16. Nov. 2018
Skelett eines Säbelzahntigers aus den La Brea-Teersümpfen.

Skelett eines Säbelzahntigers aus den La Brea-Teersümpfen.

Mit seinen gewaltigen, bis zu 30 Zentimeter langen Eckzähnen packte der Säbelzahntiger seine Beute und tötete sie wohl auch damit. Die erstaunlichen Katzen waren bis zum Ende der jüngsten Eiszeit auf allen Kontinenten der Nordhalbkugel verbreitet. Besonders berühmt sind die Vertreter aus Südkalifornien, denn die Teersümpfe von La Brea in Los Angeles waren eine Todesfalle für eine große Zahl Raubkatzen. Ihre Fossilien sind eine Fundgrube für heutige Paläontologen. Auf der Jahrestagung der Geologischen Gesellschaft von Amerika in Indianapolis wurde die soziale Ader der riesigen Räuber vorgestellt.

Seinen deutschen Namen trägt der Säbelzahntiger offenbar eher zu unrecht. Wenn eine moderne Großkatze als Namenspate der am Ende der jüngsten Eiszeit ausgestorbenen Räuber in Frage kommt, dann der Löwe. "Die Säbelzahnkatzen waren wie die Löwen soziale Tiere, die meisten heutigen Katzen, darunter der Tiger, sind es aber nicht. In ihrem Verhalten sind daher moderne Löwen eine gute Analogie", betont Larisa DeSantis, Paläontologin an der Vanderbilt University in Nashville, Tennessee. DeSantis hat sich auf die in der jüngsten Eiszeit ausgestorbenen Großtiere des amerikanischen Doppelkontinents spezialisiert und stellte ihre jüngsten Erkenntnisse zu den vor allem aus Südkalifornien bekannten Säbelzahntigern auf der Jahrestagung der Geologischen Gesellschaft Amerikas in Indianapolis vor.

Die La-Brea-Teersümpfe sind heute Museumsgelände mitten in Los Angeles.

Die La-Brea-Teersümpfe sind heute Museumsgelände mitten in Los Angeles.

Bild: Holger Kroker
Nachgebaute Jagdszene im Page-Museum, Los Angeles: Säbelzahntiger gegen Riesenfaultier.

Nachgebaute Jagdszene im Page-Museum, Los Angeles: Säbelzahntiger gegen Riesenfaultier.

Bild: Holger Kroker
Schädel eines Smilodon aus dem Page-Museum, Los Angeles.

Schädel eines Smilodon aus dem Page-Museum, Los Angeles.

Bild: Holger Kroker
Selbst heute noch wird in den La-Brea-Teersümpfen ausgegraben.

Selbst heute noch wird in den La-Brea-Teersümpfen ausgegraben.

Bild: Holger Kroker
Kieferknochen eines Säbelzahntigers, der zur Untersuchung herangezogen wurde.

Kieferknochen eines Säbelzahntigers, der zur Untersuchung herangezogen wurde.

Bild: Larisa DeSantis
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Die La-Brea-Teersümpfe sind heute Museumsgelände mitten in Los Angeles.

Bild: Holger Kroker

Nachgebaute Jagdszene im Page-Museum, Los Angeles: Säbelzahntiger gegen Riesenfaultier.

Bild: Holger Kroker

Schädel eines Smilodon aus dem Page-Museum, Los Angeles.

Bild: Holger Kroker

Selbst heute noch wird in den La-Brea-Teersümpfen ausgegraben.

Bild: Holger Kroker

Kieferknochen eines Säbelzahntigers, der zur Untersuchung herangezogen wurde.

Bild: Larisa DeSantis

Informationen über das Verhalten von ausgestorbenen Tieren können sich die Paläontologen nur auf Umwegen erarbeiten, denn sie schlagen sich in der Regel nicht in den versteinerten Knochen nieder. Im Fall des Sozialverhaltens von Säbelzahntigern hat DeSantis allerdings eine Reihe von Indizien an den von ihr untersuchten Schädeln gefunden und sie kombiniert. Sie konnte dabei auf die große Zahl von Fossilien zurückgreifen, die in den vergangenen Jahrzehnten in den Teersümpfen von La Brea mitten in Los Angeles gefunden wurden. Diese existierten auch schon in der Eiszeit und wurden vor allem für Raubtiere wie den Säbelzahntiger zur Todesfalle. Große Pflanzenfresser, die darin steckenblieben, zogen unweigerlich Scharen von Räubern an, die ihrerseits im Teer gefangen wurden und dort umkamen.

Indizienkette spricht für soziales Verhalten

Von ihnen haben DeSantis und ihre Kollegen Dutzende Fossilien ausgewertet. "Wir haben eine Methode benutzt, die in drei Dimensionen die mikroskopisch kleinen Abnutzungsmuster auf den Zähnen analysiert. Dadurch können wir abschätzen, wie viele Knochen die einzelnen Tiere gefressen haben", so DeSantis. Zweites Indiz waren Gebissschäden bei den untersuchten Säbelzahntigern. Deren Hauptwaffe zum Töten der Beute sind ihre langen dolchartigen Eckzähne, die ebenfalls am Kauen von Fleisch und Knochen beteiligt sind. Verletzungen und anschließende Entzündungen sind also nicht unüblich gewesen. "Wir haben 135 Säbelzahnkatzen ohne und 21 mit Verletzungen untersucht, und diese Verletzungen waren in der Regel Abszesse an den Zähnen und Entzündungen im Kiefer", so DeSantis. Drittes Indiz war die Zeit, die die Tiere mit Schäden in Kiefer und Rachen noch gelebt hatten.

Grundsätzlich, so zeigten die Untersuchungen an den gesunden Katzen, fraßen die Säbelzahntiger eine Menge Knochen, die Abnutzungsmuster an ihren Zähnen ähnelten denen von heutigen Löwen, die selbst feste Knochen zu knacken versuchen, um an das Mark zu gelangen. Die Tiere mit Zahnschäden dagegen zeigten Abnutzungsmuster, die eher denen von Geparden glichen. Die schnellen Renner haben ein so schwaches Gebiss, dass sie noch nicht einmal ihre Beute totbeißen können, sondern sie in der Regel langsam ersticken müssen. Entsprechend fressen sie auch nur das weiche Fleisch und lassen alles Härtere, insbesondere die Knochen, liegen. Säbelzahnkatzen, die wegen ihrer Zahnschäden nicht mehr jagen konnten, verlegten sich also auf reine Fleischkost und, das ergab das dritte Indiz, überlebten dabei monate- oder sogar jahrelang.

Erkrankte Tiere wurden durch die Gruppe ernährt

"Die erkrankten Katzen müssen irgendwie einen privilegierten Zugang zu frisch geschlagener Beute gehabt haben, obwohl sie sie selbst nicht erlegen konnten, denn sie waren nicht auf die übrig bleibenden schlechten und harten Teile angewiesen", so Larisa DeSantis, "das legt nahe, dass irgendjemand sie mit dieser Nahrung versorgte." Und wer, so fragen sich die Forscher aus Nashville, sollte das anders sein als die aktiven Jäger ihres eigenen Rudels, die das unglückliche Mitglied unterstützten.