06. Mär. 2019
Kelpwälder und ihre reichen Ökosysteme geraten bei marinen Hitzewellen in große Schwierigkeiten.

Kelpwälder und ihre reichen Ökosysteme geraten bei marinen Hitzewellen in große Schwierigkeiten.

Die Weltmeere bleiben von Hitzewellen infolge des Klimawandels offenbar genauso wenig verschont wie das Festland. Eine große Arbeitsgruppe hat die verfügbaren Daten und Studien dazu ausgewertet. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass sich die Zahl der Hitzewellen in den Ozeanen drastisch erhöht hat und, dass ihre Konsequenzen zum Teil denen von verheerenden Waldbränden gleichkommen. Die Ergebnisse der Untersuchung sind in "Nature Climate Change" nachzulesen.

Hitzewellen an Land sind selbst im gemäßigten Mitteleuropa ein altbekanntes Phänomen. In jedem durchschnittlichen Sommer gibt es mehrere solcher Perioden, in denen die Temperaturen deutlich die Hochsommermarken überschreiten. Aufregen tut das keinen, es sei denn, die Hitzewelle ist so lang und schwer und erstreckt sich über ein so großes Areal wie im Sommer 2003, als nahezu der gesamte Kontinent unter Extremtemperaturen ächzte und rund 70.000 Menschen starben. Doch solche Phänomene gibt es offenbar ebenfalls in den Weltmeeren, und nach einer gerade in "Nature Climate Change" veröffentlichten Übersicht war ihre Zahl in den vergangenen 30 Jahren um mehr als die Hälfte größer als im Vergleichzeitraum von 1925 bis 1954.

Blick in einen Kelpwald vor der Westküste der USA.

Blick in einen Kelpwald vor der Westküste der USA.

Bild: NOAA (CCO)
Eine Seegraswiese vor Rapid Bay, Südaustralien.

Eine Seegraswiese vor Rapid Bay, Südaustralien.

Bild: Wikimedia/Peter Southwood (CC BY SA 4.0)
Korallen am Ningaloo Riff vor Westaustralien.

Korallen am Ningaloo Riff vor Westaustralien.

Bild: Wikimedia/Jonathan Muhiudeen (CC BY SA 3.0)
Blick in einen Kelpwald vor Kalifornien.

Blick in einen Kelpwald vor Kalifornien.

Bild: NOAA (CCO)
Korallenbleiche in der Karibik

Korallenbleiche in der Karibik

Bild: NOAA (CCO)
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Blick in einen Kelpwald vor der Westküste der USA.

Bild: NOAA (CCO)

Eine Seegraswiese vor Rapid Bay, Südaustralien.

Bild: Wikimedia/Peter Southwood (CC BY SA 4.0)

Korallen am Ningaloo Riff vor Westaustralien.

Bild: Wikimedia/Jonathan Muhiudeen (CC BY SA 3.0)

Blick in einen Kelpwald vor Kalifornien.

Bild: NOAA (CCO)

Korallenbleiche in der Karibik

Bild: NOAA (CCO)

"Marine Hitzewellen sind natürliche Prozesse, die von zahlreichen Faktoren in den Meeren und der Atmosphäre angetrieben werden", betont Hauptautor Dan Smale, Meeresökologe bei der Meeresbiologischen Vereinigung Großbritanniens in Southampton, "aber inzwischen ereignen sie sich in Ozeanen, deren Temperatur ohnehin schon höher als früher ist, und deshalb glauben wir, dass auch ihre Konsequenzen schwerer als früher sind."

Hitzewelle radierte Kelpwälder vor Westaustralien aus

Ein Beispiel hat der Brite selbst erlebt, als er vor rund sieben Jahren an der Universität von Westaustralien in Perth forschte: der sogenannte Ningaloo-Niño, der sich im Februar 2011 zu einer ökologischen Katastrophe auswuchs, von der sich der Küstenabschnitt entlang des Ningaloo Riffs bis heute nicht erholt hat. "Die Kelpwälder, die damals in einem Abschnitt von mehr 200 Kilometer abstarben, haben sich im Grunde nicht erholt, die Seegraswiesen schon eher, aber sie haben den Stand von September 2011 noch immer nicht wieder erreicht", so Smale. "Die einzigen, die sich wirklich von der damaligen Hitzewelle erholt haben, sind die Korallenpolypen. Wir glauben daher, dass sich das Ökosystem von einem Kaltwassertyp, der von Kelp dominiert wird, in einen Warmwassertyp mit vorherrschend Korallenriffen geändert hat."

Der Ningaloo-Niño war eine besonders lange und starke Hitzewelle in den Gewässern vor Westaustralien, die im Südsommer ohnehin schon sehr warm werden. "Aber die Temperaturen im Südsommer 20010/11 brachen alle Rekorde und vor allem dauerte die Hitzewelle mehrere Monate an", so Dan Smale, "entsprechend schwer waren dann die ökologischen Konsequenzen." Kelpwälder und Seegraswiesen verschwanden, Korallenriffe verblichen und in der Folge starben dann auch viele Fische, Krusten- und Schalentiere. Für Dan Smale kann eine solche Hitzewelle durchaus den Vergleich mit jedem schweren Buschbrand an Land aushalten: Die Flammen fehlen zwar, aber das Ökosystem ist hinterher gleichermaßen verheert.

Wichtige Lebensräume verschwinden

Anders als die australischen oder südeuropäischen Wälder jedoch, kommen die Kelpwälder in den Ozeanen schlecht mit den Hitzewellen klar. Brauchen jene die regelmäßigen Brände, um sich zu verjüngen und zu gedeihen, kommen die Kelpwälder nach schweren Hitzewellen nur schwer auf die Beine. Darin ähneln sie eher den Wäldern und Urwäldern der gemäßigten Zonen die ebenfalls nicht an Hitzeereignisse gewöhnt sind. "Wenn große Tangwälder oder Seegraswiesen absterben, kann das einen Dominoeffekt auslösen: Mit ihnen verschwinden wichtige Lebensräume, die Artenvielfalt nimmt ab", berichtet Dan Smale.

Besonders gefährdet durch Hitzewellen sind nach den Untersuchungen der Gruppe die Regionen, in denen die Arten bereits am oberen Rand ihrer Hitzetoleranz leben. "Sie kommen gerade noch mit den durch den Klimawandel gestiegenen Temperaturen zurecht", berichtet der britische Meeresforscher, "wenn eine Meereshitzewelle das Wasser schnell erwärmt, ist es wahrscheinlich, dass sie sterben." Zu diesen akut gefährdeten Regionen zählen der Ostpazifik und der Westatlantik. Doch auch in anderen Regionen wie etwa um Australien oder in den europäischen Gewässern kann es eng für die Ökosysteme werden. Denn hier kommt der Hitzestress zusätzlich zu bereits anderen Belastungen auf die Ökosysteme zu: Überdüngung, Versauerung, Vermüllung.