15. Apr. 2020
Luftbild der Llanos de Moxos im Tiefland von Bolivien.

Luftbild der Llanos de Moxos im Tiefland von Bolivien.

Der Ackerbau ist eine der großen Errungenschaften der Menschheit. Offenbar hat unsere Art kurz nach dem Ende der jüngsten Eiszeit mehr oder weniger gleichzeitig in fünf Regionen begonnen, Wildpflanzen zu domestizieren und langsam in Kulturpflanzen mit besonderen Eigenschaften zu verwandeln. Neben die bekannten Zentren im Mittleren und Fernen Osten, in Zentralamerika und Kolumbien tritt jetzt auch das südwestliche Amazonien. Dort hat ein internationales Forscherteam zum ersten Mal archäologische Belege für Landwirtschaft im frühen Holozän gefunden.

Die Llanos de Moxos im bolivianischen Teil Amazoniens sind eine Savanne von der Größe der fünf östlichen deutschen Bundesländer, umgeben vom tropischen Regenwald. Der Boden der Tiefebene ist nährstoffarm und sauer, denn sie steht rund ein Drittel des Jahres unter Wasser. Bäum gibt es hier nur entlang der Flüsse und auf vielen Tausend kleinen Hügeln. Daher ist Weideviehhaltung der bedeutendste Wirtschaftszweig. Und doch gehören die Llanos de Moxos zu den Keimzellen menschlichen Ackerbaus und stehen in einer Reihe mit dem fruchtbaren Halbmond im Mittleren Osten, mit China, Zentralamerika und dem heutigen Kolumbien.

Umberto Lombardo, Universität Bern, bei einer Ausgrabung in den Llanos de Moxos, Bolivien.

Umberto Lombardo, Universität Bern, bei einer Ausgrabung in den Llanos de Moxos, Bolivien.

Bild: PSU/José Capriles
Waldinsel in den Llanos de Moxos im Tiefland von Bolivien.

Waldinsel in den Llanos de Moxos im Tiefland von Bolivien.

Bild: PSU/José Capriles
Rund 4700 Waldinseln gibt es in den Llanos de Moxos, Bolivien.

Rund 4700 Waldinseln gibt es in den Llanos de Moxos, Bolivien.

Bild: Uni Bern/Umberto Lombardo
José Capriles, Pennsylvania Stae University, bei einer Ausgrabung in den Llanos de Moxos, Bolivien.

José Capriles, Pennsylvania Stae University, bei einer Ausgrabung in den Llanos de Moxos, Bolivien.

Bild: PSU/José Capriles
Einblick in die archäologische Ausgrabungsstätten im Südwesten des Amazonas.

Einblick in die archäologische Ausgrabungsstätten im Südwesten des Amazonas.

Bild: Uni Bern/Javier Ruiz-Lopez
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Umberto Lombardo, Universität Bern, bei einer Ausgrabung in den Llanos de Moxos, Bolivien.

Bild: PSU/José Capriles

Waldinsel in den Llanos de Moxos im Tiefland von Bolivien.

Bild: PSU/José Capriles

Rund 4700 Waldinseln gibt es in den Llanos de Moxos, Bolivien.

Bild: Uni Bern/Umberto Lombardo

José Capriles, Pennsylvania Stae University, bei einer Ausgrabung in den Llanos de Moxos, Bolivien.

Bild: PSU/José Capriles

Einblick in die archäologische Ausgrabungsstätten im Südwesten des Amazonas.

Bild: Uni Bern/Javier Ruiz-Lopez

So wichtige Kulturen wie Maniok oder Kürbis scheinen in dieser südwestlichen Ecke Amazoniens vor rund 10.250 Jahren zum ersten Mal kultiviert worden zu sein, Mais als Kulturpflanze taucht vor 6850 Jahren auf, zum ersten Mal östlich der Anden. In "Nature" berichtet ein internationales Team über seine Untersuchungen in der Feuchtsavanne. Demnach sind die Waldinseln die Stellen, an denen die Einwanderer im frühen Holozän mit dem Anbau von vor allem stärkehaltigen Pflanzen begannen. "Sie kultivierten Wildpflanzen, die sie dort vorfanden", so Hauptautor Umberto Lombardo von der Universität Bern. Die Waldinseln sind ein Charakteristikum der Llanos de Moxos, zu Tausenden sprenkeln sie die Savanne und ragen selbst in der Regenzeit aus den überfluteten Grasflächen heraus.

Offenbar sind viele von ihnen das dauerhafte Erbe der ersten menschlichen Siedler. "Die meisten kreisrunden Waldinseln sind künstlichen Ursprungs, solche mit unregelmäßigem Umriss wohl eher nicht", so Lombardo. Die künstlichen Hügel hatten ihren Ursprung offenbar als Abfallhaufen der frühen Einwanderer. Unklar ist, ob diese absichtlich angelegt wurden, um trockenes Land auch für die Regenzeit zu schaffen, oder ob die Hügel erst später auch für den Anbau von Pflanzen benutzt wurden. Sicher ist auf jeden Fall, dass die aufgehäuften Reste nährstoffreich waren und damit Möglichkeiten für Landwirtschaft und später Wälder boten. Dort haben die Menschen nachgewiesenermaßen Maniok, Kürbis, Mais Pfeilwurz, Zürgelbaum, Reis und Pfirsichpalme angebaut. Die Wissenschaftler gehen aufgrund der genetischen Verwandtschaft der dortigen Paprikawildpflanzen mit den kultivierten davon aus, dass auch diese zum Spektrum der Kulturpflanzen im südwestlichen Amazonasgebiet gehörten.

Waldinseln als Zeugnisse der frühesten Einwanderer

Die Wissenschaftler unter Lombardos Leitung kartierten zunächst die insgesamt 6643 Waldinseln der Moxos-Ebene und erkundeten später 82 exemplarisch ausgewählte Hügel genauer. In jedem entnahmen sie Bodenproben in vieren starteten sie schließlich archäologische Ausgrabungen. Die Wissenschaftler analysierten sogenannte Phytolithe, das sind sehr dauerhafte Pflanzenüberreste, die zum Teil charakteristisch für ganz bestimmte Arten, zum Teil zumindest für Unterfamilien sind. Diese Überreste konnten sie überdies datieren, so dass sie ein Inventar der Kulturpflanzen aufstellen und diese auch noch chronologisch einordnen konnten.

Die frühesten Einwanderer waren offenbar keine vollständig sesshaften Ackerbauern, die Anzeichen für eine solche Wirtschaftsweise tauchen erst vor 1500 Jahren auf. Stattdessen praktizierten die frühesten Bewohner wohl eine Mischung aus dem Anbau von Gemüsen und dem traditionellen Jagen und Sammeln. Die Arbeitsgruppe um Umberto Lombardo schreibt in ihrem Aufsatz, dass die Tausenden von Waldinseln in den Llanos de Moxos ein Zeichen für den schon sehr früh sichtbaren ökologischen Fußabdruck des Menschen in einer Region, die bis vor kurzem als eines der letzten weitgehend unberührten Gebiet der Erde angesehen wurde.