12. Jun. 2018
Hauptautorin Alia Leznek bei der Probennahme auf der Suemez-Insel in Südalaska.

Hauptautorin Alia Leznek bei der Probennahme auf der Suemez-Insel in Südalaska.

Der amerikanische Doppelkontinent war die letzte Landmasse, die sich der moderne Mensch erschloss. Dass dies erst nach der jüngsten Eiszeit geschah, ist weitgehend unumstritten, doch das genaue Timing und vor allem der konkrete Ablauf der Einwanderung hat sich als schwer zu lösendes Problem herausgestellt. Zwei Aufsätze in "Science Advances" und "Science" klären jetzt entscheidende Details der frühen Besiedlung.

Die Wahrscheinlichkeit steigt, dass sich die ersten Bewohner Amerikas den Doppelkontinent entlang der Westküste erschlossen haben, und so die schnellstmögliche Route zur Verfügung hatten, um direkt bis Südamerika zu gelangen. Ein Geologenteam der Universitäten von Buffalo und South Dakota hat bei einem Schlüsselabschnitt auf diesem Weg untersucht, ob er im fraglichen Zeitraum überhaupt passierbar war. "Wir haben mit die ersten geologischen Hinweise gesammelt, dass der Weg die Küste entlang für die frühen Besiedler Amerikas offen stand", fasst die Hauptautorin Alia Lesnek, Doktorandin am Institut für Geologie der Universität Buffalo, laut einer Pressemitteilung der Universität den Bericht in "Science Advances" zusammen.

Karte des Alexander-Archipels vor der Küste von Südalaska mit den Probennahmen-Stellen. In gelb ist eine bekannte Fundstelle von spätpleistozänen Säugetierknochen eingezeichnet.

Karte des Alexander-Archipels vor der Küste von Südalaska mit den Probennahmen-Stellen. In gelb ist eine bekannte Fundstelle von spätpleistozänen Säugetierknochen eingezeichnet.

Bild: Science Advances/ Jason Briner
Arbeitsgruppenleiter Jason Briner von der Universität Buffalo bei der Geländearbeit auf der Suemez-Insel in Südalaska..

Arbeitsgruppenleiter Jason Briner von der Universität Buffalo bei der Geländearbeit auf der Suemez-Insel in Südalaska.

Bild: Science Advances/ Charlotte Lindqvist
Die entlegenen Inseln des Alexander-Archipels vor Südalaska konnten die Wissenschaftler um Jason Briner oft nur per Helikopter erreichen.

Die entlegenen Inseln des Alexander-Archipels vor Südalaska konnten die Wissenschaftler um Jason Briner oft nur per Helikopter erreichen.

Bild: Science Advances/Jason Briner
Steilles Terrain, schlechtes Wetter und dichte Vegetation machten die Suche nach geeigneten Stellen zur Probennahme aufwendig.

Steilles Terrain, schlechtes Wetter und dichte Vegetation machten die Suche nach geeigneten Stellen zur Probennahme aufwendig.

Bild: Science Advances/Jason Briner
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Karte des Alexander-Archipels vor der Küste von Südalaska mit den Probennahmen-Stellen. In gelb ist eine bekannte Fundstelle von spätpleistozänen Säugetierknochen eingezeichnet.

Bild: Science Advances/ Jason Briner

Arbeitsgruppenleiter Jason Briner von der Universität Buffalo bei der Geländearbeit auf der Suemez-Insel in Südalaska.

Bild: Science Advances/ Charlotte Lindqvist

Die entlegenen Inseln des Alexander-Archipels vor Südalaska konnten die Wissenschaftler um Jason Briner oft nur per Helikopter erreichen.

Bild: Science Advances/Jason Briner

Steilles Terrain, schlechtes Wetter und dichte Vegetation machten die Suche nach geeigneten Stellen zur Probennahme aufwendig.

Bild: Science Advances/Jason Briner

Nach dem Ende der jüngsten Eiszeit gelangten die Vorfahren der Ureinwohner über die noch bis vor rund 11.000 Jahren trockene Beringstraße aus Nordostasien nach Alaska, soweit herrscht Einigkeit unter den Experten für die früheste amerikanische Besiedelung. Doch gehen die Meinungen darüber auseinander, welche Route die Einwanderer nahmen, nachdem sie das eisfreie Innere Alaskas durchwandert hatten. Lange Zeit hatte man geglaubt, dass sie sich östlich der amerikanischen Kordilleren im Landesinneren hielten und über die dortigen Ebenen nach Süden gelangten. Während der Eiszeit war dieses Gebiet von einem gewaltigen Eisschild bedeckt, die Gletscher aus dem Hochgebirge der Westküste speisten ihn ebenso wie der sogenannte Laurentidische Eisschild, der Ost- und Mittelkanada bedeckte. Passierbar wurde das Inlandseis erst, als sich eine Lücke gebildet hatte. Alternativ wurde eine Küstenroute westlich der Kordilleren über die Inseln und durch manche Fjorde an der Küste entlang angenommen.

"Küstenroute öffnete sich genau zur richtigen Zeit"

Die Wissenschaftler der Arbeitsgruppe Paläoklimatologie von der Universität Buffalo untersuchten den rund 500 Kilometer langen Küstenabschnitt im sogenannten Alaska-Pfannenstiel, dem schmalen Küstenstreifen im Süden des Bundesstaats mitsamt dem vorgelagerten Alexander-Archipel. Es ist eine für die Küstenroute kritische Teilstrecke, denn die Küstengebirge beginnen in geringer Entfernung und ihre Gletscher könnten den Weg nach Süden komplett versperrt haben. Die Forscher unter Leitung von Jason Briner suchten daher nach Hinweisen auf den Zeitpunkt, an dem sich die Eismassen von den Küsten zurückgezogen hatten. Dazu testeten sie Bodenproben von den vier westlichsten Inseln des Alexander-Archipels auf kosmisches Beryllium-10. Es reichert sich in der Oberfläche nur an, wenn diese nicht durch Eis bedeckt ist, daher kann man aus seinem Gehalt errechnen, ab wann die Eisdecke verschwunden war. Die Forscher kamen auf ein Alter von 17.000 Jahren mit einer Ungenauigkeit von ±700 Jahren. Funde auf der Mitrof-Insel zeigen überdies, dass in der Gegend keine 1000 Jahre vergingen, bis aus der Einöde einer Gletscherbrache ein funktionierender Wald wurde, in dem die Einwanderer auch Nahrung finden konnten.

"Die Küstenroute öffnete sich genau zur richtigen Zeit, denn es ist genau die Zeit, die wir für den Beginn der Besiedlung annehmen", betont Charlotte Lindqvist, Professorin für Biologie an der Universität von Buffalo in der Pressemitteilung. Aufgrund jüngster Funde in Südamerika hatten Archäologen berechnet, dass die einwandernden Menschen vor rund 16.000 Jahren den nordamerikanischen Eisschild hätten passieren müssen, um all die Fundstätten im Süden des Doppelkontinentes rechtzeitig zu erreichen, die in den vergangenen Jahren entdeckt wurden. Insbesondere die berühmte, 12.000 Kilometer entfernte Fundstelle Monte Verde im zentralchilenischen Küstengebiet bei Puerto Montt war eine harte Nuss, denn die dortigen Funde sind mittlerweile nahezu unumstritten auf ein Alter von 12.000 bis 14.000 Jahre datiert. Viele Forscher gehen daher davon aus, dass die Erstbesiedler Amerikas bereits vor 14.500 Jahren in der Region um Puerto Montt auftauchten.

Diese Berechnungen haben inzwischen wohl die Route durch das nordamerikanische Landesinnere aus dem Rennen gekegelt. Denn jüngste Forschungen haben ergeben, dass sich die Lücke im Eisschild frühestens vor 16.000 Jahren öffnete und dann noch einmal ein paar Jahrtausende verstrichen, bevor aus einer kahlen Steinwüste ein Ökosystem entstanden war, in dem sich Menschen ernähren konnten. Gleichwohl bleiben Teile der alten Vorstellung von der Besiedlung Amerikas bestehen. Weiterhin gibt es die Clovis-Funde, die rund 11.000 Jahre alten Pfeilspitzen im Mittleren Westen der USA, auch weisen linguistische und genetische Studien übereinstimmend die Ureinwohner im Nordosten Nordamerikas als eine eigenständige Gruppe aus, die sich deutlich von den Besiedlern im Westen und Süden des Doppelkontinents unterscheidet.

Südlich des Eisschildes trennten sich die Wege

Eine Gruppe von Paläogenetikern der Universitäten Cambridge und Illinois hat jetzt in "Science" mögliche Szenarien vorgestellt, wie die verwirrenden Befunde integriert werden können. Die Forscher hatten Erbgutproben von 91 Paläoindianern aus Alaska, von den Santa-Barbara-Inseln vor Südkalifornien und aus Ostkanada neu sequenziert und etliche bereits publizierte Genome hinzugezogen, um die verwandtschaftlichen Zusammenhänge aufzuklären. Danach sind die Erstbesiedler Amerikas in einem einheitlichen Zug bis zum Südrand des nordamerikanischen Eisschildes gekommen, haben sich dort in verschiedene Gruppen aufgetrennt, die weiter nach Süden beziehungsweise in den Osten zogen und sich später teilweise wieder vereinigt haben.

So gehören die Ureinwohner der Algonkin-Sprachfamilie in Ostkanada zu einer solchen Gruppe, die sich schon sehr früh vom Hauptstrom der Einwanderer abnabelte und in den Osten Nordamerikas wanderte. Während die Algonkin-Sprecher dort blieben, haben sich offenbar einige andere Ureinwohner wieder auf den Weg zurück nach Westen und dann nach Süden gemacht, wo sie auf ihre entfernten Verwandten trafen und sich mit ihnen vermischten. Welches der insgesamt vier möglichen Szenarien zutrifft, lasse sich, so schreiben die Autoren um Christiana Scheib in "Science" erst mit der Erbgutanalyse von zusätzlichen Funden aus dem Ende des Pleistozäns klären.