erweitert

Entsprechend ist der Historische Erdbebenkatalog keineswegs ein abgeschlossenes Projekt, weil in die Datenbank zukünftig weitere Perlen aus den Archiven des Landes aufgenommen werden können, die Historiker bei ihren Recherchen ausgraben. Denn dass ihm bei aller Gründlichkeit sämtliche Erdbebenberichte in der reichen historischen Überlieferung des alemannischen Raumes ins Netz gingen, hält Uwe Braumann für schlicht unmöglich: "Manche Dinge findet man erst nach Jahren, manche sogar erst nach Jahrzehnten. Das ist schlicht und ergreifend so. Man kann nicht den Überblick über ein ganzes Land innerhalb kürzester Zeit gewinnen."

Ohnehin wird sich der ganze Wert der Datenbank erst später zeigen, wenn man sie etwa mit den Katalogen der Schweiz und Frankreichs abgleicht. Schon jetzt ist deutlich, dass sie nicht nur für die Historische Erdbebenforschung große Bedeutung haben wird, sondern durchaus auch für die Einschätzung der aktuellen seismischen Gefährdung. "Wenn ich die Erdbebenwahrscheinlichkeit aus den Häufigkeiten berechne, mit denen Erdbeben bislang aufgetreten sind, dann muss ich mich entscheiden, aus welchem Zeitraum ich die Häufigkeiten bestimme", so Wolfgang Brüstle, "da macht es einen großen Unterschied, ob man für die Zollernalb die Häufigkeiten aus den letzten 500 Jahren oder aus den letzten ca. 100 Jahren nimmt." Auf der Alb hat es im 20. Jahrhundert in den Jahren 1911, 1943 und 1978 drei schwere Erdbeben  mit Lokal-Magnituden von 6,1, 5,6 und 5,7 gegeben, die von einer Vielzahl schwächerer Beben begleitet wurden. Aus den Jahrhunderten zuvor sind dort außer der von 1655, die die Bürger Sindelfingens so in Angst und Schrecken versetzte keine Erdbeben in dieser Stärke und Häufigkeit bekannt.

Entsprechend haben Wolfgang Brüstle und seine Kollegen bereits jetzt aus ihrer Erarbeitung des Historischen Erdbebenkatalogs die Erkenntnis gewonnen: Die instrumentellen Aufzeichnungen des 20. Jahrhunderts dominieren die Datenbank nicht nur durch die Fülle der registrierten Daten. "Mit aller Vorsicht kann man sagen, dass das 20. Jahrhundert ein seismisch aktives Jahrhundert war, aktiver als die Jahrhunderte davor, soweit uns vergleichbare Daten vorliegen", erklärt der ehemalige Leiter des Landeserdbebendienstes. Ob und wie sich das im 21. Jahrhundert fortsetzt, bleibt abzuwarten.