10. Jul. 2019
Rekonstruktion der Hirnschale von Apidima-1 und Bild des Fossils selbst. An der Rekonstruktion ist der für anatomisch moderne Menschen charakteristische runde Hinterkopf zu erkennen.

Rekonstruktion der Hirnschale von Apidima-1 und Bild des Fossils selbst. An der Rekonstruktion ist der für anatomisch moderne Menschen charakteristische runde Hinterkopf zu erkennen.

Der älteste anatomisch moderne Mensch außerhalb Afrikas kommt von der Peloponnes. Ein internationales Forscherteam unter Leitung der Paläoanthropologin Katerina Harvati von der Universität Tübingen hat die beiden Schädel datiert, die in der 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in der Apidima-Höhle bei Mani am Messenischen Golf gefunden wurden.

"Apidima-2 ist ein Neandertaler von ungefähr 170.000 Jahren, während Apidima-1 ein früher moderner Mensch mit einem auf 210.000 Jahre datierten Alter ist", so Harvati auf einer Telefon-Konferenz von "Nature", in der die Studie jetzt publiziert wurde. Damit wäre Apidima-1 mindestens 25.000 Jahre älter als der bislang älteste außerafrikanische Vertreter der anatomisch modernen Menschen, der in der Misliya-Höhle am Berg Karmel gefunden gefunden wurde. Der Schädel wäre auch nur knapp 100.000 Jahre jünger als der absolut älteste bisher bekannte Vertreter der anatomisch modernen Menschen, der im marokkanischen Djebel Irhoud gefunden wurde und auf ein Alter von 315.000 Jahren kommt.

Rekonstruktion des Neandertaler-Schädels Apidima-2 und Bild des Fossils selbst.

Rekonstruktion des Neandertaler-Schädels Apidima-2 und Bild des Fossils selbst.

Bild: Nature/Katerina Harvati, Eberhard-Karls-Universität Tübingen
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Rekonstruktion des Neandertaler-Schädels Apidima-2 und Bild des Fossils selbst.

Bild: Nature/Katerina Harvati, Eberhard-Karls-Universität Tübingen

Der Fund macht die Besiedelungsgeschichte Europas in der Steinzeit wesentlich vielfältiger als die bisherigen Funde auswiesen. "Es ist ein komplexes Szenario von Auswanderung, Rückzug und möglicherweise auch Kontakt mit den bereits in Europa lebenden Neandertalern", berichtete Harvati. Die anatomisch modernen Menschen, die bis an den Messenischen Golf kamen, gehören nach allem, was man bisher weiß, nicht zu den Vorfahren der heutigen Europäer. Vielmehr sind sie später durch Neandertaler ersetzt worden, etwa solchen wie denjenigen, zu dem der rund 40.000 Jahre jüngere Schädel von Apidima-2 gehört. "Anatomisch moderne Menschen sind mehrfach aus Afrika über die Levante nach Norden und Westen vorgestoßen", resümiert Eric Delson vom Amerikanischen Museum für Naturgeschichte in New York  in seinem Kommentar für "Nature", "statt eines einzelnen Exodus muss es viele gegeben haben, von denen viele nicht erfolgreich waren."

Menschenarten lösten einander ab

Wie die permanenten Wechsel zwischen den Menschenarten abliefen, ist unbekannt. Das gilt auch für die Wanderung, deren Beleg der 210.000 Jahre alte Schädel Apidima-1 ist. Im Neandertaler-Erbgut gibt es Hinweise für genetischen Einfluß früher moderner Menschen. Möglicherweise war der Exodus, der diese bis auf die Peloponnes führte, Gelegenheit für sexuelle Kontakte zwischen den Arten. "Es kann sein, dass die Apidima-Population ausstarb, bevor die Neandertaler kamen, es kann sein, dass sie sich trafen, es kann sogar sein, dass sie mit- oder zumindest nebeneinander lebten, aber wir haben keine Hinweise, um diese Fragen zu beantworten", betonte Katerina Harvati.

Gleichermaßen hypothetisch ist der Zusammenhang zwischen dem anatomisch modernen Menschen aus der Apidima-Höhle und den Funden aus der israelischen Misliya-Höhle. "Wir spekulieren natürlich, dass die Gruppe, die Misliya bewohnte, der Ursprung für die Gruppe bilden könnte, die bis Apidima kam", so Katerina Harvati, "aber unglücklicherweise sind in beiden Fundstellen nicht die gleichen Knochen erhalten geblieben, sodass wir die Funde nicht vergleichen können." Wenn es sich aber so verhielte, müsste die Levante für viele Jahrzehntausende von frühen anatomisch modernen Menschen bewohnt worden sein. Belege dafür fehlen bislang.

An der Datierung hängt alles

Kritisch unter die Lupe nehmen werden die Fachkollegen die Datierungen der Arbeitsgruppe, denn an ihnen hängt schließlich der aufsehenerregende Befund. Erste Kritikpunkte wurden bereits während der Pressekonferenz laut. So lieferten die Altersangaben für die Proben aus dem Apidima-1-Schädel und ihm zugeordneten Knochenfunden ein extrem breites Spektrum von Altersangaben: Die Werte der Uran-Datierung reichten von knapp 350.000 Jahren bis zu rund 20.000 Jahren, wobei sich das Gros bei rund 210.000 Jahren gruppierte. "Meine Interpretation ist, dass die Uranwerte der Funde selbst von den Uranwerten des Umgebungsgesteins überprägt wurden, denn die Proben mit viel jüngeren Altern haben ein anderes Verhältnis von Uran-34 zu Uran-38 als die älteren", erklärte Rainer Grün, Leiter des Australischen Forschungszentrums für die Evolution des Menschen an der Griffith University in Brisbane. Grün hat die Datierungen durchgeführt.

Die Überprägung ist das Ergebnis der Ablagerungsgeschichte in Apidima. Die Schädel sind nicht in zeitgenössischem Sediment "beerdigt" worden und anschließend ungestört geblieben, bis sie die Ausgräber vor vierzig Jahren entdeckten. "Der Fundort ist an der Basis eines Schlucklochs, durch das Reste aus unterschiedlichen Zeiten nach unten gespült und dort mit der Zeit zu einem Konglomerat verfestigt wurden", so Grün. So erklärt sich auch, dass zwei Schädel, deren Alter rund 50.000 Jahre auseinanderklaffen, in nur 30 Zentimeter Distanz zu einander gefunden wurden. "Das ist ein fantastisches Zusammentreffen, wenn man sich vergegenwärtigt, dass im gesamten Restgriechenland nur ein einziger weiterer Schädel gefunden wurde", schwärmte Rainer Grün. Dennoch deutet sich an, dass die Diskussion um seine Datierungsergebnisse heftig sein wird. Rainer Grün blickt ihr zuversichtlich entgegen: "Alle Details sind in unserem Bericht, wir haben nichts unter den Teppich gekehrt."