27. Feb. 2020
Aufzucht kleiner Korallenkolonien unterschiedlicher Arten im Flachwasser, Indonesien.

Aufzucht kleiner Korallenkolonien unterschiedlicher Arten im Flachwasser, Indonesien.

Korallenriffe sind Touristenmagnete und gleichzeitig prominente Opfer der menschlichen Eingriffe in die Umwelt. In jüngster Zeit hat ein Trend zur Restauration der bedrohten Ökosysteme eingesetzt. Eine Arbeitsgruppe hat jetzt in "PLoS One" eine Bilanz der Anstrengungen gezogen und fordert mehr Koordination und Austausch.

Die tropischen Korallenriffe werden häufig als Paradebeispiel für die Folgen der menschlichen Eingriffe in das Erdsystem herangezogen. Wegen des menschengemachten Klimawandels steigen die Temperaturen in den oberflächennahen Zonen der Meere, Abwässer und viel zu viel Dünger aus den Flüssen vergiften die küstennahen Bereiche der Ozeane, brutale Fischfangmethoden und rücksichtslose Baumaßnahmen, all das setzt die Riffe unter immensen Stress. Kein Wunder, dass die Bemühungen vor allem in der jüngsten Zeit zunehmen, die gefährdeten Ökosysteme zu verstehen und sie dort zu restaurieren, wo sie bereits stark gestört sind.

Riffbarsche besiedeln Korallenfragmente, die auf kleinen Zementsockeln ausgesetzt wurden, Indonesien.

Riffbarsche besiedeln Korallenfragmente, die auf kleinen Zementsockeln ausgesetzt wurden, Indonesien.

Bild: Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung/Sebastian Ferse
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Riffbarsche besiedeln Korallenfragmente, die auf kleinen Zementsockeln ausgesetzt wurden, Indonesien.

Bild: Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung/Sebastian Ferse

Doch diese Bemühungen sind mit etlichen Mängeln behaftet. "Ein wesentliches Manko ist, dass zwar Forschung stattfindet, sich aber sozusagen auf das biologische Klein-Klein konzentriert. Auf der anderen Seite versuchen Leute in größerem Stil Riffe zu restaurieren. Und häufig wissen die einen nicht von den andern", diagnostiziert Sebastian Ferse, Riffökologe am Leibniz-Zentrum für marine Tropenforschung in Bremen. Während sich Wissenschaftler vor allem auf Detailfragen wie etwa die Befestigung von Korallenfragmenten oder die geeigneten Materialien dafür konzentrieren, kommen die Praktiker der Riffrestauration oft aus wissenschaftsfernen Bereichen. "Das sind ja häufig Leute, die im Tourismusbereich arbeiten, von Tauchresorts, die nebenher Korallentransplantationen durchführen", so Ferse. Diese unterschiedlichen Gruppen haben kein gemeinsames Forum, noch nicht einmal gemeinsame Ziele, Kriterien oder Methoden. "Jeder werkelt isoliert vor sich hin und erfindet das Rad neu", erklärt der Riffökologe. Ferse gehört zu einer Arbeitsgruppe, die in "PLoS One" über den aktuellen Stand der Riffrestaurierungsbemühungen weltweit berichten.

Typisches Bild aus den Anfängen einer Wissenschaft

Es sei das typische Bild aus den Anfängen einer Wissenschaft, schreiben die Wissenschaftler dort: Es gebe einen bunten Strauß unterschiedlicher Ansätze, Fragestellungen, Methoden und Kriterien. Standards, die als Maßstäbe dienen könnten, fehlten, häufig würden sogar die Akteure ungeeignete Indikatoren für ihre eigene Erfolgskontrolle verwenden. Zusammen mit dem Bericht ging eine umfangreiche Datenbank online, in die alle 376 Projekte eingepflegt wurden, die die Autoren identifizieren konnten. Der größte Teil der Einträge stammt aus der wissenschaftlichen Literatur, ist in irgendeiner Form von Fachkollegen geprüft und kann online oder in Bibliotheken nachgelesen werden. Ein Teil der Einträge stammt allerdings aus der sogenannten grauen Literatur, also aus technischen Berichten, Protokollen und weiteren nicht näher geprüften Quellen. Viele Informationen gewannen die Forscher aus direkten Interviews und den Ergebnissen eines Online-Surveys.

Eines der größten Probleme der Riffrestauration ist offenbar, dass die Projekte gar nicht lang genug bestehen, um ihren Erfolg messen zu können. Die durchschnittliche Projektdauer und damit auch die Kontrollzeit betrug in der Untersuchung zwölf Monate. Nur fünf Projekte beobachteten ihr Riff länger als zehn Jahre. "Riffkorallen sind sehr langs wachsende Organismen", so Sebastian Ferse, idealerweise begleitet man ein Restaurationsprojekt über mehrere Jahrzehnte, zumindest aber zehn Jahre." Dabei ist den Wissenschaftlern klar, dass weder die weltweit übliche Förderdauer für wissenschaftliche Projekte noch die Ausdauer von Wirtschaftsunternehmen entsprechend lange Beobachtungszeiten ermöglichen.

Restauration stößt auf Kritik

Allerdings ist die Restauration von Riffen auch nicht unumstritten. Grundsätzliche Kritik kommt von Klimaforschern und aus der Umweltbewegung, die befürchten, dass solche "Reparatur"-Vorhaben den Fokus von den grundlegenden Problemen Klimawandel und der Rolle des Menschen dabei ablenken würden. Nicht unerheblich ist auch die Hypothek, die schlecht gemachte oder kommunizierte Restaurationsprojekte darstellen. "Man weckt Erwartungen bei Stakeholdern, wie Küstengemeinschaften oder Taucher", so Ferse, "dann wird ein großer Aufwand betrieben und nach einem halben Jahr sind trotzdem alle Korallen tot. Das führt zu einem Verlust von sozialem Kapital und Vertrauen."

Dennoch erwartet Sebastian Ferse größere Restaurationsprojekte in der Zukunft. Möglicherweise wird Australien Vorreiter sein, dessen Regierung in den vergangenen Wochen heftige Kritik für ihre Kohlepolitik und den geplanten Bau eines Kohlehafens im Bereich des Großen Barriereriffs vor Queensland einstecken musste. "Genau die geben momentan unheimlich viel Geld für die Rettung des Riffs aus", erklärt der Bremer Riffökologe. Der massive Mitteleinsatz könnte das ersten Riffrestaurationsprojekt mit ganzheitlich ökologischem Ansatz hervorbringen, zumal ein großer Teil der Arbeitsgruppe bereits in Australien aktiv ist.