02. Okt. 2018
Der Große Platz von Tikkal, einem der mächtigsten Maya-Staaten der Klassischen Zeit.

Der Große Platz von Tikkal, einem der mächtigsten Maya-Staaten der Klassischen Zeit.

Die Maya in Mittelamerika haben in ihrer Blütezeit den Dschungel des heutigen Guatemala offenbar intensiv für ihre Landwirtschaft genutzt. Zu diesem Ergebnis kommt die umfassendste Fernerkundungskampagne, die im Tiefland von Petén auf der Halbinsel Yucatán je stattgefunden hat. 2166 Quadratkilometer Dschungel hat ein großes Konsortium aus guatemaltekischen und internationalen Forschenden mit einem LIDAR vermessen, der die Vegetation durchdringen kann und somit die Bodenstrukturen aufzeichnet. In der aktuellen "Science" berichten sie darüber.

Gefunden haben sie 61.480 Bauwerke, von den Pyramiden von Tikal über Gräben und Schanzen für die Verteidigung bis zu unscheinbaren, aber lebensnotwendigen Bewässerungskanälen von gerade einmal 50 Zentimeter Breite oder niedrigen Begrenzungsmauern, mit denen Terrassen für die Landwirtschaft eingefasst und gesichert waren. Die flugzeuggestützte Laservermessung kann das dichte Blätterdach des Dschungels durchdringen und die Strukturen am Boden mit Zentimetergenauigkeit darstellen.

Auf den identifizierten Bauwerken hat das Forschungsteam eine komplexe Berechnung für den Rest der 95.000 Quadratkilometer aufgestellt, die das Herzland der Hochkultur im ersten Jahrtausend nach Christus darstellten. Danach könnten zur Blütezeit der Maya zwischen sieben und elf Millionen Menschen im Tiefland von Petén gelebt haben. Diese Zahlen hatten einige Forscher aufgrund von Erkundungen im Dschungel selbst seit den 90er Jahren immer wieder genannt, doch wurden sie stets als obere Grenze angesehen.

Das Team um Marcello Canuto von der Tulane-University in New Orleans gehen aufgrund ihrer Berechnungen davon aus, dass die zahlreichen großen und kleinen Zentren in ihrem Untersuchungsgebiet eng miteinander verknüpft waren. Dafür sprachen das ausgedehnte Straßennetz, das sich auf den LIDAR-Bildern zeigte, aber auch die Tatsache, dass die großen Zentren wie Tikal auf umfangreiche Nahrungsmittelimporte von ländlicheren Regionen angewiesen waren. Tikal besass zwar eines der am intensivsten bewirtschafteten Territorien, doch übersteigt die kalkulierte Bevölkerungszahl das Potential dieses Areals um 75 Prozent. Noch extremer war es in Naachtun, einem in der Spätklassik ebenfalls mächtigen Stadtstaat auf halbem Wege nach Calakmul. Dort betrug die kalkulierte Bevölkerungszahl mehr als das Doppelte des Anbaupotentials.

Eine durch den LIDAR neu entdeckte Fundstätte auf dem Gebiet des Maya-Stadtstaates Tikkal.

Eine durch den LIDAR neu entdeckte Fundstätte auf dem Gebiet des Maya-Stadtstaates Tikkal.

Bild: Science/ Luke Auld-Thomas/PACUNAM
Die neu entdeckten Gebäude in Dos Torres bei Tikkal im LIDAR (links), der Bearbeitung (Mitte) und in durch Begehung bestätigter Karte (rechts).

Die neu entdeckten Gebäude in Dos Torres bei Tikkal im LIDAR (links), der Bearbeitung (Mitte) und in durch Begehung bestätigter Karte (rechts).

Bild: Science/ Luke Auld-Thomas and Marcello A. Canuto/PACUNAM
Neu entdeckte Gebäude der klassischen Maya-Periode in der Nähe des Zentrums Tikkal.

Neu entdeckte Gebäude der klassischen Maya-Periode in der Nähe des Zentrums Tikkal.

Bild: Science/ Luke Auld-Thomas/PACUNAM
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Eine durch den LIDAR neu entdeckte Fundstätte auf dem Gebiet des Maya-Stadtstaates Tikkal.

Bild: Science/ Luke Auld-Thomas/PACUNAM

Die neu entdeckten Gebäude in Dos Torres bei Tikkal im LIDAR (links), der Bearbeitung (Mitte) und in durch Begehung bestätigter Karte (rechts).

Bild: Science/ Luke Auld-Thomas and Marcello A. Canuto/PACUNAM

Neu entdeckte Gebäude der klassischen Maya-Periode in der Nähe des Zentrums Tikkal.

Bild: Science/ Luke Auld-Thomas/PACUNAM

Die von der Stiftung PACUNAM (Patrimonio Cultural y Natural Maya) geförderte Befliegungskampagne hat die Informationen über das Maya-Herzland schlagartig vervielfacht und vor allem die Regionen abseits der großen Zentren intensiv wie nie zuvor beleuchtet. Nach dem Kollaps der Maya-Zivilisation im 11. Jahrhundert dehnte sich der Dschungel schnell wieder über das intensiv bewirtschaftete Gebiet aus und hat es seither nicht mehr hergegeben.

Die archäologischen Untersuchungen hat das sehr erschwert, so dass auch nach vielen Jahrzehnten intensiver Erforschung nur wenig mehr als Momentaufnahmen existieren, von denen die Wissenschaft auf das gesamte Gebiet extrapolieren muss. Gleichwohl müssen auch weiterhin die klassischen Bodenerkundungen durchgeführt werden, schreiben Anabel Ford und Sherman Horn vom Mesoamerican Research Center der Universität Santa Barbara, um die Detailgliederung der Befunde zu klären.