14. Aug. 2018
Blick auf die Ausgrabungsstelle Teete in Jakutien.

Blick auf die Ausgrabungsstelle Teete in Jakutien.

Der Wechsel vom Jura zur Kreidezeit im Erdmittelalter wird durch einen klimatischen Umbruch markiert. Das stabile Treibhausklima, in dem die größten Landtiere der Erdgeschichte gediehen, wurde abgelöst durch ein wesentlich kühleres, wechselhafteres Regime. Die Folge war ein drastischer Umbruch in den meisten Ökosystemen: Die jurassische Fauna verschwand nahezu völlig. Eine Ausnahme stellt offenbar Sibirien dar, das damals von den mittleren Breiten bis weit in den nördlichen Polarkreis hineinreichte. Auf dem 13. Workshop zu Mesozoischen Terrestrischen Ökosystemen (13MTE) in Bonn berichteten russische und deutsche Paläontologen im Juli von einer Fundstelle, die damals im Polarkreis lag und offenbar jurassischen Tierarten eine Zuflucht bot.

Mühsam bahnt sich ein ungewöhnliches Gefährt den Weg durch den Urwald in Zentraljakutien. Eine kantige Wanne aus olivgrünem Stahlblech mit spartanischem Fahrersitz, einer großzügigen Ladefläche und simplen Blechen, auf die sich die Passagiere kauern müssen, ruht auf vier fast mannshohe Rädern. "Das Ding ist selbstgebaut und so ziemlich das einzige Vehikel, das unseren Ausgrabungsplatz erreichen kann", erklärt Pavel Skutschas, Paläontologieprofessor an der Leningrader Universität, während er einen Film aus dem Juli 2017 zeigt.

Ein selbstgebautes Geländefahrzeug ist das beste Transportmittel im tiefsten Jakutien.

Ein selbstgebautes Geländefahrzeug ist das beste Transportmittel im tiefsten Jakutien.

Bild: Pavel Skutschas
Die Proben müssen direkt am Teete-Bach gewaschen werden, damit die wertvollen Fossilien geborgen werden können.

Die Proben müssen direkt am Teete-Bach gewaschen werden, damit die wertvollen Fossilien geborgen werden können.

Bild: Pavel Skutschas
Knochenfund aus der Kreidezeit im Maßstab.

Knochenfund aus der Kreidezeit im Maßstab.

Bild: Pavel Skutschas
Karte der Fundstelle Teete.

Karte der Fundstelle Teete.

Bild: PLoS One/Pavel Skutschas
Blick auf die Fundstelle Teete in Jakutien.

Blick auf die Fundstelle Teete in Jakutien.

Bild: Pavel Skutschas
Der fossilienträchtige Ausschluss aus der Unteren Kreidezeit am Teete-Bach in Jakutien.

Der fossilienträchtige Ausschluss aus der Unteren Kreidezeit am Teete-Bach in Jakutien.

Bild: Pavel Skutschas
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Ein selbstgebautes Geländefahrzeug ist das beste Transportmittel im tiefsten Jakutien.

Bild: Pavel Skutschas

Die Proben müssen direkt am Teete-Bach gewaschen werden, damit die wertvollen Fossilien geborgen werden können.

Bild: Pavel Skutschas

Knochenfund aus der Kreidezeit im Maßstab.

Bild: Pavel Skutschas

Karte der Fundstelle Teete.

Bild: PLoS One/Pavel Skutschas

Blick auf die Fundstelle Teete in Jakutien.

Bild: Pavel Skutschas

Der fossilienträchtige Ausschluss aus der Unteren Kreidezeit am Teete-Bach in Jakutien.

Bild: Pavel Skutschas

Darin pflügt das Expeditionsfahrzeug durch den Birkenwald der ostsibirischen Taiga. Der Fahrer nimmt die jungen, vielleicht zwei Meter hohen Birken resolut zwischen die Räder, sie biegen sich wie Schilf und richten sich sofort wieder auf, wenn das Vehikel über sie hinweggefahren ist. Rund 100 Kilometer lang ist die Fahrt vom nächstgelegenen Dorf zur Fundstätte Teete am Ufer des gleichnamigen Baches. Mit dem Fahrzeug dauert sie einen langen Tag, "die Alternativen", so Skutschas, "sind Pferde, mit denen man drei oder vier Tage unterwegs ist, oder Helikopter". Die Strapazen damals lohnten sich, denn die Wissenschaftler entdeckten zahlreiche neue Wirbeltierfossilien, darunter Schildkröten, urtümliche und moderne Salamander und drei Säugetierarten, die allesamt den Ruf Sibiriens untermauerten, jurassischen Tierarten auch noch in der Unteren Kreidezeit ein Refugium geboten zu haben.

Zahlreiche Expeditionen in die Taiga Jakutiens geplant

Zur Zeit ist der russische Wissenschaftler wieder in Jakutien und hofft, die vielversprechenden Ausgrabungen vom vergangenen Jahr fortführen zu können – mit vielleicht noch besseren Ergebnissen. "Diesmal sind mehr Leute beteiligt und ich hoffe, dass wir mehr Wirbeltierreste finden, inklusive Dinosaurierknochen", berichtete Skutschas auf dem 13MTE. Teete ist ein seltener Glücksfall, was die Mühen erklärt, die Pavel Skutschas und seine Kollegen auf sich nehmen. "Wir wissen zum Beispiel gar nicht, wie sich die Evolution der Säugetiere in Asien abgespielt hat", betont Thomas Martin, Professor für Paläontologie an der Universität Bonn und Kooperationspartner von Skutschas, "es ist praktisch ein weißer Fleck auf der Landkarte. Wo gibt es noch Wissenschaften, wo man heute noch weiße Flecken hat."

Die Fundstelle deckt die frühesten Perioden der Kreidezeit ab, damals befand sich die Region tief im nördlichen Polarkreis, etwa auf Höhe des 70. Breitengrades. "Es gibt nur wenige Fundstätten auf der Welt, die die damaligen Polregionen überliefern und Teete ist die einzige von der Nordhalbkugel", so Skutschas.

Seltene Fundstelle überliefert Leben vom kreidezeitlichen Polarkreis

"Dass sie so weit nördlich vorkommen, ist interessant, weil sich das Klima weltweit vom Jura in die Kreidezeit abkühlte in wir eben in den nördlichen Breiten schon deutlich tiefere Temperaturen haben", erklärt Thomas Martin, "Teete kann uns Informationen liefern, wie die Tiere mit den harscheren klimatischen Bedingungen umgegangen sind." Nach dem Treibhausklima im Jura etablierte sich im Lauf der Kreidezeit ein kühleres Regime, in dem vielleicht sogar Jahreszeiten spürbar wurden. An den Polen dürften die Temperaturen zum Höhepunkt des Winters sogar unter Null gefallen sein. Für Tiere und Pflanzen bedeutete das sicherlich zusätzlichen Stress, schließlich mussten sie auch noch mit langdauernder Dunkelheit oder Dämmerung zurechtkommen.

Wie genau das Klima im polaren Sibirien der frühen Kreide aussah, ist noch nicht bekannt, denn den Paläontologen fehlen dazu noch die Pflanzenfossilien, die für die Bestimmung des Ökosystems entscheidend sind. "Bisher war das noch nicht so erfolgreich", meint Martin, "aber wir hoffen, in Teete auchTonlinsen anzutreffen, dass wir über Pollen und Sporen dann etwas über die Vegetation erfahren können." Das rund zehn Meter lange und drei bis vier Meter dicke Paket, das heute ein Steilufer über dem Teete-Bach bildet, war in der Kreidezeit der Grund eines Sees, in dem sich die Überreste von Tieren und Pflanzen der Umgebung ansammelten, gut möglich also, dass sich auch Pollen und andere charakteristische Pflanzenteile erhalten haben.

Vielfältige und altertümliche Tierwelt blieb erhalten

Die Tierwelt war jedenfalls vielfältig – und vor allem altertümlich. "Es ist eine Merkwürdigkeit der Fundstelle, dass wir bei den Säugetieren lauter relativ archaische Gruppen haben, die eigentlich eher typisch sind für den Jura", meint Thomas Martin. Allerdings sei auch schon an anderen Stellen im heutigen Ostasien aufgefallen, dass sich verschiedene Wirbeltiergruppen länger als im Rest der Welt hätten halten können. "Da war offenbar Ostasien tatsächlich irgendwie so ein Gebiet für Reliktvorkommen von vielen Taxa", so Martin. Bereits bei der ersten Expedition in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts hatten Forscher Knochen von Stegosauriern entdeckt, charakteristischen Vertretern der Jura-Fauna, die anderswo mit dem Wechsel zur Kreidezeit verschwanden.

Im vergangenen Jahr konnten Skutschas und seine Kollegen keine Dinosaurierreste bergen, fanden dafür aber zum Beispiel die Überreste von urtümlichen Panzerlurchen, wie sie bereits im Erdaltertum lebten, und direkt daneben die winzigen Knochen von viel moderneren Salamandern, die wesentlich kleiner und zierlicher sind als ihre riesigen Verwandten. Von Reptilien fanden sie die Knochen von Schildkröten, die damit die nördlichsten mesozoischen Vertreter dieser Gruppe darstellen. Unter den Funden von 2017 sind auch drei neue Säugetierarten. Eine davon gehört einer Gruppe an, die zur Unterkreide im Rest der Welt bereits ausgestorben war. Die anderen Säugetiere gehörten zu kleinen klippschlieferartigen Tierchen, die auf anderen Kontinenten eine selbst für Säugetiere im Dinosaurierzeitalter untergeordnete Rolle spielte. "In Asien ist sie aber offenbar die dominierende Säugetiergruppe gewesen, die hier ein Entwicklungszentrum gehabt hat", berichtet Thomas Martin.

Sibirische Landmasse sorgte für stabiles Klima

Dass gerade Sibirien in der Kreidezeit ein Refugium der jurassischen Lebensformen wurde, liegt vermutlich daran, dass sich der Klimawandel vom Jura zur Kreidezeit auf der gewaltigen Landmasse nur langsam auswirkte. "Das Gebiet war riesig, es umfasste nahezu das gesamte heutige Sibirien, und zwischen dem mittleren Jura und der Unteren Kreidezeit herrschten hier über fast 40 Millionen Jahre sehr stabile Bedingungen", erklärt Pavel Skutschas. Die dauerhaften Klimaumstände boten der Jura-Fauna, die überall sonst unterging einen Platz zum Überleben.

Auf der derzeitigen Expedition wollen Pavel Skutschas und seine Kollegen die Fundstelle Teete systematisch aufnehmen und nach Möglichkeit die Horizonte untersuchen, in denen Dinosaurierknochen vermutet werden. Das Ausgrabungsprojekt in Kooperation mit dem Team von Thomas Martin an der Universität Bonn ist auf etliche Jahre ausgelegt.