11. Jul. 2019
Blick auf Canberra mit Sommertemperaturen von über 40 Grad.

Blick auf Canberra mit Sommertemperaturen von über 40 Grad.

Zwei Drittel der Menschheit wird 2050 nach UN-Angaben in Städten leben und dort wird der Klimawandel besonders stark zu spüren sein. Eine Studie von Ökologen der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich in "PLoS One" hat für die 520 größten Städte der Erde untersucht, wie sich ihr lokales Klima bis zur Mitte des Jahrhunderts ändern wird.

Hamburg und Köln werden dann Temperaturen sehen wie derzeit Mittelitalien, die Spitzenmonate im Sommer werden um fünf bis sechs Grad, die kältesten Wintermonate um zwei bis drei Grad wärmer sein als heute. Berlin dagegen wird ein Klima wie die australische Hauptstadt Canberra bekommen, mit Sommermonaten, die mehr als sechs Grad, und Wintermonaten, die immerhin 2,6 Grad wärmer als derzeit sind. In München ändert sich weniger, sein Klima wird werden wie es heutzutage in Mailand ist: Warme Sommer mit Temperaturen um 25 Grad und milde Winter, die knapp unterhalb des Gefrierpunkts liegen.

Im Süden Europas werden Temperaturen wie derzeit in Nordafrika oder im Nahen Osten herrschen. Das künftige Klima von Madrid etwa herrscht heute in Marrakesch, das von Athen in Fez, beide in Marokko, und Römer können sich in Adana im Süden der Türkei mit ihren zukünftigen Lebensumständen vertraut machen. Weitere Städte lassen sich auf der interaktiven Karte des Crowther Lab nachschauen.

Studie soll Klimafolgen vor Ort visualisieren

Die Wissenschaftler um Tom Crowther, Professor für globale Ökosystemforschung, wollen mit ihrer Städtekarte die sogenannte Konsenslücke füllen, die Klimaforscher bei der Verbreitung ihrer Erkenntnisse in Medien und Öffentlichkeit ausgemacht zu haben glauben. "Die Information über den Klimawandel scheitert darin, dem Publikum die Dringlichkeit auf einer konsistenten Grundlage zu vermitteln", schreiben Crowther und seine Kollegen in ihrem Artikel in "PLoS One". Das öffne die Tür für weitverbreitete Mißverständnisse.

Ihr Instrument zum Schließen dieser "Konsenslücke" besteht darin, die globalen Angaben der Modelle, die von IPCC und anderen Gremien berichtet werden, in möglichst konkrete Ortsinformationen umzusetzen. Sie legen dem ein moderates Szenario zugrunde, den sogenannten RCP-4.5 des IPCC: Die Treibhausgaskonzentration steigt, wenn auch nur mäßig von heute gut 400 ppm auf 650 ppm im Jahr 2100, die globale Mitteltemperatur wird um 2,6 Grad über dem Wert vor Beginn der Industrialisierung liegen.

Drei Viertel aller Städte stehen vor dramatischen Änderungen

Die Wissenschaftler betrachteten für jede einzelne der 520 Städte, wie sich insgesamt 19 Variablen verändern werden, die die Temperaturen und Niederschläge vor Ort bestimmen. Dann suchten sie unter nach Entsprechungen unter den heutigen Stadtklimaten. Danach wird sich in 77 Prozent der Städte das Klima drastisch ändern, in den restlichen 23 Prozent wird es weitgehend so bleiben wie bisher.

In einem Fünftel der Metropolen werden Bedingungen herrschen, wie sie in keiner derzeitigen Vergleichsstadt herrschen. "Es sind tatsächlich Umweltbedingungen, wie sie derzeit nirgends auf dem Planeten zu erfahren sind", sagte Tom Crowther gegenüber dem "Guardian". Es sind offenbar insbesondere Städte in den Tropen, die in diese Kategorie fallen. Temperatursteigerungen werden in ihnen weniger ein Problem werden als eine Veränderung der Niederschläge. Es wird grundsätzlich trockener werden und die Niederschläge werden sich stärker auf einzelne Starkregen konzentrieren.

Entscheidungshilfe für Entscheidungsträger

In den gemäßigten Zonen wird in den Städte dagegen grundsätzlich ein Klima herrschen, wie es rund 1000 Kilometer weiter in Richtung Äquator herrscht. In Osteuropa kommt dann noch der Einfluss des Kontinentalklimas hinzu. Für Belgrad etwa kommen die Forscher auf ein Klima, wie es derzeit im texanischen San Antonio herrscht: heiße und trockene Sommer und warme Winter oberhalb des Gefrierpunkts. "Unsere Ergebnisse helfen Entscheidungsträgern in den Städten, die voraussichtlichen Änderungen zu erfassen und sich rechtzeitig nach Lösungen für die anstehenden Probleme umzusehen", schreiben die Autoren in ihrem Bericht.