29. Jun. 2018
Die Kreidefelsen von Rügen auf der Halbinsel Jasmund

Die Kreidefelsen von Rügen auf der Halbinsel Jasmund.

An den Steilküsten der Welt ist mit eigenen Augen zu sehen, wie die Erosion die Erdoberfläche verändert. Steinschläge und Felsrutsche gehören hier zum Alltag. Das Beobachtungsnetzwerk des Deutschen Geoforschungszentrums an den berühmten Kreidefelsen von Rügen hat dort in den vergangenen 14 Monaten 50 größere Abbrüche gezählt. Jetzt wurde das Observatorium – vorerst – abgebaut und Bilanz gezogen.

Zum Jahreswechsel krachte es auf Rügen besonders laut. Gleich mehrfach lösten sich an der berühmten Steilküste der Halbinsel Jasmund zwischen Sassnitz und dem Königsstuhl Teile der Kreidefelsen und polterten mit viel Getöse ins Meer. "Da kamen innerhalb von wenigen Tagen zwölf Ereignisse runter", berichtet Michael Dietze, Geomorphologe am Deutschen Geoforschungszentrum in Potsdam (GFZ). Am Ende lagen rund 6000 Kubikmeter Kreidefelsenschutt auf dem schmalen Strandstreifen, der im Sommer so gern von Touristen besucht wird.

Die Kreidefelsen von Rügen auf der Halbinsel Jasmund.

Die Kreidefelsen von Rügen auf der Halbinsel Jasmund.

Bild: GFZ/Michael Dietze
Die seismische Station mit Meteorologieaufsatz.

Die seismische Station mit Meteorologieaufsatz.

Bild: GFZ/Michael Dietze
Verteilung der Rutschungen an der Kreideküste von Jasmund.

Verteilung der Rutschungen an der Kreideküste von Jasmund.

Bild: GFZ/Michael Dietze
Aufzeichnungen einer Rutschung vom 21. März 2017 auf allen vier Seismometern.

Aufzeichnungen einer Rutschung vom 21. März 2017 auf allen vier Seismometern.

Bild: GFZ/Michael Dietze
Seismometerablesung auf Jasmund.

Seismometerablesung auf Jasmund.

Bild: GFZ/Michael Dietze
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Die Kreidefelsen von Rügen auf der Halbinsel Jasmund.

Bild: GFZ/Michael Dietze

Die seismische Station mit Meteorologieaufsatz.

Bild: GFZ/Michael Dietze

Verteilung der Rutschungen an der Kreideküste von Jasmund.

Bild: GFZ/Michael Dietze

Aufzeichnungen einer Rutschung vom 21. März 2017 auf allen vier Seismometern.

Bild: GFZ/Michael Dietze

Seismometerablesung auf Jasmund.

Bild: GFZ/Michael Dietze

Der Felsrutsch war der größte, den Dietze und seine Kollegen vom GFZ in den 14 Monaten beobachteten, in denen sie im Nationalpark Jasmund ein Kliff-Observatorium betrieben. Von März 2017 bis Mai 2018 hatten die Geowissenschaftler vier Seismometer und eine sogenannte seismische Antenne entlang der rund neun Kilometer Steilküste installiert, um die Steinschläge und Felsstürze an dem Touristenmagnet zu protokollieren.  "In den 14 Monaten gab es 50 Ereignisse", so die Bilanz des GFZ-Mitarbeiters, der derzeit an der Datenauswertung sitzt. Augenzeugen meldeten im selben Zeitraum dagegen nur rund zehn Rutschungen.

Observatorium registrierte Rutschungen von wenigen Hundert Kubikmeter

Nicht alle Ereignisse, die die Seismometer einfingen, waren so groß wie die Gerölllawinen vom Jahreswechsel 2017/18, die Geräte zeichneten bereits Rutschungen von wenigen hundert Kubikmeter auf. Und ihnen gingen beileibe nicht nur die Felsabgänge ins Netz. "Wir haben eine ganze Menge interessanter Signale aufgezeichnet", so Michael Dietze, "das erste ist eben der Wellenschlag, wir haben jede Menge Helikopter und wir haben die Einschläge der Projektile, wenn dort eine Jagd auf Rehe und Wildschweine ist." Was auf Jasmund nahezu völlig fehlt, ist der alltägliche Hintergrundlärm durch Industrieanlagen, Verkehrswege und große Siedlungen, der in weiten Teilen Deutschlands solche Messungen behindert. "Zum anderen ist es auch seismisch sehr, sehr ruhig", führt der Geomorphologe weiter aus, "das ist für uns wichtig, um diese kleinen Signale messen zu können, die durch die Kliffküstenabbrüche ausgelöst werden."

Die Arbeitsgruppe betreibt Messnetze unter anderem in den Alpen und auf Taiwan, um Ursachen und Verlauf von Erdrutschen und Felsstürzen zu erforschen. Gerade ist Michael Dietze zum Hochvogel im Allgäu aufgebrochen, wo derzeit rund 40.000 Kubikmeter Fels mit einer Rate von 40 Zentimeter abrutschen und man befürchtet, dass ein gewaltiger Bergrutsch unmittelbar bevorsteht. Die GFZ-Forscher wollen das Ereignis so umfassend wie möglich dokumentieren. In Taiwan bauen sie derzeit das größte Beobachtungsnetzwerk auf, denn dort treffen eine der derzeit schnellsten Gebirgsbildungen mit den heftigsten Regenfällen der Erde zusammen. Die Folge sind dramatische Erdrutsche in jeder Taifun-Saison.

Ursachensuche an den Kreidefelsen

Was die Felsstürze an den Rügener Kreidefelsen dagegen auslöst, ist nach 14 Monaten Intensivbeobachtung rätselhafter denn je. Zusätzlich zu den Seismometern haben Dietze und seine Kollegen eine meteorologische Station aufgebaut, die Informationen über Niederschlag, Temperatur, Wind und dergleichen liefert. Wasserstand und Wellengang kamen von der Nationalparkverwaltung und regelmäßige Drohnenflüge die Steilküste entlang sorgten für genaue Fotodokumentation. "Wir haben erwartet, dass wir meteorologische Faktoren finden, die das ganze destabilisieren und die wir in Bezug setzen können, aber das sehen wir halt interessanterweise überhaupt nicht", räumt Dietze ein.

Eine auffällige zeitliche Parallele zeigt sich allerdings beim Blick auf den Grundwasserstand. Im allgemeinen ist es in Waldgebieten so, dass das Grundwasser zwischen Mitternacht und Sonnenaufgang seinen Tageshöchststand erreicht. Dann betreiben Bäume und die anderen Pflanzen keine Photosynthese mehr und reduzieren auch die Atmung auf ein Minimum, folglich saugen sie auch nur minimal Wasser aus dem Boden. An den Kreidekliffs von Jasmund fallen 70 bis 80 Prozent der Steinschläge in genau diesen Zeitraum. "Jetzt könnte man salopp sagen: Wir zählen eins und eins zusammen, das will ich aber noch nicht", sagt Dietze vorsichtig und nennt es lieber Arbeitshypothese, dass der Grundwasserstand etwas mit den Rutschungen zu tun hat. Die Arbeitsgruppe will als nächstes genau prüfen, ob die Grundwassermesswerte der Halbinsel Jasmund sich tatsächlich mit den Kliffabbrüchen synchronisieren lassen.

Permanentes Netzwerk soll aufgebaut werden

Die 14 Monate auf Jasmund sollen ohnehin nicht das Ende der Kliffbeobachtung auf Rügen sein. Die Geomorphologen aus Potsdam wollen den Sommer nutzen, um einen Förderantrag für ein permanentes Beobachtungsnetzwerk auf den Kreidefelsen zu schreiben. Das diente dann nicht nur der Grundlagenforschung über die Entstehung von Felsabbrüchen, sondern würde auch Besuchern und Nationalparkverwaltung konkreten Nutzen bringen. Denn die Schönheit der Kreidefelsen überstrahlt das Risiko, das die brüchige Steilküste für alle bedeutet, die sie vom Strand an ihrem Fuß bewundern wollen. Die Meldungen von Unfällen oder gar Todesfällen durch Steinschläge kursieren regelmäßig.

Ein Beobachtungsnetzwerk kann zwar nach gegenwärtigem Kenntnisstand keine Frühwarnung liefern, doch es kann der Parkverwaltung signalisieren, wann sie das Ostseeufer am Fuß der Steilküste besser sperren sollte, und es kann den Nationalparkbesuchern zeigen, warum sie lieber auf den Kliffs bleiben. Denn die Felsrutsche sind in den allermeisten Fällen keine Einzelereignisse sondern kommen in Clustern. "Das heißt, das denkbar schlechteste wäre, nach einer Rutschung zum Ufer hinunterzusteigen und nachzusehen, was da unten angekommen ist", warnt Michael Dietze.