28. Okt. 2019
Hochrangige und nicht-lokale Frauenbestattung aus Kleinaitingen im Lechtal. Der Kopfschmuck und der Bestattungsritus spiegeln die lokalen Traditionen wider, aber die Isotopenwerte zeigen die fremde Herkunft.

Hochrangige und nicht-lokale Frauenbestattung aus Kleinaitingen im Lechtal. Der Kopfschmuck und der Bestattungsritus spiegeln die lokalen Traditionen wider, aber die Isotopenwerte zeigen die fremde Herkunft.

Von den prähistorischen Kulturen der Jungsteinzeit und Bronzezeit in Mitteleuropa sind nur wenige Informationen über ihre Struktur bekannt. Mit einem interdisziplinären Forschungsprojekt hat die Heidelberger Akademie der Wissenschaft die Instrumente von Archäologie und Archäogenetik kombiniert und konnte aufschlussreiche Informationen über die Gesellschaftsstruktur der damaligen Bewohner des Lechtals sammeln. In "Science" berichten sie über ihre Erkenntnisse.

Die Ursprung der europäischen Zivilisation ist aristokratisch. Die homerischen Epen besingen eine Adelsgesellschaft mit strikter Hierarchie und Königen an der Spitze. Aber auch deren Gefolgsleute standen an der Spitze eines hierarchischen Haushalts, die bei den Griechen Oikos, bei den Römern Familia hießen. Am Mittelmeer stellte dies die Grundeinheit der jeweiligen Gesellschaft dar, selbst wenn sie wie in Athen seit Perikles als Demokratie organisiert war.

Original und rekonstruierte verzierte Kupferscheibe aus einem hochrangigen Frauengrab aus Kleinaitingen im Lechtal. Diese Frau war zu ihrer Zeit in Süddeutschland eines der reichsten Individuen und stammte ursprünglich nicht aus dem nordalpinen Raum.

Original und rekonstruierte verzierte Kupferscheibe aus einem hochrangigen Frauengrab aus Kleinaitingen im Lechtal. Diese Frau war zu ihrer Zeit in Süddeutschland eines der reichsten Individuen und stammte ursprünglich nicht aus dem nordalpinen Raum.

Bild: MPISHH/K. Massy
Verzierter Doch einer männlichen Bestattung aus Kleinaitingen im Lechtal.

Verzierter Doch einer männlichen Bestattung aus Kleinaitingen im Lechtal.

Bild: MPISHH/K. Massy
1 / 2

Original und rekonstruierte verzierte Kupferscheibe aus einem hochrangigen Frauengrab aus Kleinaitingen im Lechtal. Diese Frau war zu ihrer Zeit in Süddeutschland eines der reichsten Individuen und stammte ursprünglich nicht aus dem nordalpinen Raum.

Bild: MPISHH/K. Massy

Verzierter Doch einer männlichen Bestattung aus Kleinaitingen im Lechtal.

Bild: MPISHH/K. Massy

Diese Struktur scheint in Europa wesentlich älter und tiefer verwurzelt zu sein, als nur im archaischen Griechenland. Ein interdisziplinäres Forschungsprojekt der Heidelberger Akademie der Wissenschaften hat jetzt für spätsteinzeitliche und frühbronzezeitliche Kulturen im süddeutschen Lechtal genau solche hierarchischen Strukturen in den dortigen Gehöften herausgearbeitet. Die Funde, auf die die Forscher ihre Erkenntnisse stützen, stammen aus einer Zeit von 2750 bis 1300 vor Christus und sind damit weit älter als "Ilias" und "Odyssee".

Familienstruktur durch genetische Daten erhellt

Die Gehöfte, die die Forscher untersuchten, gehörten offenkundig nicht irgendwelchen Königen oder sonstigen Anführern größerer Gruppen, deren Existenz bereits durch zahlreiche andere Grabungen bezeugt wurde. Vielmehr waren sie die Wohnsitze von reichen Familien, gehörten also zu den mittleren und höheren Ebenen der damaligen Gesellschaft. Die Wissenschaftler, zu denen Prähistoriker wie Philipp Stockhammer von der Ludwigs-Maximilians-Universität in München oder Archäogenetiker wie Johannes Krause vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena gehörten, werteten vor allen Grabfunde aus und kombinierten archäologische, genetische und chemische Daten zu einem bislang einzigartigen Bild der damaligen Gesellschaft.

So zeigten die Genanalysen, dass die Höfe zum Teil über zahlreiche Generationen in der Hand einer Familie waren und dass dieses Modell über 700 Jahre hinweg stabil blieb. Sie zeigten aber auch, dass diese Familien über die Männer definiert wurden und eine weit ausgreifende Heiratspolitik betrieben. "Reichtum korrelierte entweder mit biologischer Verwandtschaft oder Herkunft aus der Ferne", berichtete Stockhammer in einer Pressemitteilung der Max-Planck-Gesellschaft. Alle hochgestellten Frauen kamen aus großer Entfernung, etliche von ihnen aus der 350 Kilometer entfernten Aunjetitzer Kultur, die ihren Schwerpunkt in der heutigen Tschechischen Republik hatte und zu deren bedeutendsten Relikten die Himmelsscheibe von Nebra in Sachsen-Anhalt gehört.

Archäogenetik bietet ungeahnte Möglichkeiten

Im Gegenzug fanden die Forscher in den Lechtaler Gräbern keine weiblichen Verwandten der der Familie. Offenbar wurden alle Mädchen ebenso in die Ferne verheiratet, wie ihre Mütter aus der Ferne kamen. Allerdings gab es zahlreiche Skelette, die mangels Grabbeigaben als arm und aufgrund chemischer Marker als lokal aufgewachsen eingestuft wurden. "Wir können hier nicht sagen, ob es sich bei diesen Individuen um Knechte und Mägde oder vielleicht sogar eine Art von Sklaven gehandelt hat", sagte Alissa Mittnik, von der Harvard Universität kommende Gastwissenschaftlerin am Jenaer MPI und Hauptautorin der "Science"-Studie.

Solche Fragen eines rechtlichen Status dürften für die bronzezeitlichen Kulturen Mitteleuropas kaum zu klären sein, weil von ihnen keinerlei schriftliche Zeugnisse bekannt sind. Doch die Möglichkeiten der Archäogenetik dürften noch lange nicht erschöpft sein. "Wir hätte es bis vor Kurzem nicht für möglich gehalten, dass wir einmal Heiratsregeln, soziale Struktur und Ungleichheit in der Vorgeschichte untersuchen können", kommentierte MPI-Direktor Johannes Krause.