20. Okt. 2016

Der Russian River in Mittelkalifornien trat im März 1998 als Folge der starken Niederschläge über die Ufer.

Der Deutsche Wetterdienst veröffentlicht seit der vergangenen Woche Temperaturprognosen für die jeweils kommenden drei Monate. Das Vorhersagesystem ist das Produkt eines Forschungsprojektes mit Forschern der Universität Hamburg und des Max-Planck-Instituts für Meteorologie. Auf einer Veranstaltung des Deutschen Klima-Konsortiums wurde das Vorhersagesystem jetzt vorgestellt.

Im vergangenen Winter stöhnte der gesamte Pazifikraum unter einem der stärksten El-Ninos seit Beginn der Statistik. In weiten Gebieten Afrikas, Südamerikas, Australiens und Südostasiens war es so trocken, dass die Ernte schlecht war oder komplett ausfiel. In anderen Gebieten wieder überschwemmten starke Regenfälle die Felder und machten den Landwirten einen dicken Strich durch die Ertragsrechnung.

Anders als bei früheren Besuchen des "Christkinds" waren die Menschen in den betroffenen Gebieten diesmal allerdings frühzeitig vorgewarnt. Seit dem Spätsommer 2015 prognostizierten die Wetterdienste rund um die Erde unisono eine sehr starke Erwärmung des tropischen Zentralpazifiks und in deren Folge einen El Nino, der vor Kraft kaum gehen kann. Im Winter 2015/16 kam es genau so. "Das ist, wenn man so will, in der internationalen Jahreszeiten-Vorhersage eine der Erfolgsgeschichten", sagt Johanna Baehr vom Zentrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit der Universität Hamburg.

Baehr arbeitet mit Kollegen des ebenfalls in Hamburg ansässigen Max-Planck-Instituts für Meteorologie und des Deutschen Wetterdienstes in Offenbach an Vorhersagen, die weit über die derzeit üblichen maximal 14 Tage des Wetterberichts hinausgehen und eine komplette Jahreszeit zum Ziel haben. Wie gut die Forscher das können und welche Prognosen überhaupt zu erwarten sind, können Interessierte auf einer DWD-Webseite ablesen, die vor einer Woche freigeschaltet wurde. Damit reihen sich die Deutschen ein in die Phalanx der großen Wetterdienste, die über die direkte Wettervorhersage hinaus immer weiter in die Zukunft blicken und an Vorhersagen für Monate, Quartale bis hin zu Jahrzehnten arbeiten. Ebenso wie die parallelen Entwicklungen aus den USA, Frankreich oder England hat auch ihr German Climate Forecast System (GCFS) den starken El Nino frühzeitig und relativ exakt vorhergesagt.

Karte der Oberflächenwassertemperaturen im Pazifik im September 2015.

Karte der Oberflächenwassertemperaturen im Pazifik im September 2015.

Bild: NOAA
Beispielseite für die Jahreszeitenvorhersage des Deutschen Wetterdienstes: 4. Quartal 2016.

Beispielseite für die Jahreszeitenvorhersage des Deutschen Wetterdienstes: 4. Quartal 2016.

Bild: DWD
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Karte der Oberflächenwassertemperaturen im Pazifik im September 2015.

Bild: NOAA

Beispielseite für die Jahreszeitenvorhersage des Deutschen Wetterdienstes: 4. Quartal 2016.

Bild: DWD

Allerdings ist die Weltkarte, die auf der deutschen Seite zu sehen ist, zu rund 80 Prozent schraffiert, und das ist keine gute Nachricht. "Wir müssen da schraffieren, wo wir nicht garantieren können, dass unsere Aussagewahrscheinlichkeit verlässlich genug ist", erklärt Kristina Fröhlich, die beim Deutschen Wetterdienst für die Jahreszeitenvorhersage zuständig ist. Ausnahmen gibt es just im Zentralpazifik, der für die Entstehung von El Nino entscheidend ist, im Nordatlantik vor Island, in Brasilien und Teilen Chinas. Gerade in Europa jedoch, dem zentralen Arbeitsgebiet des DWD, konnte die Jahreszeitenvorhersage dagegen selbst ihre Macher nicht überzeugen. "Ich glaube, wir können ganz klar sagen, dass wir in absehbarer Zukunft nicht als Entscheidungshilfe für Urlaubsplanung dienen werden", unterstrich Johanna Baehr bei der Vorstellung des Instruments auf einer Veranstaltung des Deutschen Klimakonsortiums in Berlin.

Ohnehin unterscheidet sich die saisonale Vorhersage stark von den typischen Wettervorhersagen, wie sie Fernsehsender jeden Abend für die drei folgenden Tage veröffentlichen. "Wir machen gerade keine Wettervorhersage für drei Monate im Voraus", sagte Wolfgang Müller vom MPI für Meteorologie, "es sind eher Trends oder vielleicht Mitteltemperaturen." Entsprechend können Urlauber nicht bereits im Frühjahr an den Karten ablesen, welche Woche die schönste im Jahr werden wird. Was sie stattdessen sehen können, sind langfristige Temperaturentwicklungen: Ob also der Sommer in Mitteleuropa oder auf der Iberischen Halbinsel wärmer oder kälter als normal sein wird.

Doch Urlauber sind gar nicht die entscheidende Zielgruppe, die Forscher haben vielmehr Unternehmen, Landwirte, Kommunen und Behörden im Blick. Für sie könnten allgemeine Temperaturtrends über ein paar Monate wichtige Informationen darstellen. Die witterungsabhängige Landwirtschaft kann so besser planen, Streudienste der Gemeinden oder aber Energieversorger sich auf einen möglicherweise strengen Winter vorbereiten und vorsorglich Streusalz oder Gas bunkern. Für diese Klientel ist auch ein Bestandteil der saisonalen Wettervorhersage entscheidend: der Gütemaßstab, der deutlich macht, ob die Prognose halbwegs zuverlässig ist. "Vorhersagen kann jeder machen, aber es hilft ja nichts, wenn sie nicht zutreffen", meinte Müller. Allerdings hat diese Qualitätskontrolle beim deutschen Vorhersagesystem derzeit zur Folge, dass die Meteorologen ihre Prognosen für 80 Prozent der Erdoberfläche - darunter fast alle bewohnten Gebiete - umgehend wieder aus dem Verkehr ziehen, weil die Zuverlässigkeit nicht stimmt.

Für die Zukunft soll das natürlich nicht so bleiben, die Arbeitsgruppe forscht intensiv an Möglichkeiten, die Qualität der Vorhersage zu erhöhen. So soll in der nächsten Entwicklungsstufe das Gitternetz, in das das Prognosemodell die Erdoberfläche einteilt, wesentlich engmaschiger werden: statt einer Maschengröße von 200 mal 200 Kilometern soll das Modell dann mit einer Auflösung von 100 mal 100 Kilometern rechnen. "Schon allein dadurch werden wir die Fehlerbalken kleiner machen können", sagt Wolfgang Müller. In späteren Versionen kann dann auch die Gittergröße noch weiter gesenkt werden, auf eine Maschenweite von vielleicht 40 oder 60 Kilometer, "und dann", sagt Kristina Fröhlich vom DWD, "würden wir uns auch für Deutschland zutrauen, Vorhersagen zu machen". Die könnten dann auch noch andere Informationen als nur die Temperatur liefern: Etwa, ob ein Sommer feuchter oder trockener als normal wird, oder ein Herbst stürmischer oder ruhiger.

Bis es soweit ist, verweisen die drei Klimaforscher auf die Prognosefähigkeit ihres Systems für das pazifische Geschwisterpaar El Nino und La Nina. Für die anstehende La-Nina-Phase sagt die deutsche Jahreszeitenvorhersage eine nur durchschnittliche Ausprägung voraus. Südostasien und Australien brauchen also keine sintflutartigen Regenfälle befürchten, und die Trockenheit an der südamerikanischen Westküste wird auch nicht so ausgeprägt sein, wie Experten es nach dem Extrem-El-Nino von 2015/16 befürchteten.