02. Apr. 2019
 Monsunregen über Bamako, Burkina Faso.

Monsunregen über Bamako, Burkina Faso.

Klimaforschung gehört zu den am höchsten technisierten Wissenschaften. Kaum eine andere benötigt zum Beispiel so viel Computerleistung. Das hat gerade für Afrika gravierende Konsequenzen, denn auf dem Kontinent ist man in Sachen Rechenleistung, Datenübertragung, Speicherkapazität noch lange nicht auf dem Stand des Westens. Dennoch haben afrikanische Klimaforscher mit Hilfe westlicher Kooperationspartner Möglichkeiten gefunden, ihren Heimatländern mit aktueller Forschung zu helfen, die Herausforderungen des Klimawandels zu meistern.

Westafrikas Wohl und Wehe hängt am Monsun. Ist das Windsystem in einer Region stark ausgeprägt, regnet es über der Landmasse zwischen dem Golf von Guinea und den Kapverdischen Inseln mit ihren rund 370 Millionen Einwohnern genug, dass sogar im Sahel Landwirte und Hirten ihr Auskommen haben. Fällt der Niederschlag gering aus, droht schnell eine Hungersnot. Kein Wunder, dass in der Zusammenarbeit zwischen westafrikanischen und europäischen Klimaforschern der Schwerpunkt auf Hilfestellungen für die Landwirte und Regierungen der 17 westafrikanischen Staaten liegt. "In meiner Arbeit hier in Karlsruhe konzentriere ich mich auf den Einfluss des Klimawandels auf die Landwirtschaft, ob also die Hauptkulturen wie Hirse, Sorghum oder Mais in Zukunft noch die richtigen Anbaubedingungen vorfinden werden", betont Diarra Dieng aus dem Senegal, die gerade als Postdoc am Institut für Meteorologie und Klimaforschung des Karlsruhe Institut für Technologie (IMK-IFU) arbeitet.

Burkina Fasos Hauptstadt Bamako bei Einbruch eines Sandsturms.

Burkina Fasos Hauptstadt Bamako bei Einbruch eines Sandsturms.

Bild: NOAA, CC0
Landschaft im Sahel bei ausreichendem Monsun.

Landschaft im Sahel bei ausreichendem Monsun.

Bild: NOAA, CC0
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Burkina Fasos Hauptstadt Bamako bei Einbruch eines Sandsturms.

Bild: NOAA, CC0

Landschaft im Sahel bei ausreichendem Monsun.

Bild: NOAA, CC0
 

Die Arbeitsgruppe von Harald Kunstmann, in der die junge Meteorologin arbeitet, wirft einen weitreichenden Blick in die Zukunft Westafrikas. Das Team am Standort Garmisch-Partenkirchen hat hochaufgelöste Klimaprojektionen für Westafrika erarbeitet, die bis ins Jahr 2100 reichen. "Zum Ende des Jahrhunderts erwarten wir beispielsweise im Sahel einen um eine Woche verspäteten Start der Regensaison, die zudem um fünf bis sieben Tage kürzer sein wird. Und das hat natürlich Auswirkungen auf die Landwirtschaft", erklärt der Direktor der Abteilung "Regionale Klimasysteme" am IMK-IFU. Die Abteilung betreibt ein regionales Klimamodell, mit dem sie das Klima auf Areale von zwölf mal zwölf Kilometer herunterbrechen kann. "Das ist wichtig, denn in Westafrika wechseln die verschiedenen Klimazonen manchmal sehr schnell", so Kunstmann, "und wir müssen sie daher in hoher Präzision abbilden können."

Datengrundlage für die langfristige Planung

Die langfristige Perspektive soll den betroffenen Regierungen eine zuverlässige Datengrundlage für die Steuerung ihrer Ökonomien liefern, denn gerade in Westafrika ist die Landwirtschaft immer noch die Basis der gesamten Wirtschaft, die die meisten Menschen beschäftigt. Langfristige Entwicklungen vorherzusehen erlaubt es diesen Ländern, die Risiken des Klimawandels sachte abzufedern, etwa indem die angebauten Pflanzen entsprechend den zu erwartenden Änderungen variiert werden. Das KIT-Projekt liefert dafür eine gute Grundlage, denn seine Daten sind frei verfügbar. Forschende wie Diarra Dieng müssen sie allerdings auf die Verhältnisse in ihren Heimatstaaten anpassen.

Neben der langfristigen Planung dürfen die Staaten jedoch auch die kurzfristige Steuerung nicht aus den Augen verlieren. "Länder wie Senegal, Bourkina Faso, Ghana oder Mali sind arm und leben von der Subsistenzlandwirtschaft", so Kunstmann, "die Gesellschaften können in der Regel nicht die Folgen von extremen Wetterereignissen, seien es Dürren oder auch Regenfluten, abpuffern, wie das in Europa möglich ist." Daher forschen die KIT-Wissenschaftler auch an der sogenannten saisonalen Wettervorhersage, die über einen Zeitraum von Monaten wesentliche Parameter wie Niederschläge oder Temperaturen prognostiziert. "Extremwetterlagen können schnell Hungersnöte auslösen, daher ist es für diese Staaten wichtig, saisonal planen zu können", betont Kunstmann.

Hilfe für die Menschen im Fokus

Noch wichtiger ist das allerdings für die Menschen vor Ort selbst. Denn ihnen springt im Zweifel kein Staat mit Hilfen, Versicherungsleistungen oder Ausgleichszahlungen zur Seite. "Die Hirten - ob sie nun ausschließlich von der Viehzucht leben oder auch Feldbau betreiben - sind durch den Klimawandel besonders gefährdet", betont Negesu Akilu, Umweltwissenschaftler in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba. Äthiopien versucht mit westlicher Finanzhilfe die halbnomadischen Hirten im Grenzgebiet zu Somalia besser auf den Klimawandel vorzubereiten. "Wir erreichen etwa 380.000 Menschen", erklärt der Direktor des MAR-Projektes, "wir helfen bei Finanzierungen über Mikrokredite und unterstützen die Gemeinden dabei, finanzielle Ressourcen aufzubauen. Für besseres Land- und Wassermanagement haben wir unter anderem ein System aufgebaut, das bessere Wetter- und Klimainformationen liefert."

In diesen entlegenen Regionen gab es zuvor keine Wetterstationen, so dass Vorhersagen unzuverlässig waren. Jetzt liefern 25 automatische Stationen im 15-Minuten-Rhythmus alle wichtigen Daten an den äthiopischen Wetterdienst. Der berechnet kurz- und mittelfristige Prognosen für die Gebiete und eine Saison-Vorhersage. "Die Meldungen werden an die jeweiligen Bedürfnisse angepasst. Wenn sie an eine Gemeinschaft gehen, in der nur Hirten leben, lauten sie zum Beispiel, dass der nächste Monat trockener werden dürfte als normal und sie für ihre Tiere Futter und Wasser speichern oder in ein anderes Gebiet ziehen sollten", berichtet Akilu. Verbreitet werden die Meldungen über Radiostationen, SMS- und neuerdings auch Push-Nachrichten - und zwar nicht in der Amtssprache Amharisch, sondern übersetzt in die Sprache der Empfänger. Die traditionellen Wetterkundigen werden ebenso eingebunden. "Wir bitten die Gemeinden, unsere Informationen mit denen ihrer traditionellen Vorhersagen zu vergleichen und oft stimmen moderne und traditionelle Vorhersagen ganz gut überein", so Akilu. Das kommt den Hirten entgegen. Sie wollen vor allem ihre überlieferte Lebensweise bewahren und nutzen dafür gern die Errungenschaften moderner Wissenschaft.

Kombination aus tradiertem Wissen und Wissenschaft

Die Kombination aus tradiertem Wissen aus Afrika und moderner Wissenschaft aus dem Westen praktiziert auch Oliver Kirui im Hochland von Kenia. Der Sohn eines Bauern ist inzwischen am Zentrum für Entwicklungsforschung in Bonn tätig, doch mit seiner Forschung will er vor allem den Menschen seiner Heimat nutzen. „Wir wollen herausfinden, wie die Bauern ihre Arbeit verbessern und an den Klimawandel anpassen können, damit ihre Höfe für Generationen bestehen bleiben. Dafür besuchen wir im Rahmen unseres Projekts Dörfer und hören, was die Bauern zu sagen haben. Diese Informationen arbeiten wir dann in Modellrechnungen ein, mit denen wir bessere Handlungsoptionen entwickeln wollen", beschreibt er seinen Ansatz.

So sollten die Bauern in Ostafrika und auch in anderen Teilen des Kontinents auf den ach so begehrten Mais verzichten, der viel zu viel Wasser und Dünger benötigt und überdies im harschen Klima des Kontinents nur unterdurchschnittlich gedeiht. "Glücklicherweise haben die Bauern schon viele traditionelle Feldfrüchte wie Kassava, Süßkartoffeln, Sorghum und Hirse wiederentdeckt, denn die verbrauchen weniger Wasser", so Kirui. Allerdings müssen sich auch die Ernährungsgewohnheiten der Verbraucher wieder ändern, denn die haben sich in den vergangenen Jahrzehnten an den Mais gewöhnt. Inzwischen belegen die Daten der Welternährungsorganisation FAO, dass sich ein erster Trend zurück zu den traditionellen Feldfrüchten abzeichnet.