22. Aug. 2018
Die Paläontologen Richard Roberts, Vladimir Ulianov und Maxim Kozlikin in der Denisova-Höhle

Die Paläontologen Richard Roberts, Vladimir Ulianov und Maxim Kozlikin in der Denisova-Höhle.

In der aktuellen "Nature" berichten Paläogenetiker unter Leitung von Svante Pääbo vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie über die Tochter einer Neandertalerin und eines Denisovaners. Die Forschergruppe hatte das Erbgut von "Denisova 11" sequenziert und zu ungefähr gleichen Teilen Geninformationen der beiden archaischen Menschentypen gefunden.

"Neandertaler und Denisovaner hatten vielleicht nicht viele Gelegenheiten einander zu treffen. Aber wenn sie aufeinander getroffen sind, müssen sie relativ häufig Kinder miteinander gezeugt haben – viel öfter als wir bisher dachten." Nicht zum ersten Mal führen die winzigen Proben, die der Paläogenetiker Svante Pääbo in seinem Labor am Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie analysiert, tief ins Privatleben der Menschen vor mehr als 50.000 Jahren. In der aktuellen "Nature“ präsentieren Pääbo und seine Kollegen das Erbgut eines bei seinem Tod vor geschätzten 90.000 Jahren 13-jährigen Mädchens, das eine Neandertalerin als Mutter und einen Denisovaner als Vater hatte.

Blick aus der Denisova-Höhle in den Altai.

Blick aus der Denisova-Höhle in den Altai.

Bild: Nature/Bence Viola/MPI EVA
In der Denisova-Höhle im westsibirischen Altai-Gebirge wird systematisch nach Fossilien archaischer Menschen gesucht.

In der Denisova-Höhle im westsibirischen Altai-Gebirge wird systematisch nach Fossilien archaischer Menschen gesucht.

Bild: Nature/Bence Viola/MPI EVA
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Blick aus der Denisova-Höhle in den Altai.

Bild: Nature/Bence Viola/MPI EVA

In der Denisova-Höhle im westsibirischen Altai-Gebirge wird systematisch nach Fossilien archaischer Menschen gesucht.

Bild: Nature/Bence Viola/MPI EVA

Privater wird es dann allerdings auch nicht, denn von der jungen Frau ist nicht mehr als ein 2,5 Zentimeter langes Knochenstück übrig geblieben, von dem man nicht einmal weiß, von welchem Röhrenknochen es überhaupt stammt. Ihr Name ist entsprechend "Denisova 11" und sie ist erst der sechste Mensch aus der Altsteinzeit, dessen Genom entschlüsselt wurde. Sie ist auch erst die elfte Angehörige der rätselhaften Denisovaner, die man bislang nur von Knochenfragmenten aus der Denisova-Höhle im westsibirischen Altai-Gebirge kennt.

So viel scheint klar: Sie bewohnten ein Gebiet in Westsibirien zu etwa der Zeit, zu der die Neandertaler Europa besiedelten, und verschwanden wie diese irgendwann vor rund 40.000 Jahren, als sich anatomisch moderne Menschen über Europa und Asien verbreiteten. Sie pflegten intime Kontakte nicht nur zu den Neandertalern, denn im Erbgut der heutigen Bewohner von Asien und Ozeanien finden sich Spuren dieses archaischen Menschentyps. Pääbo und seine Mitarbeiter hatten jetzt per Zufall ein Kind aus einer solchen Verbindung auf dem Labortisch. "Aus früheren Studien wussten wir bereits, dass Neandertaler und Denisovaner gelegentlich Nachwuchs miteinander gezeugt haben", sagt Viviane Sion, Forscherin am Leipziger MPI und Erstautorin der Nature-Studie, "doch ich hätte nie gedacht, dass wir so viel Glück haben könnten, auf einen direkten Nachkommen der beiden Gruppen zu stoßen."

Das Erbgut, das die Leipziger Genetiker aus sechs pulverisierten Knochenproben gewannen, sagt noch mehr über die Verwandtschaft der 13-Jährigen aus der Altsteinzeit aus. "Anhand dieses einzigen Genoms können wir gleich mehrere Interaktionen zwischen Neandertalern und Denisovanern dokumentieren", sagt Max-Planck-Forscher Benjamin Vernot, der dritte Hauptautor der Studie. Ihre Mutter  war näher mit den jüngeren Neandertalern der Würm- und Weichselkaltzeit verwandt, die bis zu ihrem Verschwinden im Tausende Kilometer entfernten Europa lebten, als mit den ebenfalls in der Denisova-Höhle gefundenen Neandertalern aus der vorhergehenden Riss- und Saalekaltzeit. Neandertaler waren demnach offenbar ziemlich mobil. Auch über den Vater lässt sich aus dem Erbgut der 13-Jährigen einiges erfahren. So hatte schon er mindestens einen Neandertaler unter seinen Vorfahren. Demnach scheinen die Menschen der Altsteinzeit zwar weit verstreut über die riesige euroasiatische Landmasse gewesen zu sein, doch immer weniger spricht dafür, dass sie auch voneinander isoliert lebten.