21. Jan. 2019
Blick in das Bohrloch durch mehr als 1000 Meter dickes Eis der Westantarktis in den Mercer-See.

Blick in das Bohrloch durch mehr als 1000 Meter dickes Eis der Westantarktis in den Mercer-See.

Die lebensfeindliche Oberfläche der antarktischen Eisschilde lässt vergessen, dass sich unterhalb der kilometerdicken Gletscher ein vielfältiges Netzwerk von Seen und Flüssen befindet, in dem sich offenbar auch Lebewesen halten können. Soeben sind US-Wissenschaftler von einer Bohrkampagne in den Mercer-See auf der Grenze von Ost- und Westantarktis zurückgekehrt. Sie fanden in ihren Proben aus dem tief unter dem Eis gelegenen See sogar Überreste von Krebstieren.

2019 begann für David Harwood von der Universität Nebraska mit einer Riesenüberraschung. 600 Kilometer vom Südpol entfernt war der Mikropaläontologe im Bohr-Camp des SALSA-Projektes, um den unter mehr als einem Kilometer Eis begrabenen Mercer-See zu beproben. "Ich sah mir eigentlich nur aus Neugier den Schlamm an, den wir mit einem unserer ersten Instrumente vom Seeboden empor geholt hatten und fand darin den Panzer eines winzigen Krebstiers", berichtete Harwood. Ein Krebs in einem See am Fuß des Transantarktischen Gebirges, der seit vielen Tausend Jahren von einem mächtigen Gletscher bedeckt war. Kein Wunder, dass die SALSA-Forscher an eine Verunreinigung der Probe glaubten und erst auf weitere Proben warteten. "Wir sichteten die nächste Probe und nach etwa einer halben Stunde sahen wir wieder einen Chitinpanzer, diesmal bernsteinfarben und sehr frisch", so Harwood.

Luftbild vom Camp des SALSA-Projektes in der Westantarktis.

Luftbild vom Camp des SALSA-Projektes in der Westantarktis.

Bild: SALSA/Billy Collins
Alan Gagnon, WHOI, am Bohrgestänge des SALSA-Projektes in der Westantarktis.

Alan Gagnon, WHOI, am Bohrgestänge des SALSA-Projektes in der Westantarktis.

Bild: SALSA/Billy Collins
Zwei Bohrkerne aus dem Sediment des Mercer-Sees in der Westantarktis.

Zwei Bohrkerne aus dem Sediment des Mercer-Sees in der Westantarktis.

Bild: SALSA/Billy Collins
Blick auf das SALSA-Camp in der Westantarktis Mitte Dezember.

Blick auf das SALSA-Camp in der Westantarktis Mitte Dezember.

Bild: SALSA
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Luftbild vom Camp des SALSA-Projektes in der Westantarktis.

Bild: SALSA/Billy Collins

Alan Gagnon, WHOI, am Bohrgestänge des SALSA-Projektes in der Westantarktis.

Bild: SALSA/Billy Collins

Zwei Bohrkerne aus dem Sediment des Mercer-Sees in der Westantarktis.

Bild: SALSA/Billy Collins

Blick auf das SALSA-Camp in der Westantarktis Mitte Dezember.

Bild: SALSA

Inzwischen haben Harwood, der soeben aus der Antarktis in sein Labor zurückgekehrt ist, und seine Kollegen, die noch in der US-Antarktisstation McMurdo sind, zwischen fünf und acht verschiedene Vertreter von Tieren, Pflanzen und Pilzen in den Proben vom Mercer-See gefunden. "Wir haben keine Ahnung, um was genau es sich da handelt, denn offen gestanden haben wir überhaupt keine Experten für solche Tiere im Team gehabt", meint der US-Amerikaner, der selbst Fachmann für Kieselalgen ist. Niemand im vielköpfigen SALSA-Team hatte damit gerechnet, unter dem antarktischen Eispanzer größere Lebewesen als Viren, einzellige Algen oder Bakterien zu finden. "Wir haben gerade erst Fachleute für die Identifizierung der Vielzeller eingeschaltet", erklärt David Harwood. Und so ist weder klar, welche Lebewesen das SALSA-Team in den Bohrkernen gefunden hat, noch woher diese eigentlich kommen.

Grundsätzlich lebensfreundliche Bedingungen

Der Mercer-See selbst ist keineswegs lebensfeindlich. "Die Wassertemperatur beträgt -0,65 Grad Celsius und es ist ein Süßwassersee wie in den Alpen oder den Rocky Mountains", erklärt SALSA-Projektleiter John Priscu von der Montana State University, der 2013 schon den Whillans-See ein paar hundert Kilometer weiter in Richtung der McMurdo-Station erbohrt hatte. Der See ist ungefähr 15 Meter tief und in seinem Wasser ist genügend Sauerstoff gelöst. "Es gibt also nichts, das Lebewesen dort behindert, außer dass der See seit geraumer Zeit weder Licht nicht Atmosphäre gesehen hat", so David Harwood. Und so könnten Lebewesen dort unten ein Problem mit der Nahrung bekommen, denn ohne Licht gibt es keine Pflanzen, die die Basis einer Nahrungspyramide bilden. Es ist daher möglich, dass die Vielzeller gar nicht vom Mercer-See selbst stammen, sondern von weiter her kommen und wahlweise mit Wasserläufen unter dem Eis oder mit dem Eis selbst in den See gelangten. "Sie könnten aus den Bergen stammen, die in wärmere Perioden eisfrei waren", sagt David Harwood. Dann hätten sie eine "antarktische Oase" bewohnt, wie sie heute die Trockentäler am Ross-Eisschelf direkt gegenüber der US-Station McMurdo bilden.

Wie lange die winzigen Überreste dann vom Eis konserviert wurden, ist nicht klar. Die Überreste könnten auch aus einer Zeit stammen, als der Südozean unter die Eiskappe reichte und Meereslebewesen bis weit ins Landesinnere gelangen konnten. Auch solche Situationen hat es häufiger und in der Geschichte der Antarktischen Eisschilde gegeben. Beiden Szenarien gemeinsam wäre allerdings, dass die SALSA-Forscher Spuren von längst gestorbenen Tieren entdeckt haben. Als drittes Szenario diskutiert man allerdings weiterhin, dass die Tiere tatsächlich im Mercer-See leben und sich dort von eingeschwemmten Algen und anderen Mikrolebewesen ernähren.

Ursprung der Lebewesen ist unbekannt

Die Klärung dieser Frage wird noch etliche Monate auf sich warten lassen, denn John Priscu und seine Kollegen hatten noch keine Zeit für ausführliche Datierungen. "Die meisten Proben sind derzeit noch mit dem Schiff unterwegs, damit wir sie in unseren Heimatlaboren genau untersuchen können", erklärt Priscu, der selbst auch noch keine Woche wieder zurück in seinem Labor in Bozeman ist. Im August wollen sich die SALSA-Forscher zu einer ersten Bilanz in Montana treffen. Gut möglich, dass dann deutlicher wird, woher die Lebewesen unter dem Eis genau stammen. Für John Priscu ist schon jetzt klar, dass die Untersuchungen am Whillans-See 2013 und jetzt am Mercer-See das Bild von der Antarktis stark verändert haben. "Früher wurde die Antarktis in den Lehrbüchern über die Biosphäre noch nicht einmal erwähnt, wir haben sie von einem Eisblock in eine lebendige Komponente des Erdsystems verwandelt."