25. Jun. 2018
Ausgrabung einer 120.000 Jahre alten interglazialen Seenlandschaft in Neumark-Nord bei Halle im Osten Deutschlands durch das Archäologische Forschungszentrum und Museum für menschliche Verhaltensevolution MONREPOS und die Archäologische 2 Fakultät der Universität Leiden mit Unterstützung des Landesdenkmalamtes Sachsen- Anhalt.

Ausgrabung einer 120.000 Jahre alten interglazialen Seenlandschaft in Neumark-Nord bei Halle im Osten Deutschlands durch das Archäologische Forschungszentrum und Museum für menschliche Verhaltensevolution MONREPOS und die Archäologische Fakultät der Universität Leiden mit Unterstützung des Landesdenkmalamtes Sachsen-Anhalt.

Im Beckenknochen eines Damhirsches aus dem Pleistozän haben Archäologen vom Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz die älteste Spur einer steinzeitlichen Jagd gefunden: Ein rund 11 Millimeter messendes Loch, das Simulationen zufolge nur vom Stoß einer Lanze stammen kann. Was dem damaligen Jäger als ein törichter Jagdfehler erschienen sein dürfte, lieferte den heutigen Wissenschaftlern den ersten Beweis, dass Neandertaler Lanzen und vielleicht sogar Wurfspeere als Jagdwaffen nutzten. In "Nature Ecology and Evolution" steht mehr dazu.

Ein zentimetergroßes Loch im Beckenknochen eines eiszeitlichen Damhirsches und ein ebenso großes im Halswirbel eines zweiten Tieres haben den lang gesuchten harten Beweis erbracht: Die Neandertaler haben mit Lanze und vielleicht sogar auch Speer gejagt. "Menschen jagen seit 1,8 Millionen Jahren, aber im Grunde sind die Waffen, mit denen gejagt wurde, über lange Zeit unsichtbar", erklärt Sabine Gaudzinski-Windheuser, Leiterin des archäologischen Forschungszentrums Monrepos im Römisch-Germanischen Zentralmuseum Mainz.

Geschätzter Auftreffwinkel des Speeres, der die Jagdverletzung im Becken eines ausgestorbenen Damhirsches in Neumark-Nord vor 120.000 Jahren verursachte, bei stehendem Tier.

Geschätzter Auftreffwinkel des Speeres, der die Jagdverletzung im Becken eines ausgestorbenen Damhirsches in Neumark-Nord vor 120.000 Jahren verursachte, bei stehendem Tier.

Bild: Eduard Pop/MONREPOS/Römisch-Germanisches Zentralmuseum/Leibniz-Forschungsinstitut für Archäologie
Vorder- und Rückansicht der Jagdverletzung im Becken des ausgestorbenen Damhirsches, der vor 120.000 Jahren von Neandertalern an einem Seeufer nahe der heutigen Stadt Halle (Deutschland) getötet wurde.

Vorder- und Rückansicht der Jagdverletzung im Becken des ausgestorbenen Damhirsches, der vor 120.000 Jahren von Neandertalern an einem Seeufer nahe der heutigen Stadt Halle (Deutschland) getötet wurde.

Bild: Eduard Pop/MONREPOS/Römisch-Germanisches Zentralmuseum/Leibniz-Forschungsinstitut für Archäologie
Vorder- und Rückansicht einer Jagdverletzung im Halswirbel eines zweiten gefundenen Damhirsches.

Vorder- und Rückansicht einer Jagdverletzung im Halswirbel eines zweiten gefundenen Damhirsches.

Bild: Eduard Pop/MONREPOS/Römisch-Germanisches Zentralmuseum/Leibniz-Forschungsinstitut für Archäologie
Ein 300.000 Jahre alter Holzspeer aus Schöningen 13/II (Deutschland). Mit einer ähnlichen Waffe haben Neandertaler in Neumark-Nord vor 120.000 Jahren Damhirsche gejagt.

Ein 300.000 Jahre alter Holzspeer aus Schöningen 13/II (Deutschland). Mit einer ähnlichen Waffe haben Neandertaler in Neumark-Nord vor 120.000 Jahren Damhirsche gejagt.

Bild: R. Müller/Römisch-Germanisches Zentralmuseum/Leibniz- Forschungsinstitut für Archäologie
Mikro-CT-Scans der Jagdverletzung im Becken des gefundenen Damhirsches. Die Screenshots zeigen die Verletzung an der Austrittsstelle und das rekonstruierte spitze Objekt (Speer), das die Perforation verursacht hat.

Mikro-CT-Scans der Jagdverletzung im Becken des gefundenen Damhirsches. Die Screenshots zeigen die Verletzung an der Austrittsstelle und das rekonstruierte spitze Objekt (Speer), das die Perforation verursacht hat.

Bild: Arne Jacob/Frieder Enzmann/Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Skelett eines ausgestorbenen Damhirsches (Dama dama geiselana) aus Neumark-Nord, in Fluchthaltung montiert.

Skelett eines ausgestorbenen Damhirsches (Dama dama geiselana) aus Neumark-Nord, in Fluchthaltung montiert.

Bild: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen- Anhalt/Juraj Lipták
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Geschätzter Auftreffwinkel des Speeres, der die Jagdverletzung im Becken eines ausgestorbenen Damhirsches in Neumark-Nord vor 120.000 Jahren verursachte, bei stehendem Tier.

Bild: Eduard Pop/MONREPOS/Römisch-Germanisches Zentralmuseum/Leibniz-Forschungsinstitut für Archäologie

Vorder- und Rückansicht der Jagdverletzung im Becken des ausgestorbenen Damhirsches, der vor 120.000 Jahren von Neandertalern an einem Seeufer nahe der heutigen Stadt Halle (Deutschland) getötet wurde.

Bild: Eduard Pop/MONREPOS/Römisch-Germanisches Zentralmuseum/Leibniz-Forschungsinstitut für Archäologie

Vorder- und Rückansicht einer Jagdverletzung im Halswirbel eines zweiten gefundenen Damhirsches.

Bild: Eduard Pop/MONREPOS/Römisch-Germanisches Zentralmuseum/Leibniz-Forschungsinstitut für Archäologie

Ein 300.000 Jahre alter Holzspeer aus Schöningen 13/II (Deutschland). Mit einer ähnlichen Waffe haben Neandertaler in Neumark-Nord vor 120.000 Jahren Damhirsche gejagt.

Bild: R. Müller/Römisch-Germanisches Zentralmuseum/Leibniz- Forschungsinstitut für Archäologie

Mikro-CT-Scans der Jagdverletzung im Becken des gefundenen Damhirsches. Die Screenshots zeigen die Verletzung an der Austrittsstelle und das rekonstruierte spitze Objekt (Speer), das die Perforation verursacht hat.

Bild: Arne Jacob/Frieder Enzmann/Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Skelett eines ausgestorbenen Damhirsches (Dama dama geiselana) aus Neumark-Nord, in Fluchthaltung montiert.

Bild: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen- Anhalt/Juraj Lipták

Hölzerne Speere kennt man in Europa bereits seit 500.000 Jahren, die berühmten Schöninger Speere sind rund 300.000 Jahre alt und im niedersächsischen Lehringen wurde 1948 eine rund 120.000 Jahre alte Lanze gefunden. Doch dass sie tatsächlich als Jagdwaffen dienten, konnte man mangels Jagdverletzung bislang nur vermuten. "Letztendlich ist immer bezweifelt worden, dass es sich dabei wirklich um Bewaffnung handelt", so Gaudzinski-Windheuser.

Eiszeitliches Jagdgebiet im Tagebau

Dabei sei klar, sagt die Archäologin, dass die Neandertaler "Superjäger" gewesen seien. Die beiden Löcher machen die Waffen sichtbar, mit denen diese vor rund 120.000 Jahren zwei Damhirsch-Männchen angegriffen haben. Schauplatz war eine idyllische Seenlandschaft beim heutigen Ort Neumark in Sachsen-Anhalt. Bis 1993 wurde hier Braunkohle abgebaut, und schon in den letzten Abbaujahren begleiteten Archäologen die Bagger. Denn im Tagebau kamen die Überreste eines pleistozänen Ökosystems aus der letzten Warmzeit vor der unsrigen, dem Eem, zum Vorschein. So fanden die Forscher allein im Teilgebiet Neumark Nord 1 die Fossilien von 70 Altelefanten und 221 Hirschen. "Der Fundort ist absolut einmalig", schwärmt Gaudzinski-Windheuser, die zu Beginn unseres Jahrhunderts eine zweite Grabungskampagne leitete.

Das Eem dauerte nur 11.000 Jahre und die Fundstelle im ehemaligen Tagebau deckt offenbar einen großen Teil dieses vergleichsweise warmen Zwischenspiels zwischen der Riss- und der Würmkaltzeit ab. "Wir können über große Teile der Warmzeit verfolgen, wie die Neandertaler dieses Gebiet genutzt haben", so Sabine Gaudzinski-Windheuser. Es sind also nicht alle Tiere zur selben Zeit gestorben, allerdings fällt schon auf, dass vor allem männliche Hirsche im besten Alter im Tagebau erhalten blieben.

Offenbar hat dies mit dem Brunftverhalten des Damwildes zu tun. Im Herbst trennen sich die geschlechtsreifen Männchen vom Rest der Herde und tragen ihre Paarungskämpfe aus. Dabei scheinen die Neandertaler sie über Generationen hinweg immer wieder aufgesucht und gejagt zu haben. Von den getöteten Tieren nahmen die Jäger nur die besten Stücke, ein Zeichen, das nach Ansicht der Archäologin darauf hindeutet, dass die Menschen in der Brunftzeit ein extrem reiches Jagdgebiet vorfanden und sich die wählerische Fleischausbeute leisten konnten.

Eiszeitarchäologen fahnden nach winzigsten Hinweisen

Nach Spuren dieses Jagens und Schlachtens hat Sabine Gaudzinski-Windheuser die Skelette der Hirsche abgesucht. Dass sie dabei nur zwei Jagdverletzungen gefunden hat, wertet die Archäologin nicht als Enttäuschung, ganz im Gegenteil. "Das ist wahnsinnig viel. Wenn Sie einen Knochen treffen, haben Sie schließlich alles falsch gemacht." Der Jäger wollte eigentlich mit dem Stoß seiner Holzlanze die Beute in die Beckenmuskulatur treffen, um sie am Weglaufen zu hindern. Stattdessen traf die wertvolle Holzwaffe den harten Beckenknochen, mit hohem Risiko dabei zu zerbrechen. Vom Winkel der Punktwunde im Knochen her wurde der Treffer nicht mit einem geworfenen Speer erzielt, sondern mit einer von unten in das Becken gestoßenen Lanze. Der Jäger hat also unmittelbar neben dem Damhirsch gestanden, der etwa so groß war wie ein moderner Rothirsch.

Gaudzinski-Windheuser zieht aus ihrem Fund weitergehende Schlüsse, etwa auf das Sozialverhalten der Neandertaler. Die Nahdistanzjagd auf so große Tiere habe Kooperation und Zusammenhalt vorausgesetzt. "Da brauche ich eine sehr gute Absprache zwischen einzelnen Jägern, ich muss mich auf die anderen verlassen können", so ihre These. Mit anderen Worten, die Eiszeitmenschen in Europa hatten eine weit entwickelte Sozialstruktur, die all diese Verhaltensweisen kultivierte. In der Alt- und Mittelsteinzeit sei die materielle Überlieferung aber leider so schlecht, "dass Sie Ihre Argumente im Grunde", so Gaudzinski-Windheuser, "nur aus aus einzelnen Informationsfetzen stricken können".